Deutsch-französische Eigenarten

Die Liebe zum Detail

Klischees, Vorurteile, Stereotypen? Jeden Sonntag werden im Abendprogramm des Fernsehsenders ARTE deutsche und französische Eigenschaften detailliert erläutert. Ziel der Sendung ist es, die Völkerverständigung zwischen den Ländern anzukurbeln.
Das Logo der Sendung Karambolage
Das Logo der Sendung Karambolage

Redakteurin Luna Ragheb stellt Jeanette Konrad von "Karambolage" bei einem Rätsel auf die Probe:

Redakteurin Luna Ragheb im Gespräch mit Jeanette Konrad von der Arte-Sendung Karambolage 

Seit dem Zweiten Weltkrieg entfaltete sich auf dem europäischen Kontinent der Wunsch nach einem "gemeinsamen Europa". Für ein solches Vorhaben benötigt man eine 'Völkerverständigung' zwischen den Nationen, die durch eine Kulturvermittlung zwischen den Ländern verwirklicht werden kann. Unter diesen Umständen, entwickelte sich Ende der achtziger Jahre in den deutsch-französischen Beziehungen der Gedanke, ein gemeinsames Fernsehprogramm zu verwirklichen, welches 1992 in der Gründung des europäischen Kulturkanals Arte vollendete. Eines der Hauptziele des Kultursenders Arte repräsentiert der Gedanke der Kulturvermittlung, welche eine europäische 'Völkerverständigung' fördern soll. Der Sender Arte orientiert sich bei seinem Kulturverständnis an der Alltagskultur und spricht somit ein breites Publikum an. In diesem Sendekonzept Artes entstand 2004 die deutsch-französische Sendung "Karambolage", die sich mit alltäglichen deutsch-französischen Kuriositäten auseinandersetzt und dem Publikum näher erläutert. 

Ein unterschiedliches Kulturverständnis

Bei der Gründung des Senders Arte erwies sich die Programmgestaltung als besondere Herausforderung. Man muss zwei von Grund auf verschiedene Kulturverständnisse verbinden. Das deutsche Kulturprogramm orientiert sich an einem weiten Kulturgedanken, den man als 'Alltagskultur' bezeichnen kann, während das französische Kulturprogramm auf einem elitären Kulturbegriff beruht. Dieser elitäre Kulturbegriff teilt eine enge Bindung zum "sogenannten kulturellen Erbe der Grande Nation". Bei der Gründung des Senders Arte trafen genau diese zwei 'Kulturextreme' aufeinander.

Also für die Franzosen ist "culture" ja immer etwas anderes, als für die Deutschen "Kultur". Das hat man nicht nur bei Arte gemerkt. Es ist ein dauerhaftes Thema. Vor allem bei der Gründung des Senders, hat das Thema große Probleme bereitet. Die Franzosen verstehen unter Kultur eher Hochkultur. Sie denken an Molière und große Dichter und Denker. Die Deutschen denken anders beim Kulurbegriff. Der Begriff ist eigentlich viel weiter gefasst und bezieht sich mehr auf Alltagskultur. Für Karambolage 2004 war die Idee, dass wir wirklich über Alltagskultur reden, und zwar über Details der Alltagskultur in Deutschland und in Frankreich. Wo wir auch an Hochkultur vielleicht stoßen, aber darum geht es uns eigentlich nicht. Es geht uns darum, wie leben die Deutschen, die Franzosen. Was sind die kleinen, feinen Unterschiede und was sagt uns das über das andere Land, die anderen Leute aus. 

Jeanette Konrad, Mitarbeiterin bei der Sendung "Karambolage"

"Karambolage": Eine binationale Sendung

In zehn bis elf Minuten bespricht die Sendung detailliert Themen der Alltagskultur Deutschlands und Frankreichs. Hinter der Sendung steht ein deutsch-französisches Team. Die Redakteure und Grafiker stammen aus beiden Ländern.  

Die Erfinderin von Karambolage legt besonderen Wert auf diese binationale Zusammenarbeit:

Schließlich lag mir daran, mit Autoren zusammenzuarbeiten, die, ob Sprachwissenschaftler, Schriftsteller, Journalisten oder einfach subtile Beobachter, täglich in diesen Sprachen oder Kulturen, der deutschen wie der französischen, leben und bereit sind, bei der Karambolage mitzuspielen.

Claire Doutriaux, Karambolage

Auch der Name deutet auf das Aufeinandertreffen der deutschen und französischen Kulturen, durch die deutsche Schreibweise mit 'K' des aus dem Französisch stammenden Wortes "Karambolage". Des Weiteren umfasst der Name "Karambolage" ziemlich konkret den Inhalt der Sendung. Der Begriff assoziiert das Aufeinanderstoßen der beiden Kulturen. Darüber hinaus assoziiert der Sendungstitel, als eine Form des Billardspiels, bereits den spielerischen Gedanken der Sendung.

Ein verspieltes Fernsehformat

Die Sendung ist spielerisch und humorvoll gestaltet.  In der Sendung sollen Vorurteile bemerkt und mit Stereotypen gespielt werden, sodass man eine ironische Distanz aufbauen kann. Dabei bleibt die Intention, den Zuschauer zu unterhalten, um vielleicht sogar Vorurteile und Stereotype zu brechen. Die Stereotype sind stark überzogen und werden dem Zuschauer offensichtlich präsentiert. Daher sollte für jeden Zuschauer deutlich sein, dass es sich um keine realen Tatsachen und faktische Verhaltensweisen handelt. Durch die amüsante und freche Analyse der verschiedenen Kulturbesonderheiten wollen die Autoren bei den Zuschauern ein Interesse für die andere Kultur wecken.

Die Idee von Claire Doutriaux kam vor dem Hintergrund, dass sie lange in Deutschland gelebt hat. Es waren fast 20 Jahre. Als sie zurückkam, war sie eigentlich über das Deutschlandbild, das die Franzsosen immer noch hatten frustriert. Die Franzosen haben Deutschland immer in den Farben grau und braun gesehen. Und mit eher langweiligeren Themen wie Umweltschutz und Mülltrennung verbunden. Doutriaux wollte ein möglichst buntes, ansprechendes, lustiges Format. Sie wollte den Franzosen eigentlich in erster Linie ein anderes Deutschlandbild vermitteln. 

Jeanette Konrad, Mitarbeiterin bei Karambolage

 

Jeanette Konrad
 

Ein Weg der Völkerverständigung?

Die Sendung Karambolage möchte auf die Unterschiede und Eigenarten der beiden Länder aufmerksam machen, um ein Kulturverständnis zwischen den beiden Nationen zu schaffen. In kurzen Beiträgen werden in einer spielerischen und humorvollen Art, kulturelle Eigenschaften des deutschen und französischen Alltags dem Zuschauer vermittelt, wodurch beim Publikum gleichzeitig Vertrautes und Unbekanntes assoziiert werden. Dadurch würden sich neue kulturelle Erfahrungen, die eine 'Völkerverständigung' bewirke und den Zuschauer von bisherigen stereotypischen Vorstellungen befreien, entwickeln. Dadurch entwickelt sich bei den verschiedenen Völkern ein Verständnis für andere Kulturen, wodurch eine 'Völkerannäherung' gefördert wird. Und auch die eigene Kultur wird dem Zuschauer deutlicher. 

Es geht einfach darum, ein bisschen Aufklärung zu betreiben oder den anderen auf Sachen aufmerksam zu machen. Auch Deutsche sollen darauf aufmerksam gemacht werden, was ein typisch deutsches Thema ist, das  es in anderen Ländern nicht gibt. Das ist mir als Deutsche oft auch nicht bewusst, bevor meine französischen Kollegen mir nicht sagen, wir machen jetzt ein Thema darüber, weil das gibts bei uns gar nicht. Es verändert den Blick auf bekannte Sachen und es schafft eine Distanz, dieser Blick von einem Franzosen auf die eigene Kultur oder auf die eigenen bekannten Gegenstände, Wörter, Rituale mit den man groß geworden ist, sowie ich jetzt als Deutsche und man erfährt einiges darüber durch den anderen. 

Jeanette Konrad, Mitarbeiterin bei Karambolage

 

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