Künstlerbiografien

Die Kunst, vom Leben zu erzählen

Wim Wenders, Tim Burton, James Mangold und Andres Veiel wagten es: Sie brachten die Biografien von Künstlern auf die Leinwand. Das Genre ist breit gefächert. Ob Dokumentation oder Spielfilm, Mainstream-Kino oder Arthouse - hier ist alles dabei.
Die Filmplakate zu Beuys, Pina und Dries
Die Filmplakate zu Beuys, Pina und Dries

Die Dokumentation ist ein beliebtes Mittel, um Biografien abzubilden. Ganz aktuell ist der Film "DRIES" im Kino zu sehen, der das Leben und Wirken des belgischen Designers Dries van Noten auf einfühlsame Art zeigt. Regisseur Reiner Holzemer hat den Modemacher über vier Kollektionen begleitet und zeigt ihn nicht nur im Laufstegtrubel, sondern auch beim Rosenschneiden im heimischen Garten.

Damit reiht sich die Doku zwischen viele weitere ein, die in der letzten Zeit im Kino liefen. Andres Veiel porträtierte Joseph Beuys, Neo Rauch gab einen Einblick in sein Schaffen und mit "Gimme Danger" kam man dem Urvater des Punks, Iggy Pop näher.

Ein Trend der letzten Jahre?

Auch wenn es so scheinen mag, als wären Künstlerbiografien gerade schwer angesagt, lohnt sich ein Blick in die vergangenen Jahrzehnte. Denn mit dem Aufkommen der Popkultur in den 60er Jahren ist auch das Interesse an den Vertretern dieser Kultur gestiegen. Der Filmwissenschaftler Dr. Florian Mundhenke sagt, dass schon während ihrer Karriere manche Stars porträtiert wurden, etwa die Popgruppe Abba oder die Beatles.

In den 70ern ist die Popkultur sehr groß geworden. Parallel gab es dann schon vor allem biografische Dokumentarfilme.

Dr. Florian Mundhenke

Viele Dokus beschäftigen sich mit dem Leben von Künstlern, etwa "Keith Haring", "Gerhard Richter - Painting" oder "Georg Baselitz - ein deutscher Maler". Sie richten sich meistens an ein kunst- und kulturinteressiertes Publikum, sagt Mundhenke.

Der Dokumentarfilmer Andres Veiel hat vier Jahre lang zum Künstler Joseph Beuys recherchiert und zahlreiche Stunden Filmmaterial zu einer Doku zusammengeschnitten, die bei der Berlinale Premiere feierte. Dr. Martina Bako, Theaterwissenschaftlerin an der Universität Leipzig, bietet Seminare zu Beuys an. Sie stammt aus dem Rheinland und kannte den Künstler persönlich. Den Film habe sie deshalb gespannt erwartet und ist begeistert von der Schnitttechnik, die Veiel angewandt hat und den humoristischen Elementen. Sie kritisiert hingegen die fehlende Einordnung durch Experten. Veiel wollte Beuys zwar für sich selber sprechen lassen, doch bei einer so streitbaren Persönlichkeit sei es wichtig, Hintergrundinformationen zu geben, gerade im Hinblick auf den Vorwurf des völkischen Denkens bei Beuys.

Das ist so ein Punkt, da wird der Film dann angreifbar.

Dr. Martina Bako

Hören Sie hier das ganze Interview nach:

Redakteurin Nadja Baschek im Interview mit Dr. Martina Bako.

Ein Film für die Künstlerin

Dass Dokumentarfilme über Künstler gedreht werden, die nicht mehr leben, ist nicht ungewöhnlich. Im Falle des Films über Pina Bausch war das aber nicht geplant. Regisseur Wim Wenders wollte gemeinsam mit der Tänzerin die Doku über sie drehen. Im Jahr 2009 starb sie jedoch und so wurde aus dem ursprünglich geplanten Film mit Pina Bausch schließlich ein Film für Pina Bausch.

Der oscarnominierte Dokumentarfilm  zeigt Ausschnitte aus ihren bekanntesten Tanztheaterstücken: Le sacre du printemps, Café Müller, Kontakthof und Vollmond. Ergänzt werden diese Ausschnitte durch Interviewsequenzen und Choreografien der Ensemblemitglieder. Wenders filmte dafür Tanzeinlagen an unterschiedlichen Schauplätzen und Kulissen in Pinas Heimat Wuppertal. Um die Dynamik auf die Leinwand zu holen, bediente er sich an der 3D-Technik - ein Novum in dieser Filmsparte. So scheint die Kamera bei jeder gefilmten Performance Teil dieser zu sein.

Künstlerische Freiheit vs. Realität

Nicht nur Dokumentationen, sondern auch Spielfilme behandeln das Leben von Künstlern. Spielfilme wollen deren Lebensweg zwar möglichst realitätsnah verfolgen, doch in einigen Fällen genießen die Regisseure künstlerische Freiheit. Denn es sei schwierig, in einem 90-minütigen Film 60 Jahre eines Lebens unterzubringen.

Wenn es drei oder vier Nebenfiguren gibt, dann fasst man die manchmal zu einer Figur zusammen.

Dr. Florian Mundhenke

Es gilt, einen Fokus zu setzen und da einzudampfen, wo es möglich ist. Sonst gelingt es nicht, ein Leben im Film abzubilden. Häufig werden die Figuren durch bekannte Schauspieler verkörpert. In "Walk the Line" beispielsweise spielt Joaquin Phoenix den Countrysänger Johnny Cash und lockte die Zuschauer in die Kinos.

Ein ungerader Lebensweg ist spannend

Dass Johnny Cash ein Film gewidmet wird, erstaunt bei seinem Bekanntheitsgrad wenig. Doch wem gebührt die Ehre, auf die Leinwand zu kommen? Florian Mundhenke sagt, dass man dafür gar nicht prominent sein muss. Es kann nämlich auch andersherum funktionieren, wenn eine interessante Geschichte die Person berühmt macht, wie bei "Into the Wild". Es käme in jedem Fall auf die Story an und die ist am spannendsten, wenn das Leben nicht geradeaus und reibungslos verläuft. So ist es auch mit der Geschichte des Sängers Rodriguez. In seiner Heimat Detroit, in den USA, war er lange Zeit ziemlich unbekannt. Seine Alben verkauften sich schlecht: Nur sechs Stück konnte er ans Publikum bringen.

Die Gitarre hatte Gunter Gabriel fast immer dabei

Ganz anders verlief sein Erfolg in Südafrika, zur Zeit der Apartheid. Rodriguez sang von Freiheit und konnte damit die Menschen begeistern. Er war ein Superstar, ohne es selbst zu wissen. Eine Legende, ein Mythos, denn lange hieß es, er sei tot. In Südafrika wusste niemand, wer dieser ominöse Sänger überhaupt war. Das Internet gab es noch nicht und so ergab erst die akribische Spurensuche zweier Fans die Erkenntnis: Rodriguez lebt.

"Searching for Sugar Man" zeigt diese unglaubliche Geschichte. Dafür erhielt Malik Bendjelloul 2013 den Oscar für den besten Dokumentarfilm.

Eine ebenfalls skurrile Geschichte erzählt Tim Burton in seinem Spielfilm "Ed Wood". Der Regisseur Ed Wood liegt mit seiner Arbeit irgendwo zwischen genial und talentlos. In den 50ern drehte er überwiegend Science-Fiction-B-Movies, die als Trash gehandelt wurden. Erst nach seinem Tod erlangte er Kultstatus, trotz der Bezeichnung als "Schlechtester Regisseur aller Zeiten". Verkörpert wird er im Spielfilm aus dem Jahr 1994 von Johnny Depp, der ihn als Regisseur schätzt und als schrullig, naiv, aber liebevoll darstellt.

 

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