Eine kleine Abhandlung der Selbstliebe

Die Kulturgeschichte des Vibrators

Bienenschwärme in Papyrustüten, Vibratoren mit eingebauter Getreidemühle - die Geschichte des kleinen Freudenobjekts ist unglaubwürdig verstrickt und faszinierend. Heute unvorstellbar: Der Vibrator als Heilmittel für eine schwere "Krankheit".
Hand, die einen Vibrator hält.
Heute haben Vibratoren die verschiedensten Farben und Formen.

Die Hysterie

Die Kulturgeschichte des Vibrators - ein Erklärstück von Minou Becker
Die Kulturgeschichte des Vibrators

Der Vibrator - eine kleine Abhandlung der Selbstliebe

Bereits 400 v.Chr. machten sich einige alte weiße Männer tiefgründige Gedanken über das weibliche Wunder der Gebärmutter. So war sich der altgriechische Arzt Hippokrates sicher, eine der grundlegenden Krankheiten der Frauen entdeckt zu haben: Die Hysterie.

Die Geschichte des elektromechanischen Vibrators

Dabei handelte es sich um das Phänomen der „Wandernden Gebärmutter“. Eine jede Gebärmutter musste, in Hippokrates Augen, in regelmäßigen Abständen mit dem männlichen Sperma „gefüttert“ werden, um nicht verrückt zu werden. Geschah dies nämlich nicht, so konnte eine Wanderung des weiblichen Geschlechts bis hin zum Gehirn stattfinden, mit fatalen Folgen. Die Gebärmutter würde sich im Gehirn festbeißen und so konnte eine Hysterie ausgelöst werden. Hysterie im Altgriechischen bedeutet Gebärmutter.

Doch mit dem Gedanken des einzig und allein glücksbringenden Schwanzes überschätze sich das männliche Geschlecht auch schon 2000 Jahre vor unserer Zeit. So zeigt die Forschung, dass bereits zu Tagen der alten Griechen, Tondildos, gefüllt mit heißem Wasser, eine wahre Lustquelle für die Frauen waren. Auch Kleopatra ließ sich so einiges einfallen um sich sexuell auszuleben und stimulierte ihre Klitoris nicht zu selten mit einer Papyristüte in welcher sie einen Bienenschwarm einsetzen ließ.

Das "Krankheitsbild" der Hysterie

Das „Krankheitsbild“ der Hysterie blieb jedoch weiterhin erhalten und wurde aus medizinischer Sicht ein immer weiter verbreitetes Phänomen. Die Wahrscheinlichkeit als Frau, eine Hysterie diagnostiziert zu bekommen, lag im 18. und 19. Jahrhundert bei guten 70 Prozent.

Die Ärzte konnte als einzige Heilung eine Massage des Intimbereichs durchführen, denn nur durch das Erlangen des weiblichen Höhepunkts mehrmals in der Woche, konnte eine Frau geheilt werden. Das hierbei sexuelle Lust eine Rolle spielte, war jedoch nicht vorstellbar, gar ausgeschlossen. Es handelte sich um ein rein medizinisches Vorgehen. Da jedoch so viele Frauen an der Hysterie litten, und die Ärzte so viele „Behandlungen“ durchführen mussten, kam es bald bei zahlreichen Ärzten zu Beschwerden der Unterarme. Eine Alternative musste her. Und so wurde bereits 1869 der erste pedal-betriebene Vibrator erfunden: Der „Manipulator“.

Nur wenige Jahre später etablierte sich dann der elektrische „Hammer“ auf dem Markt, ein kleineres Gerät, welches auch Zuhause genutzt werden konnte. Alles für medizinische Zwecke natürlich. Werbesprüche wie „All die Freuden der Jugend werden in Ihnen pochen“ oder „mild, beruhigend, belebend, erfrischend“ sollten den zahlreichen Hausfrauen die kleinen Geräte schmackhaft machen. Dabei waren sogar oft noch extra Funktionen eingebaut. Ein Standmixer, ein Ventilator oder die Getreidemühle - eine Frau sollte ja nicht nur unter der medizinischen Behandlung leiden, sonder auch ihren Spaß mit dem kleinen Gerät vereinbaren können.

1920 legte sich der Hype um das kleine Gerät jedoch schlagartig. Mit Sigmund Freud und seiner These einer bestehenden weiblichen, sexuellen Lust war man sich der medizinischen Behandlung nicht mehr ganz so sicher. Der reine Gedanke einer sich selbst befriedigenden Frau ließ den Mann erstarren. Erst durch die 68er Bewegung und die Erfindung des Silikons in den 70er Jahren, kam der altbekannte Vibrator auf neue, stylische Weise wieder in Mode. Nun jedoch ohne Frage als offiziell anerkanntes Freudenobjekt. 

Die Hysterie als Krankheitsbild ist übrigens erst 1980 aus dem Diagnosejargon verbannt worden.  

 

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Minou Becker
21.08.2020 - 15:46
  Kultur

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