Konzertbericht

Die Helden der jungen Generation

Die junge Indie-Rock Band Razz befindet sich gerade im Höhenflug. Auf ihrer fast komplett ausverkauften ersten Tour zum Debütalbum "With Your Hands We'll Conquer" hat das Quartett am Freitagabend auch die Moritzbastei verzückt.
Razz im Blaulicht
Stehen gerne im bläulichen Licht: Razz

Erwartungen

Es scheint gerade unglaublich in Mode zu sein. Kleine, schmächtige, blasse junge Herren gründen eine Band. Und dann macht der Sänger den Mund auf und es erklingt eine Stimme, die sich nach vier Zigarretenschachteln und einer Flasche Whiskey pro Tag anhört. So ähnlich ist das auch bei Razz. Alle vier Bandmitglieder sind um die 20 und stecken in Ausbildung oder Studium. Nebenbei machen sie auch noch guten Indie-Rock - irgendwo zwischen Two Door Cinema Club und den Editors. Mit diesem Erfolgsrezept haben sie die Tour zu ihrem ersten Album "With Your Hands We'll Conquer" fast komplett ausverkauft - so auch die Moritzbastei in Leipzig. Mit am Start haben sie einen weiteren Act aus der Kategorie "Boyband-ähnlich mit krasser Stimme". Die Giant Rooks sollen den Abend eröffnen.

Erster Eindruck

Die Moritzbastei lädt mit seinem Café und Restaurant generell zum Früher-Kommen ein. Während die Band gemütlich in der Ecke speist, marschieren zahlreiche sehr junge Konzertbesucher in Richtung Eingang. Der weibliche Anteil liegt dabei sicher bei 90%. Eine sehr interessante Beobachtung - so machen Razz doch eigentlich ganz gewöhnliche Indie-Musik. Scheint wohl der Boyband-Faktor zu sein. In der schönen Röhre der Moritzbastei ändert sich das Bild so langsam. Je mehr sich der Raum füllt, desto ausgeglichener wirkt das Publikum. Jung und alt - alle sind sie da, insofern man bei der extrem spärlichen Beleuchtung und dem vielen Nebel überhaupt etwas erkennen kann. Die noch-viel-mehr Newcomer Giant Rooks aus Hamm legen ein perfektes Support-Set hin. Überzeugend genug, um das Publikum mitzureißen aber noch nicht ausgefeilt genug, um dem Haupt-Act die Show zu stehlen. Die Warterei auf Razz gestaltet sich als ungewöhnlich, da die vier Emsländer ihre Instrumente im Nebel selbst stimmen, undisponiert von der Bühne gehen und wieder kommen, um dann doch wieder gehen. So geht leider der ruhige und sphärische Anfang mit "The Blood Engine" vollkommen unter. Keiner weiß, ob Razz jetzt noch den Sound checken oder schon spielen. Sänger Niklas hat sein Keyboard außerdem im letzten Eck der Bühne aufgestellt und ist deswegen nahezu unsichtbar. Am Ende des Liedes betritt er dann aber doch seinen Stammplatz in der Mitte der Bühne und kündigt die Single "Black Feathers" an. Jetzt fliegen die Fetzen!

Musik

Mammamia, wieso klingt das denn live auch so gut? Irgendwie hatte man ja doch die Befürchtung, dass Sänger Niklas beim Einsingen des Albums einfach gesanglich einen guten Tag hatte. Kann doch sonst nicht normal sein, in dem Alter so eine Stimme zu haben. Jetzt klingt der aber live genau so wie auf der Platte, wenn nicht sogar noch besser - und das nach fast zwei Wochen Konzerte non-stop. Auch Gitarrist Christian klingt mit seiner schwierig abzumischenden Solo-Gitarre mit viel Hall großartig. Lange hat man jedoch nicht Zeit, mit offenem Mund dazustehen und sich das ganze anzugucken. Das Problem als Newcomer ist nunmal, dass man nach 20 Minuten schon die halbe CD durchgespielt hat. Vor allem, wenn man das so rigoros macht wie Razz. "Blink Of An Eye", "Broken Gold" und "1953-Hillary" werden Schlag auf Schlag gespielt. In der Mitte des Sets nimmt sich Niklas dann ein bisschen mehr Zeit, um mit dem Publikum zu kommunizieren. Es folgt zunächst ein neuer Song und dann der alte Hit "Turning Shadows", der auch eifrig mitgesungen wird. Schon nähern sich Razz dem Ende des Sets, das sie ebenfalls mit einem neuen Song inklusive eines knallenden Instrumental-Teils abschließen. Das kommt sehr gut an und man fragt sich sofort, wieso das Quartett das nicht öfter gemacht hat. Ihre Musik eignet sich gut dazu, Lieder durch Instrumental Parts zu verlängern. Leider bleiben Razz dauerhaft bei ihrer gewöhnlichen Songstruktur, wodurch das Ganze wie auf Platte klingt aber eben auch "nur" wie auf Platte. Trotz einer starken, musikalischen Leistung wäre da noch mehr drin gewesen.

 

L E I P Z I G! Das war abgefahren. Danke. #razz#withyourhandswellconquer #leipzig #moritzbastei Heute sind wir in Berlin!

Ein von Razz (@officialrazzmusic) gepostetes Foto am

 

Publikum

Wer hätte das zu Beginn gedacht? Was ist nur mit der Generation Smartphone passiert? Über das ganze Konzert sind fast keine mobilen Endgeräte in der Luft zu sehen. Stattdessen schubsen sich die ersten zehn Reihen liebevoll aber bestimmt in der Gegend rum. Razz schaffen es ab "Black Feathers" das Publikum voll und ganz in ihren Bann zu ziehen. Bei einer Musikrichtung, die nicht unbedingt zur dicken Party prädestiniert ist, eine stolze Leistung. Dabei steht auf der Bühne keine Rampensau, wie sie im Buche steht. Die knapp 20-jährigen sind alle eher in sich gekehrt. Mehr als ein paar Aufforderungen zum Klatschen kommen nicht von der Band. Dafür springen die Vier schön für sich auf der Bühne rum, was irgendwie auch ganz nett anzugucken ist. Der Stimmung tut das nicht ab. Vor allem im hervorragenden Zugabenteil zeigt sich das Leipziger Freitagabend-Publikum in bester Laune. Da packen Razz mit dem Stampf-Rocker "Postlude" und dem Überhit "Youth & Enjoyment" natürlich auch die richtigen Lieder aus. Es folgt grenzenloses Gespringe und ein nicht enden wollender Applaus, der die Emsländer sichtbar in Verlegenheit bringt.

Was in Erinnerung bleibt

Musikalisch kann man sowohl Razz als auch Giant Rooks an diesem Abend wirklich nur gratulieren. Wer es schafft, in diesem Alter eine so starke Performance hinzulegen, der steht nicht umsonst da oben. Der Abend ist um 22:15 zwar schon früh vorbei, aber wenn das der Nachwuchs der deutschen Musiklandschaft ist, muss man sich erstmal keine Sorgen mehr machen. Genau das gilt auch für die extrem jungen Konzertbesucher. Nach dem Gig herrscht ein Riesen-Ansturm auf den Merchandise-Stand. Razz nehmen sich Zeit und signieren ganz auf dem Boden geblieben jede CD und jedes T-Shirt, das sie verkaufen. Damit machen sie vielen jungen Besuchern eine große Freude. Auch Giant Rooks verkaufen ihre EP an gefühlt jeden zweiten Konzertbesucher - und das ohne festen Preis. Es freut zu sehen, wie viele junge Leute für die vier Tracks zehn Euro bezahlen. Schön, dass junge und ehrliche Musik so gewürdigt wird, wie es sich gehört. Das ist wohl die wichtigste Erkenntnis dieses Abends.

 

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Till Bärwaldt
09.01.2016 - 14:23
  Kultur

RAZZ Debüt-Album "With Your Hands We'll Conquer" war im übrigen auch eine unserer CDs der Woche in 2015. Zum Artikel geht es hier entlang.