Virtual Reality

In die Geschichte eintauchen

Einmal die Perspektive einer Person der Vergangenheit einnehmen. Das ist heute dank Virtual Reality möglich. Die Hoffnungen, mit der neuen Technologie Geschichte zu vermitteln, sind groß. Es gibt aber auch unerforschte Risiken.
Virtual Reality ermöglichst das Eintauchen in die Geschichte.
Dank Virtual Reality kann man die Geschichte vermeintlich nacherleben.

Ich sitze in einer dunklen Bomberkanzel. Es ist Nacht. Wir nähern uns unserem Ziel. Plötzlich schneiden Lichtkegel durch den Nachthimmel. Um uns herum donnert es. Ich schaue aus dem Fenster nach unten und sehe das brennende Berlin.

Die Virtual Reality-Erfahrung „1943 Berlin Blitz“, im Auftrag der BBC entwickelt, lässt mich ein Bombardement im Zweiten Weltkrieg live miterleben. Ich sitze zwar an einem festen Platz, kann mich aber frei umschauen. Bei Benutzerinnen und Benutzern erfreut sich „Berlin Blitz“ großer Beliebtheit.

Einer, der die VR-Erfahrung ausprobiert hat, schreibt begeistert in einem Forum:

Ein neuer Typ eines historischen Dokuments.

Nutzer Cavetastic auf Steam (übersetzt aus dem Englischen)

Das Magazin GameStar meint:

Beeindruckende Geschichtsstunde in VR.

Autor beagletank, GameStar

Geschichtsboom

Geschichte boomt. Ob im Kino, als Fernsehmehrteiler oder im Computerspiel. Die Geschichtsprofessorin Dr. Silke Satjukow erklärt, woran das liegt:

Die Menschen haben Angst, sie sind verunsichert. Und wenn man sich orientieren will, in so einer heißen, hitzigen, ganz schnellen Gesellschaft setzt man auf sogenannte kalte Elemente. Man setzt auf Traditionelles, auf Sicherheit. Und wo sollte man besser hingucken, als in die Vergangenheit, als alles scheinbar langsam ging, scheinbar sicher war. Und zumindest wissen wir ja auch, wie es ausgegangen ist. Das heißt, die Geschichte ist heute eine sichere Bank in einer höchst unsicheren Zeit.

Prof. Dr. Silke Satjukow, Professorin für Geschichte an der Universität Halle

Dieser Boom ist auch beim neuesten Unterhaltungsmedium angekommen:

Längst kann ich mich auch in der virtuellen Realität durch Anne Franks Versteck in Amsterdam bewegen. Schon bald werde ich auch die letzten Tage in Hitlers Führerbunker miterleben können.

Sowohl die Entwickler*innen, als auch die Benutzer*innen sehen großes Potential in diesen Formaten. Durch Virtual Reality könne Geschichte quasi authentisch nacherlebt werden.

In die Illusion eintauchen

In die virtuelle Haut einer historischen Person zu schlüpfen, hat einen ganz besonderen Effekt, erklärt Silke Satjukow:

Sie sind plötzlich Anne Frank. Sie sind plötzlich die Figuren aus der Geschichte. Und interessant dabei ist, dass sie nicht nur eigene Geschichten erzählen, Sie fühlen sogar, dass Sie Zeitzeugen dieser Vergangenheit sind. Weil Sie ja im Computerspiel ein Gamer sind. Sie führen ja diesen Krieg virtuell, aber im Kopf auch real, also sind Sie Teil dieser Geschichte.

Prof. Dr. Silke Satjukow

Gerade bei Virtual Reality schwindet der Eindruck, nur einer virtuellen Illusion ausgesetzt zu sein. Hier nimmt die Simulation das komplette Seh- und Hörfeld ein. Entsprechend emotional kommentiert ein Nutzer in einem Internetforum die Erfahrung in „Berlin Blitz“:

Meine Augen füllten sich mit Tränen und meine Hände waren schweißgebadet.

Nutzer Jew Tang auf Steam (übersetzt aus dem Englischen)

Ein anderer schreibt:

Mein Großvater war Schütze in so einem Bomber, deshalb war es eine echt coole Erfahrung zu sehen, wie es tatsächlich gewesen ist.

Nutzer G1N9ER_deluxe auf Steam (übersetzt aus dem Englischen)

Vorteile, aber auch Risiken

Virtuelle Geschichtsdarstellungen haben zweifellos Vorteile. Benutzerinnen und Benutzer können so nahe wie nie zuvor an Geschichte dran sein, so Satjukow.

Aber sie sieht diese Entwicklung auch kritisch:

Da Sie ganz eigensinnig selbst bestimmen, was sie verstehen. Also ganz eigensinnig bestimmen, ob der KZ-Wächter gut oder böse ist. Sie müssen sich nicht an Fakten halten. Weil Sie das ganz eigensinnig bestimmen, können Sie den Krieg auch neu interpretieren. Und Sie erzählen in Ihren Echokammern im Internet von diesem neu interpretierten Krieg. Das bedeutet, Sie können die Wehrmacht als die Guten am Ende dastehen lassen. Sie haben eine enorme Macht, Geschichten zu erzählen und Sie glauben sogar, dass das richtig ist, weil Sie ja dabei waren.

Prof. Dr. Silke Satjukow

Was also, wenn Nutzerinnen und Nutzer plötzlich beanspruchen, Zeitzeugen zu sein? Geschichte bagatellisieren oder umschreiben, weil sie selbst diese ganz anders erlebt haben? War doch gar nicht so grausam im Konzentrationslager. Der mordende Nazisoldat auch nur ein Opfer seiner Umstände.

Hier können alternative Fakten florieren, mit denen dann alternative Geschichte geschrieben werden kann. Dies birgt die Gefahr, eine gesellschaftlich wichtige Erinnerungskultur negativ zu beeinflussen.

Die neuen Möglichkeiten von Virtual Reality werden frenetisch gefeiert. Besonders im Bereich der Geschichtsvermittlung. Forschung zu den möglichen Folgen gibt es bislang aber nicht.

Der Beitrag zum Nachhören:

Der Kommentar von Maximilian Berkenheide zu Geschichtsdarstellungen in Virtual Reality
Geschichtsdarstellungen in Virtual Reality
 

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Maximilian Berkenheide
14.02.2020 - 11:59
  Kultur