CD der Woche

Die Geister, Die Ich Rief

Ob im Schlaf oder Wach: Déjà-vus können häufig zu Fremdheits- oder sogar Angstgefühlen führen. Im Fall des Debutalbums „A Dream Outside“ der britischen Band Gengahr freut man sich über das transzendente Wiedersehen.
Die Londoner Band Gengahr ist gerne zur Geisterstunde unterwegs.
Die Londoner Band Gengahr ist gerne zur Geisterstunde unterwegs.

Schon nach dem ersten Song ist klar, wo die Reise hingeht. Schließlich lässt sich der gediegene Musikgourmet von niemandem überraschen. Selbst von dieser neuen Band nicht, die ja sowieso völlig zu Unrecht gehypt wird. Zum Beispiel, wenn der musikexpress vom heißesten Newcomer 2015 spricht. Und, woher? Na klar, London. Und hey, die singen ja mit Kopfstimme! Super. Ach, und Kunst haben sie auch alle studiert? Na, wenn das nichts ist! Mal ehrlich: Auf dem Papier ließt sich die bisher allzu kurze Vita der Band Gengahr wie ein Roman von Stephenie Meyer – berechenbar und stereotyp. Wer sich im Fall der britischen Newcomer an diesem Punkt vergraulen lässt, wird am nächsten morgen aufwachen und sich an nichts mehr erinnern. Alle anderen werden in eine Traumwelt eintauchen, die irgendwie bekannt wirkt, aber Spaß macht.

Durch den Kaninchenbau

Tatsächlich erinnert so einiges an „A Dream Outside“ an  Indie-Songtradition. Der Opener „Dizzy Ghosts“ könnte ohne Probleme jedes MGMT-Album eröffnen. Das Anfangs-Riff des Songs „Where I Lie“ erinnert an Radioheads „Subterranean Homesick Alien“. Und ein ganzes Album lang von Geistern, Hexen und Vampiren zu singen, das hätte auch den Beatles passieren können. Ist aber ja auch gar nicht schlimm. Schließlich erinnert man sich gerne an den ersten Ausflug ins Strawberry Field. Warum also nicht auch mit Gengahr durch den Kaninchenbau, wenn sie auf elf Songs zum Tanz in entspannten Traumwelten einladen? An „A Dream Outside“ ist jedenfalls einiges träumerisch.

 

Gengahr - She's A Witch from PIASGermany on Vimeo.

Hat man den Opener einmal überstanden, zeigt die Band spätestens im zweiten Song „She's A Witch“, warum sie derzeit Primeslots auf Europas großen Festivals spielen. Die Gitarre flüstert ein eingängiges, unaufgeregtes Riff, dass sich mühelos über die ganze Platte erstrecken könnte, ohne anstrengend zu werden. Vom Schlagzeug kommen Hi-Hat-Grooves, wie man sie aus der Hochphase des britischen Indie gewohnt ist, nur weniger nervig. Und wenn Sänger Felix Bushe zur Ballade an seine kleine Hexe ansetzt, wirkt das zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt. Stattdessen möchte man Teil der Gruselgang sein, vor der man sich niemals fürchten muss. Gengahr singen von lieben Ungeheuern, so zum Beispiel im Vampir-Beziehungsdrama „Fill My Gums With Blood“. Mit dem Titel stellen Gengahr völlig unaufgeregt ihr Gefühl für den Hit unter Beweis. Der leichte Off-Beat des Schlagzeugs treibt das Lied in Ruhe voran, während der Rest der Band mitzieht. Spätestens ab dem zweiten Chorus möchte man mitsingen, auch wenn die Texte durch Bushes Eunuchengesang oftmals nur schwer zu verstehen sind. Egal. So ist das eben im Traum, in dem man nie so genau weiß, was gerade passiert.

Der Morgen danach

Wenn es sich dann ausgeträumt hat, ist es manchmal schwer, sich an alle Details eines Traums zu erinnern. Das gilt auch für „A Dream Outside“. Ist die Platte erst mal rum, kann man sich wohl kaum an alle lyrischen oder musikalischen Kniffe der Band erinnern. Der Song „Heroine“ hat sich seinen Platz auf dem Album sicherlich verdient, klingt aber so sehr nach American Pie-Soundtrack, dass man selbst nach dem zehnten Hören nicht genau sagen könnte, was da eigentlich passiert ist. Der Song „Embers“ hingegen ist der einzige, der durch seine gehetzte Songstruktur kurz zum Aufwachen anregt. Gottseidank ist aber auch jeder schlimme Traum einmal vorbei.

Fazit

Auf „A Dream Outside“ überraschen Gengahr nicht mit spektakulären Klangexperimenten und lyrischem Hochgenuss. Stattdessen verlieren sie sich in träumerischen Musikkulissen der letzten Jahrzehnte, ohne dabei veraltet zu klingen oder gar zu langweilen. Ihre Texte sind geistreich – im wahrsten Sinne des Wortes. Ob für die Monsterparty zur Geisterstunde oder einsame Spaziergänge im Traumland – Gengahr liefern mit ihrem Debüt den passenden Soundtrack.

 

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Lars-Hendrik Setz
30.06.2015 - 12:28
  Kultur

Gengahr: A Dream Outside

Tracklist:

1. Dizzy Ghosts
2. She's A Witch*
3. Heroine
4. Bathed In Light
5. Where I Lie
6. Dark Star*
7. Embers
8. Powder
9. Fill My Gums With Blood*
10. Lonely As A Shark*
11. Trampoline

*Anspieltipps

 

Erscheinungsdatum: 12.06.2015
PIAS

Konzerte
Gengahr spielen am 17.-19.07.  auf dem Melt!-Festival.