One Day in History

Die ewig Leidenden

Pornografische Sexszenen, harte Gewalt und fragwürdige Äußerungen. Wenn Lars von Trier einen neuen Film präsentiert, sind Skandale meist nicht weit. Am 30. April 1956 wurde der dänische Regisseur geboren.
Lars von Trier
Der dänische Regie-Provokateur Lars von Trier

Ein namenloses Ehepaar wälzt sich schreiend und stöhnend auf dem Boden einer Waldhütte. Es ist eine Mischung aus Lust und Abscheu, Sex und Gewalt. Die Frau ist dem Wahnsinn verfallen, nimmt ein Holzscheit und zertrümmert ihrem Mann die Hoden. Doch damit nicht genug: Die Wahnsinnige lässt ihn Blut ejakulieren. Mit dem Psychodrama "Antichrist" aus dem Jahr 2009 schuf der dänische Regisseur Lars von Trier einen der heftigsten und umstrittensten Filme aller Zeiten. Und es ist bei weitem nicht der einzige Skandal in von Triers Filmografie.

Wie ein Stein im Schuh

Bereits in seiner Kindheit litt Lars von Trier unter Depressionen und Phobien. Zwei Probleme, die der Regisseur auch immer wieder in seinen Filmen verarbeitet. Nach dem Studium der Filmwissenschaft und der Regie folgten zunächst einige Kurzfilme, bevor von Trier der Sprung auf die große Leinwand gelang.

Szene aus "The Element of Crime"
Szene aus "The Element of Crime"

1984 erschien sein erster Spielfilm "The Element of Crime". Ein beklemmender Krimi in düsteren Sepiafarben. Ein Film wie ein Fiebertraum. The Element of Crime eröffnete Lars von Triers sogenannte "E-Trilogie", einer Reihe von Filmen, die sich mit dem gesellschaftlichen Verfall Europas auseinandersetzt und für den Regisseur den internationalen Durchbruch bedeutete.

Ein Film muss sein wie ein Stein im Schuh.

Lars von Trier

1995 ist von Trier an einem Wendepunkt des Kinos beteiligt. Zusammen mit anderen Filmemachern unterschreibt er das Dogma 95 Manifest, einer radikalen Abrechnung mit dem damaligen Hollywood-Kino. In dem Manifest werden zehn Regeln für das Medium Film festgelegt. Unter anderem besagen diese, dass Genrefilme verboten sind. Es darf nur mit Handkamera und bei künstlichem Licht gedreht werden. Der Regisseur wird im Abspann nicht genannt. Musik darf nicht nachträglich eingefügt werden und auf Spezialeffekte ist zu verzichten. Basierend auf diesen Regeln drehte Lars von Trier 1998 den Film "Idioten", einen von nur sieben offiziell anerkannten Dogma-Filmen.

Trilogie der Depressionen

Für 23 Regiearbeiten zeigt sich Lars von Trier verantwortlich. Ein verbindendes Element in seinen Filmen sind die Frauenfiguren. Die Frau als aufopferungsvolle Mutter, als Verführerin oder als wahnsinnige Furie. Fast alle haben eins gemeinsam: Sie müssen leiden. Insbesondere die französische Schauspielerin Charlotte Gainsbourg in von Triers Trilogie der Depressionen. Den Auftakt der Trilogie bildete 2009 Antichrist, gefolgt von dem Weltuntergangsfilm "Melancholia". Bei dessen Weltpremiere in Cannes kam es zum Eklat, als der Regisseur aufgrund einer fragwürdigen Hitler-Äußerung vom Festival verbannt wurde.

Szene aus "Nymphomaniac"
Charlotte Gainsbourgh in "Nymphomaniac"

Doch von Trier legte direkt nach und schloss seine Trilogie mit dem Zweiteiler "Nymphomaniac" ab, einem fünf Stunden langen Epos über eine sexsüchtige Frau (Charlotte Gainsbourg). Lars von Triers Filme auf plumpe Provokation mit pornografischen Szenen und harter Gewalt zu beschränken, wäre falsch. Der dänische Regisseur zählt zweifellos zu den interessantesten Filmemachern überhaupt. Kein Film gleicht dem nächsten. Von Horrorfilm (Antichrist) über ein düsteres Musical (Dancer in the Dark) bis zum theaterhaften Konzeptkino (Dogville) ist alles dabei.

Überraschendes Karriereende?

Lars von Trier bietet vor allem großes Schauspielkino und lässt seinen Cast regelmäßig zu Höchstform auflaufen. Die Besetzung für seinen neuesten Film "The House that Jack Built" gestaltete sich jedoch eher schwierig. Mehrere Darsteller und Darstellerinnen hatten im Vorfeld abgelehnt, weil das Drehbuch angeblich zu brutal sei. Von Trier selbst kündigte den Serienkillerfilm als seinen bisher blutigsten Film an, aber auch als seinen womöglich Letzten.

Von Trier hat bis heute mit Depressionen und Drogenmissbrauch zu kämpfen. Aufgrund seiner psychischen Verfassung fühle er sich nicht mehr in der Lage, weitere Filme zu drehen. Grund zur Freude gibt es für den Regisseur dennoch. The House that Jack Built wird 2018 in Cannes Weltpremiere feiern. Das Festival hat den Bann aufgehoben.

Mehr Informationen aus der Sendung: 

Ein Beitrag von mephisto 97.6 Redakteur Janick Nolting.
 
 

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