Filmkritik

Die Eiskönigin 2: Disney kann es noch!

Ganze sechs Jahre haben sich die Walt Disney Studios Zeit gelassen, um ihren riesigen Erfolgshit von 2013 in die zweite Runde zu schicken. Die Wartezeit hat sich gelohnt: „Die Eiskönigin 2“ übertrifft alle Erwartungen!
Frozen 2
Elsa, Anna und Co. begeben sich auf eine weite Reise

Was Disney mit seiner freien Adaption des berühmten Hans Christian Anderson-Märchens rund um die Schneekönigin für einen Hype entfesselt hat, dürfte wahrscheinlich selbst den Hollywood-Giganten überrascht haben. Die weltweiten Einnahmen liegen bis heute im neunstelligen Bereich und machten Die Eiskönigin zu einem der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Die Songs sind inzwischen Kult. Anna, Elsa, Olaf und Co. erobern als Plüschtiere und Spielfiguren die Kinderzimmer, zieren Kleidungsstücke und Merchandise-Artikel jeglicher Art. Dass man sich so lange Zeit lässt, um den Fans Nachschub zu liefern, erstaunt dabei etwas, denn Disney ist mit dem momentanen Output an Filmen wohl kaum für seinen leeren Terminkalender bekannt. Außerdem steht man nach dieser Auszeit vor der Herausforderung, dass das eher junge Zielpublikum mittlerweile sechs Jahre älter geworden und somit andere Sehgewohnheiten erfahren hat.

Doch Jennifer Lee und Chris Buck, die für Teil 2 erneut auf dem Regiestuhl Platz genommen haben, wissen diese Herausforderung gekonnt zu meistern. Da geht es gleich in der ersten großen Musicalnummer um das Altern, alle müssen wörtlich erst einmal wieder an einen Tisch geholt werden. Ja, man hat sich etwas verändert, und Ja, man braucht tatsächlich ein paar Minuten, um sich wieder in das Märchenreich von Arendelle fallen zu lassen, aber doch sind das noch die gleichen hinreißenden, sympathischen Figuren wie früher. 

Ein Flaggschiff in die Zukunft    

Ein ganz wesentlicher Grund für die Popularität der Protagonistinnen Anna und Elsa liegt zweifellos darin, dass der erste Teil überraschend progressiv mit den verstaubten Prinzessinnen-Klischees abgerechnet hat, und das Sequel setzt dieses Unterfangen weiter fort. Die Eiskönigin bleibt auch in Teil 2 ein Aushängeschild für Disney in punkto politischer Korrektheit, auch wenn das Studio im Jahr 2019 wohl kaum noch von seinem Publikum verlangen kann, in Lobeshymnen zu verfallen, nur, weil es endlich auch in einem dieser Märchen mal eine schwarze Figur zu sehen gibt und die Prinzessinnen zwischendurch in Hose statt im Kleid auftreten dürfen.

Frozen 2

Viel Gewese um nichts, hat man bei dem Medienwirbel um den Film manchmal den Eindruck, denn, lässt man die Diskussionen außerhalb des Kinosaals außer Acht, brüstet sich Die Eiskönigin 2 weit weniger dreist für seine eigene Diversität und Sensibilität als die kreativen Köpfe des Studios. Das mag man als scheinheilige Fantasiewelt bezeichnen können, die eine ganz eigene Checklist an vermeintlich fortschrittlichen Zutaten abarbeitet, aber aufdringlich oder belehrend inszeniert ist das keinesfalls. Stattdessen ist dieses Sequel ein auf sympathische Weise zeitgemäßes Stück Fantasy geworden, bei dem man sich durchaus freuen kann, dass eine Generation von Kindern mit ihm aufwachsen wird. Das Erfolgsrezept geht perfekt auf, man kann sich vor dem Charme nicht verschließen!  

Rätselhafte Geschichte

Dabei wurde gekonnt im Dunkeln gelassen, worum es in dieser Fortsetzung überhaupt gehen soll, auch die Trailer waren da wenig aufschlussreich. Hat man den Film gesehen, erscheint diese Tatsache weit weniger überraschend, denn Die Eiskönigin 2 widersetzt sich mit seiner ambivalenten, auf klassische Gut-Böse-Schemata verzichtenden Geschichte dem Großteil bekannter Disney-Märchen. Für die Presse gab es extra die Bitte, so wenig wie möglich zu verraten, deshalb sei an dieser Stelle nur so viel gesagt: Ein Wintermärchen, wie es noch Teil 1 war, ist das hier eher weniger. Vielmehr ein fantastischer Abenteuerfilm in herbstlichen Rot- und Brauntönen, der – und da schließt sich der Kreis zu der älter gewordenen Zielgruppe –erstaunlich düster daherkommt. So wird Eiskönigin Elsa dieses Mal von einer magischen Stimme in jenen verfluchten Wald gerufen, den es nun mit Schwester Anna, ihrem Freund Kristoff, dessen Rentier Sven und dem sprechenden Schneemann Olaf zu erkunden gilt.

Erforschung des Unbekannten

Into the Unknown (im Deutschen Wo noch niemand war) heißt die neue Hymne, die den Dauer-Ohrwurm Let it go ablösen will, und dieses Credo steht stellvertretend für den ganzen Film.

Frozen 2

Der Mut zum Selbstbewusstsein wird erneut ganz großgeschrieben und inbrünstig besungen! Nicht nur, dass sich Elsa und Anna, an der Schwelle zum Erwachsenwerden, ihrer unbekannten Zukunft stellen müssen, auch weltpolitisch hat sich seit dem ersten Teil von 2013 einiges getan. Wo es im Vorgänger noch um die Frage der wahren, erlösenden Liebe ging, geht die Fortsetzung ein ganzes Stück tiefer. Der Zauberwald, der hier erforscht wird, das ist unsere Welt, in der die Kunst gerade eine nicht unerhebliche Rolle spielt, in Zeiten von Klimawandel, Apokalypse-Visionen und aufgeheizten politischen Konflikten einen neuen Lebensvertrag zwischen Mensch und Natur zu ersuchen.

Nur wenige Wochen vor Elsas zweitem Abenteuer wurde auch die böse Dornröschen-Fee Maleficent ein zweites Mal auf die Kinoleinwände losgelassen, wo man sich einem vergleichbaren Themenfeld näherte, aber es bei einem platten Pamphlet für eine friedvolle Koexistenz zwischen den Arten belassen wurde. Die Eiskönigin 2 ist da schon wesentlich ausdifferenzierter. Auch hier geht es um die Diversität der verschiedenen Völker, Kulturen und Lebensvorstellungen, aber eben auch um den Umgang mit der eigenen Macht. Elsas Kräfte, das sind nicht mehr nur die zu bezwingenden Waffen, sondern ein essentieller Teil des Natürlichen. Jennifer Lees und Chris Bucks Film betont gerade das Ausgeliefertsein und die Anpassung an das Umfeld, bestaunt in wunderschön ausstaffierten Bildern den Zauber des Natürlichen, schaut auf die Geheimnisse, die sich eben nicht rational erklären und kontrollieren lassen und die doch wieder – gemäß aktueller Debatten – gemeinsam in ein Gleichgewicht gebracht werden. Nichts für Leute, die von gegenwärtigen Klimadebatten nur noch genervt sind, und nicht frei von Esoterik, aber angenehm reif verpackt!

Ein Film für alle

Die Eiskönigin 2 ist ein Film, der einen gekonnt in seine nordische Folklore-Welt mitreißt. Einer, der den Mut zur inhaltlichen Leerstelle beweist, die im anschließenden Gespräch zwischen den Generationen gefüllt werden können. Einer, der sich (trotz aller erfolgsversprechender Versatzstücke) nicht nur wie ein seelenloses Kommerzprodukt anfühlt, sondern mit einer gewissen Dringlichkeit für die eigene Fortführung und Weiterentwicklung der bekannten Figuren versehen wurde. Der nicht einfach nur den prätentiösen Zeigefinger erhebt, sondern seine Botschaft in ein gewitztes, charmantes, zum Teil ebenso herzzerreißendes wie ermutigendes Drehbuch verpackt.

Das fällt nach all den brodelnden Konflikten und all der Dramatik, die sich da im Mittelteil entfaltet, am Ende etwas schnell und ernüchternd in sich zusammen und man kann diesem Abenteuer-Musical gerade in den Gesangseinlagen vorwerfen, dass das Ohrwurm-Potential nicht ganz so hoch ist, wie noch im Vorgänger der Fall. Aber was macht das schon, wenn man eine so großartige Zeit im Kinosaal erleben kann? Gerade, nachdem Disney das Publikum im Jahr 2019 mit einer mehr oder weniger seelenlosen Neuverfilmung alter Stoffe nach der anderen überschüttet hat, ist Die Eiskönigin 2 ein Lichtblick für das Studio!

Die Erfolgsformel geht auf!

Dieser Film ist ein Lehrstück in Hinblick auf die Möglichkeiten, wie man auch heute noch alle Generationen ins Kino ziehen und berühren kann. Zum Teil berechenbar und mit einem unverschämt guten Gespür, welche gewohnten Knöpfe bei einem derartig gestrickten Disney-Film gedrückt werden müssen, aber dadurch nicht minder überzeugend. Neben all den (berechtigten) Kontroversen um die steigende Macht und Monopolfunktion der Disney Company in der Filmbranche, neben all den fragwürdigen Ideologien, die in deren Märchenfilmen und Superhelden-Blockbustern mitschwingt: Die Eiskönigin 2 ist der Beweis für den ungebrochenen Zauber, den dieses Studio auch heute noch versprühen kann, wenn es denn die bekannten Versatzstücke zeitgemäß und ohne aufdringliches Anbiedern einzusetzen weiß.

Das muss sich nicht immer neu erfinden, da dürfen der lustige Schneemann ruhig weiter als bewährtes Comedy-Element eingesetzt und die ermutigenden Pop-Balladen aus der Feder von Robert Lopez und Kristen Anderson-Lopez wieder dramatisch geschmettert werden. Nach der anfänglichen Skepsis genießt man die Zeit, die man mit den liebgewonnenen Figuren noch einmal verbringen darf. Dem Konzern ist mit dieser Abenteuergeschichte – man hätte es zuletzt nach all den schwachen Remakes und Sequels kaum für möglich gehalten – mal wieder der beste Animations- und Familienfilm des Jahres gelungen. Oder wie es in einem der Songs im Film heißt: Some Things Never Change.

 

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DIE EISKÖNIGIN 2

Regie: Chris Buck, Jennifer Lee

Kinostart: 20.11.2019
FSK 0

Stimmen im Original: Idina Menzel, Kristen Bell, Josh Gad und andere

Musik: Christopher Beck, Robert C. Lopez, Kristen Anderson-Lopez