Seit 1962 gehen sie ins Musiktheater

Die drei von der Oper

Anneliese Kuhn erinnert sich noch: Früher kampierte sie mit einem Klappstuhl in der Schlange, um eine Opernkarte zu ergattern. Die Geschichte einer Leidenschaft, die das Ehepaar Kuhn und ihre Freundin Gisela Clemen seit 53 Jahren teilen.
Das Ehepaar Peter und Anneliese Kuhn mit ihrer Freundin Gisela Clemen (v.l.n.r.) im Spiegelzelt auf dem Augustusplatz
Das Ehepaar Peter und Anneliese Kuhn mit ihrer Freundin Gisela Clemen (v.l.n.r.) im Spiegelzelt auf dem Augustusplatz

mephisto 97.6-Redakteur Tobias Schmutzler traf das Ehepaar Anneliese und Peter Kuhn und ihre Freundin Gisela Clemen zur Vorstellung von "Charleys Tante" im Spiegelzelt der Leipziger Oper:

mephisto 97.6-Redakteur Tobias Schmutzler begleitete Anneliese und Peter Kuhn sowie Gisela Clemen in die Leipziger Oper.

Eine Opernfreundschaft, seit über einem halben Jahrhundert

Schon als Kind entdeckte Gisela Clemen, dass sie ein Faible für die Oper hat. Ihre ersten Eindrücke sammelte sie im Opernkinderballett. Zwischen sieben und elf Jahre alt war sie da. "Meine Großeltern dachten, aus mir wird was, aber ich war viel zu groß und viel zu staksig", lacht Gisela Clemen. Immerhin: Zwanzig Mal stand sie als Statistin bei "Carmen" auf der Bühne, drei Ostmark gab es dafür. 

Die Oper war später zwar nicht ihr Arbeitsplatz, Gisela Clemen wurde Orthopädin. Doch ihre Leidenschaft für Tanz und Gesang blieb – und mit der war sie schon zu Studienzeiten nicht allein. Zusammen mit zwei anderen Studentenpaaren besuchten Gisela Clemen und ihr Ehemann vor über 50 Jahren ihre erste Opernvorstellung. 

Gisela Clemens Mann ist mittlerweile verstorben. Auch ein anderes Paar bleibt inzwischen aus Gesundheitsgründen zu Hause. Doch zwei Operngänger sind noch immer dabei: Anneliese und Peter Kuhn. Es ist schon erstaunlich, dass diese Opernfreundschaft über 50 Jahre lang gehalten hat, meint Peter Kuhn. 

"Nicht bloß Rumgehopse!" 

Dem früheren Gasingenieur ist es zu verdanken, dass die drei Operngänger heute ziemlich günstig zu ihrem Hobby kommen. Denn ihre heutige Abokarte für die Leipziger Oper basiert noch auf einem alten Betriebsanrecht, erklärt Gisela Clemen: "Wir mussten nicht die volle Summe für das Anrecht bezahlen. Der Betrieb zahlte etwas dazu, um die Leute kulturell zu animieren." Als der Betrieb schloss, übernahmen die Kuhns und Gisela Clemen das Anrecht in ihre eigene Hand. 

In jeder Spielzeit besuchen das Ehepaar Kuhn und Gisela Clemen acht Vorstellungen. Warum ihre Leidenschaft für die Oper auch nach über 50 Jahren ungebrochen ist? "Oper verbinde ich mit guter Musik, gutem Gesang und natürlich auch etwas Handlung", sagt Peter Kuhn. 

Seine Frau Anneliese ergänzt: "Das hat auch etwas mit Bildung zu tun." Eine gewisse politische Aussage schätze sie bei Opern sehr. "Es muss schon was da sein, nicht immer bloß Rumgehopse!" 

Früher standen sie eine ganze Nacht mit Stuhl an

Heute Abend steht für die drei die erste Vorstellung der neuen Spielzeit an der Leipziger Oper an. Es läuft die Travestie-Komödie „Charleys Tante“ – und das nicht im gewöhnlichen Opernsaal, sondern im glamourösen Spiegelzelt auf dem Augustusplatz. 

In der Pause sind sich die Operngänger einig, wie sie das Stück finden: Passend für das Spiegelzelt, kurzweilig und unterhaltend. Mit ihren über 50 Jahren Opernerfahrung sind das Ehepaar Kuhn und Gisela Clemen die vielleicht fleißigsten Operngänger, die Leipzig je gesehen hat.

Manchmal denken die drei auch sehnsüchtig an frühere Zeiten zurück, sagt Anneliese Kuhn: "Wir haben uns manchmal schon abends für die Oper angestellt, damit wir morgens Karten kaufen konnten. Die ganze Nacht mit Stuhl!" 

 

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Tobias Schmutzler
21.09.2015 - 09:35