Rotes Sofa: Peter Stamm

Die doppelte Doppelgängergeschichte

Was passiert, wenn unser Leben praktisch nochmal an uns vorbeizieht? Das hat sich Autor Peter Stamm auch gefragt und es seinen Protagonisten in „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ in einer verstrickten Doppelgängergeschichte erleben lassen.
Redakteurin Angela Fischer im Gespräch mit Peter Stamm.

Wenn wir unser Leben nochmal leben könnten, dann würden wir bestimmt so einiges daran ändern: Entscheidungen überdenken, Fehler gar nicht erst machen oder vielleicht auch die ein oder andere verpasste Chance nachholen. Dieses Gedankenspiel könnte man ewig weiterspinnen. Peter Stamm macht in Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt genau das. 

mephisto 97.6 Redakteurin Angela Fischer hat das Buch gelesen:

Ein Beitrag von Redakteurin Angela Fischer
1703 Angie Rezi

Eine Begegnung in Stockholm

Lena, sagte sie und streckte mir die Hand hin. Christoph, sagte ich und gab ihr etwas irritiert die Hand. Nicht Magdalena? Niemand nennt mich so, sagte sie mit einem Lächeln. Ein ungewöhnlicher Ort für ein Treffen. Ich wollte, dass wir ungestört reden, sagte ich. (…) Ich mag Friedhöfe, sagte Lena. Ich weiß, sagte ich. Es ist kalt, sagte sie. Wollen wir uns ein wenig bewegen?

Peter Stamm, Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Christoph ist der Protagonist in Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt und wesentlich älter als Lena. Obwohl sich die beiden nicht kennen, weiß Christoph alles über Lena. Denn sie gleicht einer Frau, die Christoph vor vielen Jahren geliebt hat. Damals hatte er an einem Buch über ihre Beziehung geschrieben.

Ich bin Schriftsteller, sagte ich, oder besser, ich war Schriftsteller. Ich habe nur ein Buch veröffentlicht, und das ist fünfzehn Jahre her. Mein Freund ist Schriftsteller, sagte sie, oder möchte es gerne sein. Ich weiß, sagte ich, deshalb will ich Ihnen meine Geschichte erzählen.

Peter Stamm, Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Diese Geschichte ist eine verstrickte Doppelgängergeschichte: Lena und ihr Freund Chris führen das gleiche Leben wie Christoph und seine ehemalige Freundin Magdalena. Sie teilen die gleichen Erinnerungen, machen dieselben Fehler. Das widerspricht zwar jeglicher Logik und Realität. Doch darum geht es auch gar nicht. Viel wichtiger scheint die Frage: Was passiert, wenn man sein eigenes Leben nochmal von außen betrachtet?

Darüber haben wir mit Peter Stamm auf der Leipziger Buchmesse gesprochen:

Ein Interview von Angela Fischer mit Autor Peter Stamm

Ein Verwirrspiel

Christoph weiß als Einziger von dieser Doppelgänger-Konstellation. Er entscheidet sich Lena zu treffen, um ihr von allem zu erzählen. So springt die Geschichte zwischen Vergangenheit und Gegenwart und bleibt dabei nicht immer überschaubar. Diese Art von Verwirrspiel ist typisch für Peter Stamm. Und auch das Motiv des Schriftstellers, der über seine Liebesbeziehung schreibt, erinnert an einen seiner früheren Romane. So ergeht dem Erzähler aus Peter Stamms Debütroman Agnes ähnlich wie Christoph. Auch in Agnes geht es um die scheiternde Liebesbeziehung eines Schriftstellers.

Heute wie damals gelingt es Stamm Themen wie Liebe und Trennung anzusprechen, ohne dabei aufdringlich oder platt zu wirken. Mit seinem einfachen und minimalistischen Schreibstil schildert er die Dinge so, wie sie sind. Außerdem lässt er sich nicht zumuten, auf alle Fragen eine Antwort zu geben.

Die Frage ist, ob Sie ihm ein besseres Leben gönnen, sagte Lena, oder ob Sie seines genauso ruinieren wollen, wie Sie Ihres ruiniert haben. Ich habe mein Leben nicht ruiniert, sagte ich, ich habe mich für die Literatur entschieden und habe dafür Opfer gebracht. Und?, fragte Lena, hat es sich gelohnt?

Peter Stamm, Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Ob es sich für Christoph gelohnt hat oder nicht – darauf muss der Leser am Ende selbst eine Antwort finden. Was sich auf jeden Fall lohnt, ist ein Blick in Peter Stamms Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt.

 

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