Islam und Medien

Die Barbarei der Anderen

Bei der gestrigen Podiumsdiskussion im Grassi-Museum wurde eifrig diskutiert. Das Gespräch von Historiker Wolfgang Benz und Medien- und Politikwissenschaftler Kai Hafez drehte sich um unsere Wahrnehmung des Islams und wodurch diese beeinflusst wird.
Grassi Museum
Weniger verschlossen als seine Tore zeigt das Grassimuseum die koloniale Geschichte seiner Sammlung

Die Barbarei der Anderen - mit "den Anderen" sind hier die Muslime gemeint. Was haben wir für Vorstellungen über Muslime? Und welche Folgen haben unsere Vorstellungen über den Islam für unsere Demokratie? Diese Frage stellten  gestern zwei Forscher, darunter der Medien- und Politikwissenschaftler Kai Hafez.

Charlotte Domberg hat mit dem Forscher aus Erfurt über den Einfluss der Medien auf die Wahrnehmung des Islams gesprochen:

mephisto97.6-Reporterin im Gespräch mit Medien- und Politikwissenschaftler Kai Hafez
mephisto97.6-Reporterin im Gespräch mit Medien- und Politikwissenschaftler Kai Hafez

m97.6: Was denken Sie, was hat Deutschland für ein Bild vom Islam?

Kai Hafez: Das Bild ist insgesamt viel zu schlecht. Es gibt sehr viele Untersuchungen, die uns zeigen, dass ein großer Teil der Deutschen, statistisch über 50%, generell sehr negative Ansichten vom Islam und Muslimen hat. Sie werden als sehr gefährlich und als nicht passend zu Deutschland betrachtet. Ich glaube, hier gibt es noch sehr viel Aufklärungsbedarf. Denn die Wirklichkeit ist deutlich differenzierter als die Ängste und die negativen Wahrnehmungen.

Über 50% der Deutschen haben generell sehr negative Ansichten vom Islam und Muslimen.

Medien- und Politikwissenschaftler Kai Hafez
m97.6: Würde man alle Medien in einen Topf packen, inwieweit prägen die unsere Vorstellungen vom Islam?

Kai Hafez: Das Negativbild der Medien, das strukturell vorhanden ist, indem sie sehr viel über negative Dinge und kaum über positive Dinge berichten, geht Hand in Hand mit der Islamfeindlichkeit in unserer Gesellschaft. Also rund 60% der Medienberichte sind statistisch über negative Themen und es gibt auch eine ungefähr so hohe Islamfeindlichkeitsbelastung in der Bevölkerung. Das beides geht sehr parallel und von daher gehen die meisten Forscher davon aus, dass das Medienbild dabei sehr wirkmächtig ist: Wenn man sehr viel über den IS und Salafismus berichtet und über sonst nichts, dann darf man sich am Ende des Tages nicht wundern, dass die Leute Angst und negative Einstellungen haben.

Wenn man viel über den IS und Salafismus berichtet, darf man sich nicht wundern, dass die Leute Angst haben.

Medien- und Politikwissenschaftler Kai Hafez

m97.6: Was ist dann die Aufgabe oder Rolle der Medien bei dieser Thematik?

Kai Hafez: Also ich wäre deutlich für einen Schulterschluss der Aufklärung. Man sollte sich mal zusammensetzen, auch in den führenden Medienhäusern und darüber nachdenken, ob wirklich in hohem Maße immer die negativen, alarmierenden Nachrichten, zum Beispiel über marodierende, arabische Jugendliche, in dieser Form in der Größe in die Medien müssen oder ob man es nicht auch ein bisschen kleiner machen und vor allem auch mal positive Nachrichten dagegen setzen kann. Es gibt auch schöne Entwicklungen in der islamischen Welt, auch wenn man die manchmal nicht wahrnimmt: zum Beispiel in Indonesien oder in Stadtkulturen Kairos. Dort geht es auch differenzierter zu, als wir es hier wahrnehmen. Also man sollte einfach mal darüber nachdenken, ob man nicht für Islamfeindlichkeit, Pegida und AfD mitverantwortlich ist.

Die Medien sollten sich mal zusammensetzen und darüber nachdenken, ob in so hohem Maße über negative, alarmierende Nachrichten, zum Beispiel über arabische Jugendliche berichtet werden muss.

Medien- und Politikwissenschaftler Kai Hafez

m97.6: Schauen wir mal auf Sachsen. Hier empfinden 78% der Bevölkerung den Islam als bedrohlich. Ist dieses Phänomen allein durch Medienberichterstattung zu erklären oder gibt es hier auch noch andere, zum Beispiel historische Gründe ?

Kai Hafez: Selbstverständlich gibt es noch andere Gründe. Die Medien bedienen eher das, was schon längst da war, nämlich die Vorurteilsstrukturen in der Gesellschaft. Diese sind historisch sehr alt beim Thema Islam, letztendlich 1400 Jahre. Insofern kann man den Medien auf keinen Fall die Alleinverantwortung geben. Die Bildungsinstitutionen und die politischen Eliten tragen auch Verantwortung. Die Medien sind aber in gewisser Weise das Nadelöhr für solche öffentlichen Dialoge, weil die Medien auf allen Ebenen, die bei solchen Feindbildern wirksam sind, eine Rolle spielen: Sie spielen in die Bildungssysteme rein, sie haben etwas zu tun mit dem Kontakt zu Muslimen, den die Menschen meistens nicht direkt haben. Diesen Kontakt ersetzen sie durch Negativbilder. Außerdem haben sie etwas zu tun mit ideologischen Anschauungen, die Menschen besitzen.

Die Medien bedienen nur die Vorurteilsstrukturen in unserer Gesellschaft.

Medien- und Politikwissenschaftler Kai Hafez

m97.6: Sie haben in einer Studie gezeigt, dass ein negatives Bild vom Islam nicht nur bei rechtskonservativen Menschen vorherrscht, sondern auch in der bürgerlichen Mitte und sogar abgeschwächt auch bei linksliberal-eingestellten Menschen. Wie erklären sie sich das?

Kai Hafez: Historisch ist es so, dass auch im linken und linksliberalen Spektrum durchaus Ressentiments vorhanden sein können, auch Linke können rassistisch sein. Das verwundert vielleicht manche, aber es ist historisch eigentlich immer so gewesen. Links sein heißt nämlich erst einmal nur, dass man für eine bestimmte Verteilungsgerechtigkeit kämpft. Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch kulturelle Stereotype haben kann. Links bedeutet nicht gleich Internationalismus. Dies zeigt sich auch in bestimmten linksliberalen Spektren. Man ist dort zwar für eine aufgeklärte Welt und hält sich selbst nicht für rassistisch. Aber eigentlich hat man beim Thema Islam Vorurteile, die man mit dem konservativen Teil der Gesellschaft teilt.

Auch Linke können rassistisch sein.

Medien- und Politikwissenschaftler Kai Hafez

m97.6: Gerade wurde es wieder in den Landtagswahlen deutlich: Die AfD gewinnt immer mehr an Zuwachs, unter anderem mithilfe ihrer drastischen Forderungen in der Flüchtlingspolitik. Inwieweit bestätigen die Medien die AfD und damit auch dieses Bild?

Kai Hafez: Ich nenne das den Zauberlehrlingseffekt, wie schon bei Thomas Mann. Die Medien haben eine Kreatur geschaffen oder mitgeschaffen: die Islamfeindlichkeit. Und diese hat sich jetzt verselbstständigt. Ich glaube auch, viele Journalisten sind jetzt selbst erschrocken über dieses Phänomen. Darum sind sie auch sehr kritisch gegenüber Pegida. Die meisten Journalisten haben eigentlich eine liberale Grundeinstellung und wollen diese radikalen Straßenkämpfe und Parolen eigentlich nicht. Ich glaube, hierbei wäre ein bisschen Selbstverantwortung ganz gut.   

Die Medien haben eine Kreatur geschaffen oder mitgeschaffen: die Islamfeindlichkeit. 

Medien- und Politikwissenschaftler Kai Hafez

 

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Charlotte Domberg
16.03.2016 - 11:42