Die Kolumne

Die Anonymen Antisemiten

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Hanna Kormann über Volkshelden, Volksverräter und Volkssport.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Anonyme Antisemiten - die Kolumne von Hanna Kormann
Die Kolumne

In dieser Woche haben die Wagnerfesttage in Leipzig begonnen. Bis Sonntag kann man sich am 16 Stunden langen Nibelungenring und anderen theatralischen Häppchen erfreuen. In Israel gelten die antisemitisch angehauchten Wagneropern bis heute als nahezu unaufführbar. Allerdings sollst du nächstes Jahr dort die Wagnerfesttage organisieren. Wie gehst du vor?

Wagnerfesttage in Israel? Ich denke, da geht noch mehr. Wenn schon denn schon. Wieso nicht ein Themenpark, mit dem Best-Of der antisemitischen Volkshelden Deutschlands: Wagner! Luther! Kant! Heidegger!

Im Eingangsbereich empfängt Martin Luther (natürlich geschauspielert) den israelischen Besucher. Er entführt in die Welt seiner 95 Thesen und der Entzweiung der Kirche. Danach dürfen alle jüdischen Besucher, wie von Luther selbst geäußert, hinter dem Ofen sitzen, faulenzen, Birnen braten, fressen und saufen. Während Luther sich in Ketten vor ihnen auf dem Boden windet.

Zweiter Themenbereich: ‚Kant – Sind Juden Betrüger oder Vampire unserer Gesellschaft?‘. Hier können sich die israelischen Kollegen einen Vortrag über die Aufklärung anhören. Und sich danach in einer Spielsimulation als Vampire verkleiden und versuchen möglichst vielen Leuten das Geld aus den Taschen zu ziehen.

Hier könnten Sie unsere Kolumnistin Hanna Kormann sehen - schade für Sie
Behält immer den Überblick - unsere Kolumnistin Hanna Kormann

Ach, das hört sich doch nach Spaß an, oder? Unsere Denker und Dichter, die müssen halt auch gefeiert werden! Und den israelischen Bürgern, die sich beleidigt fühlen, sei gesagt: Heidegger, Wagner und so weiter. Das waren doch alles nur Kinder ihrer Zeit!

Die sächsische Polizei hat mal wieder für Schlagzeilen gesorgt. Leider nicht mit Partyexzessen wie die Kollegen aus Berlin, sondern mit einem neuen Abhörskandal. Unter anderem wurden 14 Leipziger über drei Jahre lang ergebnislos überwacht. Hätten die Beamten ihre Zeit vielleicht besser nutzen können?

Erst habe ich mir gedacht, was macht die Polizei denn wieder für einen Sch*iß. Dann habe ich gelesen, dass die Polizisten im Zuge der Überwachung auch einen Journalisten bespitzelt haben sollen. Deshalb auf die Gefahr hin, dass das hier ein Polizist liest: Ich, Hanna Kormann, finde Polizisten ganz toll. Sie machen eine sehr gute Arbeit. Ein Polizist ist für jeden in der Bevölkerung ein Freund und Helfer. Alle Steuergelder werden sinnvoll und nützlich eingesetzt. Ich habe nichts zu verbergen. Mein Mitbewohner besitzt keine Hanfpflanzen.

Baustellendiebstahl liegt diesen Sommer in Leipzig wieder im Trend. Geklaut wird alles, was nicht bei Drei auf dem Baum ist. Aufgeklärt wird so gut wie nichts. Klingt verlockend, oder? Was wirst du dir heute Nacht von der Baustelle deines Vertrauens unter den Nagel reißen?

Baustellendiebstähle. Was die Langeweile nicht alles aus dem Menschen macht. Wenn das so weiter geht, wird der ganze Sport noch gentrifiziert. Erst entdecken die pseudo-underground Studenten diesen total unbekannten Trend für sich. Die urbane und arbeiternahe Authentizität inspiriert dann auch noch Künstler zu Installationen direkt an den Baustellen. Dann gibt’s den „Baustellenschwärmer“ mit den geilsten Baustellen in der Stadt.

Und das Ganze wird dann zu nem Riesenmarkt. Bio-Märkte bieten vor Ort organischen Bio-Schlamm direkt aus der Regenpfütze an, von dem junge Mittelschicht-Familien so begeistert sind, dass sie am liebsten direkt vor Ort leben würden. Natürlich sollen dann eine Straße weiter preiswerte Citylofts mit Bambus-Holz-Parkett und Soja-Quinoa-Tapeten entstehen. Und Sie wissen, was das heißt: Baustellen!

Und nächste Woche?

Sollte die Polizei vielleicht mal Baustellen verwanzen.

 

Kommentare

Wer braucht schon Wagner, Luther, Kant und Heidegger? Freunde, wir haben Helene Fischer und Florian Silbereisen!
Ist denn die Autorin schon so etabliert, dass sie befürchten muss, wie ihr Leipziger Journalistenkollege abgehört zu werden? Bei der scheinheiligen Positivierung der Leipziger Polizeiarbeit stellt sich doch letztlich die Frage: Wo sind des Mitbewohners Hanfpflanzen?
Bio-Pfützenschlamm ist eine geniale Idee! Habt ihr euch die Rechte schon gesichert?
Ernsthaft: Super Kolumne, 15 Punkte

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