Jahresrückblick: Kino

Die 10 besten Filme 2019

Böse Clowns, lästige Parasiten und unbezwingbare Kinder: Die mephisto 97.6 - Kinoredaktion kürt die 10 besten Filme des Jahres 2019.
Jahresrückblick
mephisto 97.6 kürt die besten Filme des Jahres

Platz 10: DER LEUCHTTURM

Regisseur Robert Eggers zieht es nach seinem umjubelten Erstlingswerk THE WITCH erneut in die bedrohliche Wildnis: Dieses Mal sitzen zwei Leuchtturmwärter Ende des 19. Jahrhunderts auf einer abgelegenen Insel vor der Küste Neuenglands fest. Während ein Sturm über sie hinwegzieht, saufen, brüllen, wichsen und fluchen sich die beiden Männer um den Verstand. Willem Dafoe und Robert Pattinson liefern sich ein unvergessliches Psychoduell, gehen an ihre geistigen und körperlichen Grenzen, verpackt in die wohl kunstvollsten und zugleich beklemmendsten Bilder des Kinojahres. DER LEUCHTTURM ist ein kryptischer, unvergesslicher maritimer Albtraum in Schwarz-Weiß. Regenjacke nicht vergessen!
Janick Nolting

Platz 9: BOOKSMART

Verdammt, wir haben unsere Jugend versäumt! An ihrem letzten Tag auf der High School geraten Amy und Molly in Panik: Sie erfahren, dass auch ihre Mitschüler:innen es auf die Elite-Unis des Landes geschafft haben, trotz Partys und weniger Verbissenheit, als sie Amy und Molly an den Tag gelegt haben. In einer einzigen Partynacht wollen die beiden nun alles nachholen, was sie bisher versäumt haben. Auch wenn die Geschichte auf den ersten Blick wie eine 08/15-High - School - Komödie daherkommt, hat BOOKSMART viel mehr zu bieten! Regisseurin Olivia Wilde umgeht jedes Klischee galant oder verleiht diesem einen frischen Anstrich mit viel Originalität, Empathie, Witz, netten visuellen Details und einem mitreißenden Soundtrack. Die Komödie des Jahres! Maximilian Hemmann

Platz 8: MIDSOMMAR

Wie schon in seinem Erstlingswerk HEREDITARY, vermeidet Regisseur Ari Aster hier klassische Horrorfilmanalogien. MIDSOMMAR ist vielschichtig in seiner Erzählung und wirft nicht zum letzten Mal in dieser Top 10 Liste Genrevorlagen über den Haufen. Konkret bebilderten Horror gibt es hier wenig zu sehen, vielmehr sind es das dauerhafte Gefühl von "irgendwas-stimmt-hier-ganz-gewaltig-nicht" und die damit aufgebaute, dichte Atmosphäre eines schwedischen Midsommar Rituals, bei dem
die Sonne nie untergeht, die diesen Film so bemerkenswertund eben auch so bemerkenswert gut machen. Ein verstörendes Horror-Epos und zugleich einer der schwarzhumorigsten Filme des Jahres.
Lennart Johannsen

Platz 7: BURNING

"Weil mir die Welt ein Rätsel ist.", mit diesen Worten will Protagonist Jung-Su eigentlich nur erklären, warum er Schriftsteller werden möchte, doch damit fasst er unwissentlich auch den ganzen Film zusammen. Gerade erst hat Jung-Su seine Jugendliebe wiedergesehen, da begibt sich diese auch schon auf eine Reise nach Afrika. Bei ihrer Rückkehr hat sie einen anderen Liebhaber im Gepäck und verschwindet plötzlich spurlos. Basierend auf einer seiner Kurzgeschichten, überträgt BURNING die Motive von Schriftsteller Haruki Murakami großartig auf die Leinwand. Der für Murakami typische sinnsuchende Alleingänger wird in die koreanische Gegenwart verlegt. Trotz der optischen Reinheit gelingt Regisseur Lee Chang-dong eine brodelnde, suggestive Spannung unter der Oberfläche. Eine Studie über Einsamkeit und die Kehrseite der kapitalistischen Gesellschaft und ein Drama mit hypnotischen Fähigkeiten.
Maximilian Hemmann

Platz 6: PORTRAIT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN

Die ehemalige Klosterschülerin Heloise und die Malerin Marianne verlieben sich im 18. Jahrhundert vor der Kulisse der französischen Atlantikküste. PORTRAIT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN hat nicht nur einen der sperrigsten Filmtitel, sondern ist vor allem die schönste Liebesgeschichte in diesem Jahr. Präzise inszeniert von Regisseurin Celine Sciamma, gefilmt in Bildern, die Gemälden gleichen, und nicht weniger kunstvoll gespielt, bahnt sich der Film subtil seinen Weg zu den ganz großen Gefühlen. Das Porträt einer jungen Frau steht in Flammen und, meine Damen und Herren, bei diesem Film auch ihre Herzen!
Lennart Johannsen

Platz 5: HIGH LIFE

Und erneut beweist Robert Pattinson sein großes Schauspieltalent! In HIGH LIFE schickt ihn die französische Regisseurin Claire Denis als Teil einer Gruppe Strafgefangener ins Weltall und krempelt das Science Fiction-Genre einmal komplett um. Ihre Reise führt sie in ein schwarzes Loch, ans Ende von Zeit und Raum. Niemand von ihnen wird zurückkehren. In Rückblenden erzählt, entfaltet HIGH LIFE eine atmosphärisch dichte, surreale Versuchsanordnung, voller ebenso wunderschöner wie abstoßender Körperlichkeit. Haut, Haare, Blut, Sperma, Geburt, Leben und Tod: Der Kreislauf des Lebens wird hier auf engstem Raum einmal durchwandert. Verstörend, melancholisch, vieldeutig und mit einer Masturbationsszene, die sich ins Gedächnist einbrennt!
Janick Nolting

Platz 4: SYSTEMSPRENGER

Bennie heißt eigentlich Bernadette, ist 9 Jahre alt und das, was man im deutschen Sozialsystem einen "Systemsprenger" nennt. Intensiv inszeniert Nora Fingscheidt hier ihr Spielfilmdebüt, das auch gleich im Wettbewerb der Berlinale gezeigt und für Deutschland ins Oscar-Rennen geschickt wurde. Die elfjährige Helena Zengel trägt diesen Film und spielt in der Hauptrolle die vielen Facetten ihrer Figur furios auf und ab. Dazu kommt eine kluge Geschichte, die nicht nur das traurige persönliche Schicksal des jungen Mädchens porträtiert, sondern auch das große Ganze, die Betreuungssituation für Kinder wie Bennie, nicht aus den Augen verliert. SYSTEMSPRENGER ist aufwühlend und der beste deutsche Film des Jahres.
Lennart Johannsen

Platz 3: JOKER

Mit einem gewöhnlichen Comicfilm hat Todd Phillips` JOKER kaum etwas gemeinsam: Kein Batman, keine Superkräfte, nur die unbequeme Realität. In ebenso düsteren wie stilvollen Bildern erzählt Phillips davon, wie der psychisch kranke Clown Arthur Fleck durch das Gotham City der 80er Jahre taumelt. Von allen ausgelacht und verstoßen, bis es zum völligen geistigen Zusammenbruch kommt. Die Geburt eines Radikalen, eines Psychopathen, einer tickenden Zeitbombe. Joaquin Phoenix spielt den zukünftigen Erzfeind von Batman fast pathologisch, zeigt eine brillante Schmerzperformance zwischen eiskalter Gewalt und einfühlsamer Zerbrechlichkeit. Eine brennend aktuelle Abrechnung mit unserer Gesellschaft, die provoziert, zuspitzt, mit Terrorängsten spielt und bis zum verstörenden Ende doch in der Schwebe bleibt.
Janick Nolting

Platz 2: MARRIAGE STORY

Auf den ersten Blick wirkt MARRIAGE STORY fast harmonisch: Nicole und Charlie erzählen, was sie an der anderen Person jeweils lieben oder eher geliebt haben, denn mit einem Schnitt wird klar, dass die Ehe der beiden am Ende ist. Die Schauspielerin und der Theaterregisseur sitzen beim Paartherapeuten und kämpfen um den gemeinsamen Sohn. Regisseur Noah Baumbach fängt in seinem Drama perfekt die Gefühle des einstigen Traumpaars ein. Gefühle, die nicht weg sind, sondern sich nur verändert haben. Dabei erhalten Scarlett Johansson und Adam Driver genügend Raum, um mit zutiefst berührenden Darbietungen zu glänzen. Baumbach gelingt ein kleines Kunststück, indem er die Erzählungen über Wut und Enttäuschung mit komödiantischen Elementen verbindet. Ein Scheidungsdrama, das die Balance zwischen Humor, Schmerz und Liebe perfekt austariert.
Maximilian Hemmann

Platz 1: PARASITE

Regisseur Bong Joon-ho beweist einmal mehr, dass Genregrenzen für ihn nicht existieren und mischt hier munter und meisterhaft vor sich hin. Seine Geschichte über eine Familie aus der Unterschicht, die sich nach und nach in eine Luxuswelt einschleicht, bleibt konsequent unvorhersehbar. Drama, Komödie, Horror und Sozialstudie, es ist alles dabei und greift so perfekt ineinander, wie seit Jahren in keinem Film mehr. PARASITE ist ein kluges Werk, ohne dass ihm die eigene Intelligenz jemals zum Verhängnis wird. Die zugrundeliegende Beobachtung gesellschaftlicher Strukturen zwischen Arm und Reich wird konsequent bis zum bitteren Ende ausgeleuchtet. Komplettiert durch preisverdächtige schauspielerische Leistungen, einen eingängigen Soundtrack, perfekt durchkomponierte Bilder und eine Pfirsich-Szene, die der in CALL ME BY YOUR NAME in nichts nachsteht. PARASITE ist der vollkommenste und beste Film des Jahres.
Lennart Johannsen

In einer Sondersendung spricht die mephisto 97.6 - Kinoredaktion mit Moderatorin Sophie Rauch ausführlich über die Tops und Flops des Kinojahres. Die ganze Sendung zum Nachhören gibt´s hier:

 

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Janick Nolting, Lennart Johannsen, Max Hemmann
27.12.2019 - 18:58
  Kultur

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