Gespräche auf dem Roten Sofa

In der Wohlstands-Sackgasse

Wenn Ben seine Freunde im Späti trifft, ist alles in Butter. Doch im Alltag läuft es nicht: Die Beziehung kriselt, der Job ist öde. Hamed Eshrats Graphic Novel „Venustransit“ porträtiert das Leben eines Durchschnittsberliners, der nach Sinn sucht.
Hamed Eshrat (rechts) im Gespräch mit Redakteur Tobias Schmutzler
Hamed Eshrat (rechts) im Gespräch mit Redakteur Tobias Schmutzler

Eigentlich hat er keinen Grund, sich zu beschweren: Mit existenziellen Problemen hat Ben nicht zu kämpfen. Der Hauptcharakter der Graphic Novel „Venustransit“ verzweifelt eher an den Herausforderungen des Berliner Hipsteralltags. In Bleistiftzeichnung erzählt der Berliner Cartoonist Hamed Eshrat eine Geschichte, die jeder in der einen oder anderen Form schon erlebt hat.

First World Problems

Ben ist Mitte zwanzig oder Anfang dreißig, führt eine Beziehung mit Julia und trinkt abends gern ein Bier in seinem Stamm-Späti. So weit, so normal – doch Ben ist unglücklich. Denn sein Job in der IT-Branche lässt ihm kaum Zeit für seine wirkliche Leidenschaft: das Comiczeichnen.

Bens Antriebslosigkeit geht seinen Mitmenschen auf die Nerven. Seiner Freundin wird es schließlich zu viel, sie verlässt ihn. Als Julia weg ist, stürzt sich Ben in das Berliner Clubleben. An diesen Stellen bricht die Graphic Novel stilistisch aus: Im Berghain schraubt sich Ben den Kopf ab, und als er am nächsten Morgen verkatert aufwacht, begrüßt ihn eine Kakerlake mit den Worten: „Los! Geh malochen...“

70 Seiten voller Gedankenfetzen

Unter solch düsteren Vorzeichen wagt Ben eine Reise. Als Backpacker fliegt er nach Indien. An dieser Stelle steigt „Venustransit“ vollends aus dem zuvor gepflegten Stil aus. Im Mittelteil der Graphic Novel hat der Autor Hamed Eshrat sein eigenes Skizzenbuch abdrucken lassen, das er selbst auf einer Asien-Reise vor einigen Jahren gepflegt hat. Das Buch trägt hat also starke autobiographische Züge. 

Manch ein Leser wird sich während des wenig konkreten, aber andeutungsvollen Skizzenbuch-Parts alleingelassen fühlen. Doch regen die gut siebzig Seiten voller gezeichneter Gedankenfetzen auch dazu an, sich eine eigene Reise im Kopf auszumalen. Ben jedenfalls kehrt einigermaßen befreit aus seinem Indien-Urlaub zurück. Im dritten Teil des Buchs schafft er es dann auch, wieder berufliche und private Erfolge zu verbuchen.

Kontrastprogramm

Mit „Venustransit“, seinem zweiten Buch und Deutschland-Debüt, setzt Hamed Eshrat einen inhaltlichen Kontrapunkt zu seiner ersten Arbeit. Vor gut zehn Jahren zeichnete er die Graphic Novel „Kaiser-Schnitt“, in der Eshrat die Geschichte seiner Familie im Iran aufarbeitete. Auf der Grundlage von Aufzeichnungen seiner Mutter rekonstruierte Eshrat, wie der politische Umsturz im Iran im Jahr 1979 dafür sorgte, dass seine Eltern einer Verhaftungswelle zum Opfer fielen.

Im Vergleich mit "Kaiser-Schnitt" kommt „Venustransit“ inhaltlich deutlich schlichter daher. Doch sprüht das Buch vor Ideen: Hamed Eshrats Buch fordert seine Leser thematisch nicht sonderlich, doch seine Zeichnungen bleiben noch lange im Gedächtnis und beflügeln die Phantasie.

Hamed Eshrat im Gespräch auf dem Roten Sofa

Im Interview mit mephisto 97.6 auf der Leipziger Buchmesse erzählte Hamed Eshrat, dass er anfangs keinen festen Plan für das Buch gehabt habe. Berlin habe als Ort der Handlung allerdings festgestanden. Seine eigene Geschichte als Inspiration zu nehmen, lag Eshrat zufolge nahe, denn die kennt man ja am besten. Den Entstehungsprozess von "Venustransit" beschreibt Eshrat so, dass sich Schreiben und Zeichen sowie Sammeln und Lesen abgewechselt hätten. 

Das Berliner Nachtleben habe ich zur Genüge für die Recherche mitgenommen.

Hamed Eshrat

Die Graphic Novel wurde mit einem rauen Bleistiftstrich gezeichnet, um so die schroffe Atmosphäre in der Hauptstadt einzufangen, sagt Eshrat.  

Der Berliner Zeichner Hamed Eshrat im Gespräch mit mephisto 97.6-Redakteur Tobias Schmutzler.
 

 

 

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Hamed Eshrat wurde 1979 in Teheran geboren. Seine Familie floh 1986 über die Türkei und die DDR in die Bundesrepublik. Über das Skateboarden kam Eshrat zum Graffiti – und von dort zum Comiczeichnen. Er studierte Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Berlin Weißensee und an der Massey Universität in Wellington, Neuseeland. Heute arbeitet Hamed Eshrat als Designer, freischaffender Künstler und Autor in Berlin.

Sein zweites Buch „Venustransit“ ist im November 2015 im Avant-Verlag erschienen. 256 Seiten kosten 24,95 EUR.