Gespräche auf dem Roten Sofa

Der Westen in vier Bänden

Besonders bei politischen Themen ist die Meinung des Historikers Heinrich August Winkler gefragt. Nun hat er mit seinem neusten Buch einen Zyklus abgeschlossen. Für seine Bände bekommt jetzt er den Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung.
Heinrich August Winkler im Gespräch
Historiker Heinrich August Winkler (rechts) im Gespräch mit mephisto97.6-Redakteur Michael Buchweitz.

Der Westen ist ein sehr großes Gebilde unterschiedlicher Staaten. Ihn genau zu definieren fällt schwer. Doch genau das hat Heinrich August Winkler in seinem vierbändigen Werk „Geschichte des Westens“ getan. Jetzt ist der vierte und letzte Band der Reihe „Die Zeit der Gegenwart“ erschienen. Dort beginnt Winkler den Westen ab den 1995er Jahren, kurz nach der Wiedervereinigung, abzubilden. Dabei beschreibt er sowohl die politischen Veränderungen seit 1995, aber auch große Ereignisse wie der Völkermord in Ruanda, der Balkankrieg oder die gescheiterte UN-Mission in Somalia werden von ihm behandelt. Erzählerisch ist das Buch aber eher mittelmäßig. Lange Passagen von Wahlergebnissen wechseln sich ab mit detaillierten Einblicken in die Geschichte der einzelnen Länder. Am Ende des doch manchmal etwas sehr langatmigen Buches gibt Winkler eine Zusammenfassung und einen Ausblick auf „unseren Westen“. Und dabei merkt man erst, dass es für seine präzise formulierte Zusammenfassung und seinen Ausblick, eine doch sehr weit schweifende Einführung in Form des restlichen Buches gebraucht hat.

Im Interview hat er über seine Motivation gesprochen, zwölf Jahre lang an seinem Band zu arbeiten. Von Buch zu Buch wurde klar, dass noch nicht Schluss ist. Doch jetzt kam sein endgültiger Abschlussband. Unter anderem hat er nach eigenen Angaben in diesem letzten Buch der Reihe die Ukrainekrise, die Terrorkrise, aber auch die Flüchtlingskrise mit einbringen können. Diese weltweiten Konflikte versucht Heinrich August Winkler aus der Vergangenheit heraus zu klären und dessen Wurzeln zu ergründen.

 

Autor Heinrich August Winkler im Interview mit Michael Buchweitz
 

Heinrich August Winklers „Geschichte des Westens“ ist ein Buch für Jedermann. Und trotzdem ist es sehr empfehlenswert zu lesen. Denn es beschreibt den Werdegang des Westens bis heute sehr genau und zieht die richtigen Verbindungen zwischen den vielen kleinen Ereignissen, die uns zu unserer heutigen Zeit bringen. Hinderlich an dem Buch sind die oftmals vielen Details und Kleinigkeiten, die den Lesefluss erheblich stören können. Doch wenn man bis zum Ende des Buches durchhält, blickt man viel klarer auf die Verhältnisse unserer jetzigen westlichen Gesellschaft.

 
 

Kommentieren

Heinrich August Winkler wurde am 19. Dezember 1938 in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad geboren. Von 1957 studierte er unter anderem Philosophie und Geschichte. 1963 promovierte Winkler mit einer Arbeit über die Geschichte der „Deutschen Fortschrittspartei“. 1972 nahm er die Professur für Neuere und Neuste Geschichte an der Albert­Ludwigs­Universität in Freiburg an und lehrte dort fast 20 Jahre. 1991 wechselte er an die Humboldt­Universität in Berlin. 2007 wurde er  emeritiert. Am 8. Mai 2015 hielt er die Gedenkrede zum 70. Jahrestag des Endes des zweiten Weltkrieges vor dem Bundestag.