Rotes Sofa: Tobias Ginsburg

In der Welt der Reichsbürger

Bösartige Echsenmenschen, BRD als GmbH, Umvolkung der Deutschen. Warum glauben verschiedenste Personen an diese Verschwörungstheorien? Und wer genau sind sie eigentlich? Der jüdische Autor Tobias Ginsburg hat sie kennengelernt.
Redakteurin Finný Anton im Gespräch mit Tobias Ginsburg.
Redakteurin Finný Anton im Gespräch mit Tobias Ginsburg.

Tobias Ginsburg, Autor und Regisseur, entscheidet sich im Sommer 2017 Untertan des "Königreichs Deutschland" in Sachsen-Anhalt zu werden. Er lernt eine Form der Hippie-Kommune kennen, die zugleich die BRD ablehnt und sich gegen die NWO (Neue Weltordnung), Verschwörer*innen, Politiker*innen und die Hochfinanz stellt. Später ist er Teilnehmer einer Mahnwache in Berlin, nimmt an Plänen zum Sturz der Regierung in Kassel und Leipzig teil und jubelt auf nationalen Veranstaltungen in Garmisch-Partenkirchen oder Kahla dem compact-Chefredakteur Jürgen Elsässer zu. Er reist durch ganz Deutschland und begibt sich unter zahlreiche Reichsbürger*innen.

Ginsburg passt sich seinen Mitmenschen an, damit er als Untertan akzeptiert wird. Auf die Frage, was ihn zum Königreich geführt habe, antwortet er souverän und beschreibt dies im Buch wie folgt:

'Gar nicht so viel.' Meine Misserfolge mache ich etwas größer, meine Erfolge kleiner. Wo ich Glück hatte, streu ich Pech drüber, zum Glück habe ich eine klinische Depression, die hilft bei meinen Ausführungen ungemein.

Er möge die Vorstellung, nicht lügen zu müssen, sondern sich oder eine Version von ihm, in diesem Reich fallen zu lassen. Jetzt sei er auf der Suche nach Alternativen, nach einem Leben, in dem er wieder atmen könne.

Patera erwacht

Der Autor nimmt eine neue Identität an und heißt fortan für alle Menschen, die er in der Szene kennenlernt, "Tobias Patera". Er arbeite als alternativer Journalist und wolle die Missstände des Landes aufdecken. Er nimmt raue Charaktereigenschaften an, trinkt viel Bier, fängt an sich in Kreisen herumzutreiben, die nicht nur einen unabhängigen Staat gründen wollen, sondern die jetzige Regierung stürzen möchten. Er johlt Unterstützern des nationalen AfD-Flügels zu. Ginsburg spielt seine Rolle verflucht gut. Er wird von allen Seiten akzeptiert, bedarf sich eines großen schauspielerischen Talents und wird nur ein einziges Mal als möglicher "Spitzel" verdächtigt.

Milan entschuldigt sich dafür, mich einen Spitzel genannt zu haben, aber er fand es eben komisch, dass ich mich für alles gleichermaßen interessiere - Esoterik, AfD und Reichsbewegung [...] und dass ich nie widerspreche.

Nur zu gerne nehme ich die Kritik an und beherzige sie sogleich. Ich sage Milan, dass jetzt aber auch mal gut ist. Dass ich kein Spitzel bin, diese Scheiße aufzuhören und er die Schnauze zu halten hat. Ich lasse ihn nicht mehr ausreden. Ich zeige Dominanz, Zähne, Brusthaar. Zünde mir eine Kippe an.

Nötige Aufklärung

"Die Reise ins Reich" ist sowohl aufklärendes Sachbuch als auch ganz persönliche Reportage über ein riskantes Experiment, das der Autor selbst erlebt. Ginsburg überzeugt mit seinem direkten, harten und ehrlichen Stil. Er lädt den Leser mithilfe seiner Ich-Perspektive ein, das Erlebte wiedererfahrbar zu machen und teilt Anekdoten mit Esofaschist*innen, Neonazis, freiheitsliebenden Hippies und Verschwörungstheoretiker*innen - schonungslos.

Mit seinem Werk schafft er es, die Reichsbürger-Bewegung ein bisschen greifbarer zu machen und zeigt auf wie weit verschwörerisches Gedankengut in unserer Gesellschaft bereits gestreut hat. Außerdem schwächt er bisherige Vorurteile ab und zeigt, dass die Reichsbürger nicht nur von "rechten Irren" dominiert werden. Das politische Spektrum reicht von rechts außen, über links und vor allem bis in die Mitte der Gesellschaft.

Trotz zahlreicher rassistischer, homophober und intoleranter Konversationen und Momentaufnahmen, die er in seinem Buch festgehalten hat, stößt er die Leser dazu an das Thema "Reichsbürger-Bewegung" nicht unter den Tisch zu kehren. Eine absolute Leseempfehlung - spannend, krass und das Schlimmste: wahr.

Finný Anton hat auf der Leipziger Buchmesse mit Tobias Ginsburg gesprochen. Im Interview geht es unter anderem um seine Zeit unter Reichsbürgern. Außerdem sind die Gründe aus denen Menschen an Verschwörungstheorien glauben und der überraschend schnelle Wechsel von Links nach Rechts Thema:

Redakteurin Finný Anton im Gespräch mit Autor Tobias Ginsburg.
1603 Tobias Ginsburg
 

Kommentare

„Es ist eine rassistische Volksverhetzung losgetreten worden... Jeder, der auf die Einhaltung der aktuell geltenden Gesetze pocht ... ist Reichsbürger“, siehe http://no-zensur.de/?p=41811.
Das Problem:
Rechtsbrüche und Rechtsbeugungen sind systemkonform, vgl. http://www.odenwald-geschichten.de/?p=1740. Rechtsstaat nur Fiktion, vgl. http://www.odenwaldgeschichten.de/?p=682. Grundsätzliche Methode aller Gerichte, Behörden und Petitionsausschüsse ... ist die Verfälschung und Ignorierung des wahren Sachverhalts und die Ignorierung oder Verdrehung des maßgeblichen Rechts, vgl. http://unschuldige.homepage.t-online.de/.
Was nützt der beste Rechtsstaat auf dem Papier, wenn er in die Köpfe und die Herzen der Menschen, die ihn vertreten sollen, keinen Eingang finden kann?- http://web.wengert-gruppe.de/wengert_ag/news/2003/SteuerstrafverfinDeuts....
Gesellschaftsordnungen sollten nicht mehr nach selbstgefälligen Weltanschauungen Herrschender und ihrer Günstlinge, sondern nach Verhaltensgesetzen konstruiert werden.

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"Die Reise ins Reich - unter Reichsbürgern" von Tobias Ginsburg:

In 272 Seiten schildert Ginsburg seine Erfahrungen und gibt einen aufschlussreichen Einblick in das Denken der untergründigen gesellschaftlichen Bewegung.

Verlag: Das neue Berlin

Kostenpunkt: 17,99 €

 

Zum Autor:

Der jüdische Autor und Theaterregisseur wurde 1986 in Hamburg geboren. Er studierte Dramaturgie, Literaturwissenschaft und Philosophie in München. 2007 debütierte er als Autor und Regisseur von "Vergewaltigt. Eine romantische Komödie". Zudem war er 2010 Mitbegründer des Theaterkollektivs "Fake to Pretend". Sein, in Zusammenarbeit mit Daphne Ebner verfasstes, Stück "Weltenbrand" wurde 2014 für den Deutschen Jugendtheaterpreis nominiert.