Kommunalwahl 2014

Der Wahlhelfer

Jeder, der am Sonntag wählen war, hat eine wichtige Bürgerpflicht wahrgenommen. Ohne Wahlhelfer wäre eine demokratische Wahl aber gar nicht organisierbar, meint Daniel (25). Er ist Wahlvorsteher für den Reudnitzer Wahlkreis 3009.
Der Wahlhelfer
Alle Stimmen müssen per Hand ausgezählt werden - ohne Wahlhelfer undenkbar.

Sonntag, 25. Mai 2015, 7.30 Uhr: Die Straßen in Reudnitz sind noch leer, es ist ruhig. Auch vor der Wilhelm-Busch-Straße herrscht gähnende Leere. Innen werden aber schon fleißig Tische gerückt und weiße Plastewände darauf aufgestellt – fertig sind die Wahlkabinen. Vier Klassenzimmer in der Schule werden heute zum Wahllokal umfunktioniert. Unter anderem der Raum 15, in dem sonst die Beratungslehrerin ihr Büro hat. Hier wählen heute die Bewohner des Reudnitzer Wahlbezirks 3009.

Daniel ist hier heute der Wahlvorsteher. Nachdem die Wahlkabinen aufgebaut sind und kontrolliert ist, dass die Wahlurne leer und verschlossen ist, gibt er seinen sieben Mitarbeitern eine kurze Einführung. Vier Kollegen werden für die Frühschicht von 8 bis 13 Uhr eingeteilt. Bis 18 Uhr übernimmt dann die Spätschicht. In jeder Schicht gibt es jeweils einen Schriftführer und zwei Beisitzer. Um Punkt 8 Uhr eröffnet Daniel die Wahl in seinem Wahlkreis offiziell. Jetzt hat er bis 13 Uhr Freizeit, denn seine Schicht beginnt erst 13 Uhr. Seine Stellvertreterin übernimmt die Frühschicht und in dieser Zeit Daniels Aufgaben.

Wählen

Der erste Wähler, ein junger Mann, kommt ein paar Minuten später. Seine Tochter hat ihn geweckt und weil er schon mal wach war, ist er gleich wählen gegangen.

Bis 11 Uhr läuft der Wahlverkehr schleppend. Der Wahlbeisitzer am Eingang kann sich mit der Kontrolle der Wahlscheine Zeit lassen. Anschließend überreicht er jedem Wähler zwei Wahlscheine – einen orangenen Bogen für die Kommunalwahl, einen weißen für die Europawahl. Die Kontrolle des Ausweises erfolgt dann zwei Schritte weiter – der Schriftführer sucht den Wähler im Wahlverzeichnis und setzt ein Häkchen hinter den Namen. Jetzt kann sich der Wähler hinter einer der weißen Plastikwände zurückziehen und ungestört seine insgesamt vier Kreuze setzen: eins für die Europa- und drei für die Stadtratswahl. Ist das geschehen, wirft er die Zettel in zwei verschiedene Urnen: links Stadtrat, rechts Europa. Bürgerpflicht erfüllt, Stimme genutzt.

Um die Mittagszeit und nach dem Kaffeetrinken strömen besonders viele Wähler ins Wahlbüro 3009 in Reudnitz.

17.40 Uhr hat sich vor dem Wahllokal eine Schlange gebildet. Vor allem wegen des schönen Wetters kommen viele Wähler erst am Nachmittag. Um Punkt 18 Uhr beendet Daniel die Wahl offiziell und schließt symbolisch die Tür des Wahlbüros. Wer dann schon im Raum ist, darf seine Stimme noch abgeben.

Zählen

Das letzte Kreuz ist gesetzt, der letzte Wahlschein eingeworfen – jetzt geht es ans Auszählen. Zuerst wird die Wahlurne für die Europawahl von Daniel geöffnet. Zwei andere schütten alle Zettel auf den Tischen aus, die nun nicht mehr als Wahlkabinen dienen, sondern zusammengeschoben in der Mitte des Raumes stehen.

1443 potentielle Wähler gibt es im Wahlbezirk 3009. Ihre Stimme abgegeben haben 637 Bürger, wie sich nach zweimaligem Zählen herausstellt. Aber der Reihe nach: Zuerst werden alle Wahlscheine in 10er-Stapel geteilt, anschließend 100er-Packen gebildet. Dabei hat sich ein Fehler eingeschlichen – die Zahl der Wahlscheine stimmt nicht mit der der Stimmzettel überein. Also wird nochmal gezählt. Als es stimmt, werden die Wahlzettel nach gewählter Partei geordnet. Dazu legt Daniel kleine gelbe Zettel auf den Tisch, für jede Partei einen. Auch die sortierten Zettel werden gebündelt und gezählt. Das Ergebnis wird an den Schriftführer weitergegeben, der alle Zahlen in ein Register einträgt. Bis 20 Uhr müssen alle Stimmzettel ausgezählt sein, so die Vorgabe der Stadt. 19.45 Uhr kann Daniel bereits im Rathaus anrufen und die Ergebnisse durchsagen. Die Grünen konnten mit 148 Stimmen die Wahl im Bezirk 3009 für sich entschieden.

Weiter zählen

Aber nach der Europawahl-Auszählung ist vor der Kommunalwahlauszählung. Und die ist wesentlich komplizierter – drei Stimmen hat jeder Leipziger, die er wild verteilen kann. Wenn er möchte, kann er auch nur ein oder zwei Kreuze setzen. Aber erst mal wird wieder in 10er Stapel geteilt und die Gesamtanzahl überprüft. Dann wird mit Strichlisten gearbeitet. Jeder einzelne Zettel wird in die Hand genommen, die angekreuzten Kandidaten vorgelesen und Striche gemacht. Zuerst nur für die Politiker, die alle drei Stimmen von einem Wähler bekommen haben. In einem zweiten Schritt wird der große Stapel durchgenommen, auf dem verschiedene Bewerber jeweils eine oder zwei Stimmen bekommen haben. Dieses aufwendige Verfahren funktioniert nur, wenn alle zusammen arbeiten. Es herrscht hohe Konzentration. Trotzdem wird sich auch hier ein paar Mal verzählt. Während alle anderen Wahllokale in der Wilhelm Busch Schule schon ihre Ergebnisse der Kommunalwahl an das Rathaus weitergegeben haben, wird in Raum 15 noch immer fleißig gezählt. Erst kurz nach 22 Uhr – und damit ein paar Minuten nach der Deadline – steht das Ergebnis fest: Nicole Lakowa von den Grünen konnte die Wahl mit 221 Stimmen für sich entscheiden. Genau wie die Stimmzettel für die Europawahl vorher, werden auch die orangen Stimmzettel in braune große Umschläge verpackt und in eine blaue Kiste gelegt.

Geschafft

Die Auszählung ist geschafft, die Wahlhelfer sind es auch. Während alle anderen nach einem langen anstrengenden Tag nach Hause gehen können, muss Daniel noch alle Unterlagen – die Stimmzettel, die Wahlscheine, die ausgefüllten Wahlunterlagen usw. – ins Rathaus bringen. Das Taxi dorthin wird von der Stadt Leipzig gesponsert. Das ist auch nötig, denn Daniel ist hundemüde und möchte eigentlich nur noch ins Bett. Das sei ihm vergönnt, nach über 15 Stunden als Wahlvorsteher. Aber auch bei der nächsten Wahl möchte Daniel wieder dabei sein, nicht nur als Wähler. Er ist sich sicher „Eine wirklich demokratische Wahl wäre ohne Wahlhelfer gar nicht organisierbar.“

Eine Reportage von Lily Meyer.
Wahlhelferreportage

 

 

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