Theaterkritik

Der Teufel ändert sich nie!

Zum 1000-jährigen Stadtjubiläum beschäftigte sich die Oper Leipzig erneut mit dem Faust-Mythos und zeigte dabei wenig Neues!
Ein edler Tropfen! (Tuomas Pursio, Chor der Oper Leipzig)

Goethes Faust ist einer der wichtigsten Stoffe der deutschen Literatur und wie viele solcher Stoffe war er oft von für Adaptionen von Interesse oder bildete zumindest das kreative Zentrum für viele Werke, auch im Musiktheater. Eines dieser Werke ist Gounods "Faust". Trotz zahlreicher dramaturgischer Schwächen und schlechter Kritiken hat sich diese Oper als eine der langlebigsten Faust-Adaptionen gehalten, vor allem wegen der schönen und eingängigen Melodien. Michiel Dijkema, der diese Oper in Leipzig inszeniert, meint, Gounod sei ein guter Opernkomponist, aber kein guter Operndramaturg. Genau das trifft es: Faust wird durch eingängige Melodien bestimmt, die geprägt sind durch seine Erfahrungen als Kirchenkomponist. Diese Stärke kommt bei der Produktion der Oper durchaus zum Tragen, alles wirkt leicht und beschwingt, so dass der Comedy-Charakter hervorlugt und sich die lyrischen Momente entfalten können. Diese schönen Melodien sind aber auch eine Schwäche, denn sie kommen vor allem in Einlagen zur Geltung, die allerdings den Handlungsfluss stoppen. Hier zeigt sich die Dramaturgie der Oper als mutig und kreativ: Gounod selbst plante eigentlich eine Wahnsinnsarie, die seinem Auftraggeber nicht zusagte. Doch in Leipzig nahm man sich die Freiheit, diesem Wunsch nachzukommen: Margarethes Stück "Es war ein König in Thule" wird hier in den 3. Akt verlegt und zur Wahnsinnsarie umfunktioniert, was gut gelingt.

Das gänzlich Böse

Doch das war vielleicht die größte und mutigste Überraschung des Abends, denn sonst bleibt diese Inszenierung trocken und gestrig. Natürlich macht es das Stück nicht leicht, doch Dijkema zeigt eigentlich, dass er die Bedeutung des Stückes gut durchdrungen hat. Für ihn seien die wahre Liebe und das ausschließlich Böse immer noch relevante Kategorien. Vor allem die Darstellung des Bösen gelingt ihm gut, der Gentleman, der Menschen schlechte Ideen so einpflanzt, dass sie meinen, es wären ihre eigenen. Das funktioniert vor allem durch den gut erprobten Pursio. Auch die großen Chorszenen gelingen Dijkema gut. Vor allem diese Passagen geben dem Stück eigene Kraft, die Chornummern bringen das Werk der bürgerlichen Grand Opera nahe und zeigen etwas, das Goethe bei seinem Faust ausspart: die Öffentlichkeit und ihre Meinung, und es zeigt sich, auch hier schlummert das Böse schon in jedem und auch die Kinder wenden sich dem gerne zu - eine gut getroffene Aussage, die aber leider nicht neu ist.

Wenige Überraschungen

Und das ist auch der große Kritikpunkt bei dieser Inszenierung: nichts wirkt neu. Die Kostüme rücken das Stück näher an seine Uraufführung als an das heutige Publikum, und das trotz der zeitlosen Aussage und Opern, die sowieso nie an eine Zeit gebunden sind, weil ihre Sprache noch nie natürlich war. Statt das Werk wirklich zu interpretieren, verkommt es beinahe zu einem biederen Kostümdrama. Selbst die Witze, die der Regisseur gerne einbaut, wirken schnell altbacken, weil sie kein gutes Timing besitzen, sondern bei jeder Gelegenheit eingesetzt werden. Allerdings stellte sich bereits vor der Premiere die Frage, wieviel neues Dijkema noch erzählen konnte, denn es ist auch eine Schwäche des Spielplanes. Es ist redundant, nach der Premiere von Strawinskys "The Rake's Progress" der letzten Spielzeit nun noch eine Faust-Oper ins Programm zu nehmen - letztlich ist der einzige Unterschied der beiden Opern neben der Musik, dass hier die Frau verrückt wird. Dennoch wird die Premiere von Gounods Faust mit Jubel quittiert, wieder wegen der Musik, denn die hat sich nicht umsonst so lange gehalten und wurde gut dargeboten. Letztlich kann man der Regie auch keine großen Vorwürfe machen, was sie machen wollte, hat sie gut gemacht, Dijkema beherrscht sein Handwerk. Aber er hat zu wenig gemacht, alles wirkt altbekannt und begeistert wenig. Es fehlt der Inszenierung an Kreativität, Innovation und Persönlichkeit. Dennoch ist die Freude des Publikums groß, letztlich passt diese Inszenierung zur künstlerischen Linie der derzeitigen Leitung, die eben keine Experimente wagen will und damit sehr gut fährt, wie wachsende Zuschauerzahlen zeigen. Das Leipziger Publikum bekommt, was es sich wünscht, doch das wirkt leider trocken und wird kaum größere Wellen schlagen.

Constanze Müller im Gespräch mit mephisto 97.6-Redakteur Thilo Körting über Faust an der Oper Leipzig
SG Oper
 

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Thilo Körting
14.10.2014 - 22:00
  Kultur