Frisch Gepresst: Phoebe Bridgers

Der schlimmste Fan

Phoebe Bridgers ist zurück! Die amerikanische Songwriterin singt auf ihrem zweiten Album „Punisher“ von Leichen im Garten, Elliot Smith und der Apokalypse.
Phoebe Bridgers
Phoebe Bridgers neues Album "Punisher" ist traurig, schön und gruselig - im besten Sinne.

Wer ist eigentlich Phoebe Bridgers? Diese Frage mussten sich in den letzten Jahren viele stellen, denn ihr kometenhafter Aufstieg in den Musikhimmel blieb nicht unbemerkt. Nach einer EP erschien 2018 das erste Album von Phoebe Bridgers mit dem Namen „Strangers in the Alps“. Darauf tümmelten sich einfühlsame Alt-Folk-Tracks wie „Motion Sickness“ und „Smoke Signals“, die mittlerweile nicht mehr nur Fan-Lieblinge sind. Nach zwei Supergroup-Veröffentlichungen im letzten Jahr (Better Oblivion Community Center mit Conor Oberst und boygenius mit Lucy Dacus und Julien Baker) hat sich Bridgers auch für Features mit Matt Berninger (The National) und The 1975 zusammengetan. Die Amerikanerin ist in aller Munde und es grenzt an ein Wunder, dass sie bei all dem Trubel Zeit für ein eigenes Album gefunden hat.

Never meet your heroes

„Punisher“ öffnet mit dem kurzen Instrumental-Intro „DVD Menu“ und setzt damit die Stimmung: Die nächsten 40 Minuten werden traurig, schön und ein wenig gruselig. Die vertrauten Klänge der ersten Single „Garden Song“ ertönen direkt danach. Bridgers klare, helle Stimme wird im Refrain vom dunklen Tenor ihres Tour-Managers untermalt und singt von Träumen die wahr werden oder auch nicht – so auch jener über den vermissten Nazi-Nachbarn ihres Liebhabers. „Kyoto“ ist dann die Phoebe-Bridgers-Version eines Indierock-Tracks zum Mitnicken. Durch das schnellere Tempo und fast schon euphorische Bläser kommt sogar eine Art Optimismus durch. Tatsächlich handelt der Song aber von Bridgers Depressionen und der Tatsache, dass man immer dahin will, wo man gerade nicht ist.

Der Titeltrack „Punisher“ war eigentlich als Tribute-Song für Elliot Smith gedacht, den sie seit ihrer Kindheit verehrt. Letztendlich musste sie aber feststellen, dass es besser ist seine Helden niemals zu treffen. Smith, der zu seiner Zeit für seine aufopferungsvolle Fan-Nähe bekannt war, wäre wahrscheinlich sogar an Bridgers Obsession gescheitert.

And here, everyone knows you're the way to my heart
Hear so many stories of you at the bar
Most times, alone, and some, looking your worst
But never not sweet to the trust funds and punishers.

Song: "Punisher"

Die Stimmung bleibt auch auf „Halloween“ (gemeinsam mit Conor Oberst) und „Chinese Satellite“ melancholisch. Zu einem zärtlichen Gitarrensound und sanften Streichern gesellen sich auch ein drückendes Schlagzeug und wabernde Synthies, die den Zuhörenden in eine Art Traumzustand versetzen wollen. Phoebe Bridgers glaubt weder an Gott noch an Aliens oder Geister. Das Gefühl sich an etwas festhalten zu wollen ist universell, aber durch kleine makabre Details („They killed a fan down by the stadium. Was only visiting, they beat him to death.“) gelingt es ihr große Dringlichkeit zu erzeugen.

Liebe dich, so wie ich dich

Phoebe Bridgers Gabe Zwischenmenschlichkeiten und Gefühle authentisch zu verarbeiten zeigt sich auch in „Moon Song“ und dem ergänzenden „Saviour Complex“. In beiden zerreißt ihr Herz an dem Dilemma, jemanden zu lieben, der sich selbst nicht liebt, und nichts dagegen tun zo können. Auch „ICU“, das vorher als „I See You“ erschienen war, erzählt von der Beziehung zu ihrem Schlagzeuger, die sie zur Zeit nicht richtig wertschätzen konnte und die letztendlich in Freundschaft geendet hat.

Auch Bridgers boygenius-Kolleginnen dürfen auf „Punisher“ nicht fehlen. Die 25-jährige verbindet eine tiefe Seelenverwandtschaft mit Lucy Dacus und Julien Baker. Letztere leidet seit langem an Depressionen und Suchtkrankheiten, weshalb sie auch auf dem Country-esquen „Graceland Too“ zu hören ist. Der Song handelt von einer Zeit, als Baker ihre Ängste für ein paar Momente vergessen konnte.

So we spent what was left of our serotonin
To chew on our cheeks and stare at the moon
Said she knows she lived through it to get to this moment
Ate a sleeve of saltines on my floor and I knew then.

Song: "Graceland Too"

Phoebe Bridgers hat die Apokalypse gesehen. Zumindest kann man das glauben, wenn man die elf Songs auf „Punisher“ hört. Mit „I Know The End“ findet der Roadtrip durch die dunkelsten Gefühle ein triumphales Ende, denn im Outro singen alle Feature-Gäste und noch einige mehr die Worte „The end is near“ bevor das Album in Geschrei und Chaos endet.

Die Themen und Stimmungen in „Punisher“ sind universell, aber Phoebe Bridgers prägt sie mit spezifischen und oft schwarzhumorigen Details, die nur aus ihrem Kopf kommen konnten. Dadurch verleiht sie ihren Songs eine trockene, aber authentische Atmosphäre, die einfach zum Heulen schön ist.

 

 

Kommentieren

Phoebe Bridgers: Punisher

Tracklist:
  1. DVD Menu
  2. Garden Song*
  3. Kyoto*
  4. Punisher
  5. Halloween
  6. Chinese Satellite
  7. Moon Song
  8. Saviour Complex
  9. ICU
  10. Graceland Too*
  11. I Know The End*

*Anspieltipps 

Erscheinungsdatum: 19.06.2020
Dead Oceans

 

Das Album direkt bei Spotify anhören: