Literaturrezension

Der letzte warme Sommer

Wieder einmal ist es ihr Thema: Die Spannung zwischen Ost- und Westdeutschland. Die erfolgreiche Nachwuchsautorin Ricarda Junge hat sich in ihrem neuen Roman der Geschichte von DDR-Flüchtlingen gewidmet – in mehreren Generationen.
Ricarda Junge
Das Buchcover von "Die letzten warmen Tage".

Am Anfang steht die Geschichte einer Flucht. Im August 1961 kehrt ein junges Ehepaar der DDR den Rücken, zusammen mit zwei kleinen Kindern. Kaum im Westen angekommen, verschwindet der Vater spurlos und lässt die Familie in Ungewissheit zurück. Der Verlust lässt vor allem die Tochter Christine nicht los und beschäftigt sie noch über viele Jahre hinweg.

Um dieses Ereignis spinnt die Autorin Ricarda Junge eine Geschichte - die Geschichte von Christines Tochter Anna. Obwohl sie im Westen aufwächst, ist die Trennung Deutschlands ständig für sie spürbar. Nicht nur wegen der zahlreichen Besuche in der DDR während ihrer Kindheit, sondern auch, weil ihre Mutter rastlos bleibt und sich nicht binden will. Annas Vater bietet da einen Gegenpol, der als evangelischer Pfarrer arbeitet und bei seiner Tochter Anna auch seine eigenen Träume wieder in Erinnerung ruft.

Von Träumen und Hoffnungen

Anna lebt in ihrer eigenen Welt, ist verträumt, Schule und Beruf schafft sie nur mit Unterstützung. Eigentlich hat sie nur ein Ziel: Schreiben und Autorin werden. Den Leser nimmt sie mit in ihre Geschichten, die hauptsächliche aus Erinnerungen an die Grundschule, die Pubertät und die Zeit in einem rechtsradikalen Freundeskreis bestehen. Reflexionen, an denen sie auch Constantin teilhaben lässt. Einen Mann, den sie kaum kennt, aber ins Vertrauen zieht. Constantin, den sie als 29-Jährige in Berlin trifft und sich zu ihm hingezogen fühlt. Er ist ihr Gegenpol, durchbricht ihre Unentschlossenheit und Lethargie, die ihr bisher immer im Weg standen.

Parallelen zur Autorin

Fast scheint es, als würde Ricarda Junge sich von ihrem eigenen Leben leiten lassen, wenn sie über Anna schreibt. Denn sie teilt mit ihrer Protagonistin nicht nur die Heimatstadt Wiesbaden, oder die Erfahrung als Pfarrerskind, sondern auch die Leidenschaft für Literatur. Die kommt vor allem an den Stellen zum Vorschein, die sie ihrer Protagonistin Anna verfassen lässt. Nachdenkliche Sätze, über denen man als Leser innehalten kann.

Gehen oder bleiben?

"Wenn wir in der Lage sind, uns an einen besseren Ort zu denken, als den an dem wir uns gerade befinden, warum sollten wir dort nicht bleiben?"

Diese große Frage streift der Roman allerdings nur. Tatsächlich macht er vor allem Anna zum Thema. Er skizziert ihre Weltsicht und ihre Erfahrungen – gründlich und detailreich. Die Geschichte des Großvaters rückt dabei in den Hintergrund und wird auf den letzten Seiten vergleichsweise kurz abgehandelt. Wer von dem Roman die Innenansicht einer Flüchtlingsgeschichte erwartet, wird enttäuscht. „Der letzte warme Sommer“ von Ricarda Junge bleibt oberflächlich. Dennoch liest sich der Roman leicht, nimmt den Leser in kleine Geschichten mit und ist auf diese Weise gut unterhaltend.

 

Eine Rezension von Anna Vogel über "Die letzten warmen Tage"
Rezi Junge

 

 

 

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Ricarda Junge (2014): Die letzten warmen Tage. S.Fischer Verlag. 21,99 Euro. 132 Seiten. ISBN: 978-3-10-002218-9