70 Jahre nach dem Krieg

Der Klang des stummen Krieges

Zwar sind die Bilder von damals noch präsent. Die Worte kommen aber erst heute - 70 Jahre nach dem Krieg – dazu. Die Geschichten der acht Zeitzeugen finden jetzt im Gewandhauschor eine neue Stimme - ungeschönt und aufrüttelnd.
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Der stumme Krieg im Notenbild

Wenn sich die acht Zeitzeugen mit Matthias Schluttig treffen, werden viele längst vergangene Erlebnisse wieder präsent. Jahrelang haben die Frauen und Männer, die den Zweiten Weltkrieg meist noch als Kinder erlebt haben, geschwiegen. Denn der passende Moment, darüber zu reden, ist einfach nicht gekommen. "Es gab jetzt auch keinen Anlass, wo man sagt: Ich will jetzt mal vom Krieg erzählen", sagt Brunhilde Schleicher. Sie ist 1936 in Erfurt geboren. Ehe, Kinder, Beruf, irgendetwas kam den Erinnerungen immer dazwischen. Bis ihre Tochter Aminata Cissé Schleicher von dem Projekt "der stumme Krieg" erfahren hatte und ihrer Mutter vorschlägt teilzunehmen.

Bei mir persönlich ist es so, dass ich oftmals nicht weinen kann, oder konnte. Bei dem Projekt konnte ich weinen – und bei Musik auch. 

Brunhilde Schleicher

"Der Klang des stummen Krieges" von Anna Vogel
 

Ein Beitrag von Redakteurin Anna Vogel

Aus den sich anfangs fremden Menschen ist eine Gruppe geworden, in der Austausch möglich war und die seit lange vergrabenen Erinnerungen tatsächlich auch zur Sprache kamen. In regelmäßigen Treffen haben sich die Zeitzeugen an bestimmten Themenkomplexen abgearbeitet. Obwohl jeder individuelle Geschichten hat, gibt es Erlebnisse, die alle teilen können. "Etwa die Bombenangriffe," so Schleicher, "der Krieg als solcher und die Angst, die man damit verbindet."

Wir alle, auch in der zweiten und dritten Generation nach dem Zweiten Weltkrieg sind in irgendeiner Form betroffen, weil auch unsere Biografien mit verändert wurden.

Matthias Schluttig

Matthias Schluttig führt neben gemeinsamen Erinnerungen wie Not, Entbehrung oder die Figur Hitlers aber auch noch einen anderen Aspekt aus: Die Rolle der Mutter sei in vielen Fällen vergleichbar. Cissé-Schleicher fällt heute auf: "Ich konnte mir nie richtig vorstellen, wie sehr sie meiner Mutter fehlt." Für das Projekt hat Schleicher eine Laudatio an ihre Mutter geschrieben, bei deren Chorpartie auch ihre Tochter mitsingt.

Musik durchdringt barrieren, die Menschen sonst bewusst aufbauen, um Emotionen nicht durchzulassen. 

Gregor Meyer
Ein Jahr des Austauschs und der Erinnerung wird mit dem Chorkonzert am Samstag ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen. Nach dem "Schlachtfeld der Seele", bei dem die Erfahrungen von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan vertont worden waren, ist "der stumme Krieg" bereits das zweite soziokulturelle Projekt dieser Art am Gewandhaus. Was davon bleibt, ist nicht nur die Erinnerung an die Geschichte, sondern auch die Mahnung, nicht länger zu schweigen.

"Letztendlich haben wir ja heute auch eine Situation, wo es viele heiße Kriege gibt, und trotzdem ist es immernoch stumm", gibt Brunhilde Schleicher zu bedenken. Doch zumindest für die Vergangenheit haben sie und die sieben anderen Zeitzeugen ihren Teil dazu beigetragen, das zu ändern.

 

 

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 "Der stumme Krieg"
ist ein soziokulturelles Projekt, das verdrängte Erinnerungen an die Erlebnisse des zweiten Weltkriegs wieder aufleben lässt. Über ein Jahr hat  sich Dramaturg Matthias Schluttig dafür mit einer Gruppe aus acht Zeitzeugen getroffen. Die dabei entstandenen Texte sind von verschiedenen Komponisten vertont und und von Gregor Meyer mit dem Gewandhauschor einstudiert worden. Die Aufführung ist am 9.Mai um 20 Uhr im Gewandhaus.