Filmstart Tanzdokumentation "Mr Gaga"

Der Guru des Modern Dance im Portrait

„Der aktuell wohl meistverehrteste Guru des modernen Tanzes“ – das sagt das Dance Magazine über Ohad Naharin. In der Dokumentation "Mr Gaga" wird der israelische Choreograph vorgestellt. Nun läuft der Film in den deutschen Kinos an.
Ohad Naharins bekannteste Choreografie
Ohad Naharins bekannteste Choreografie

Ein Gruppe Tänzer sitzt im Halbkreis auf Stühlen, zum Publikum hin geöffnet. Das alte hebräische Volkslied 'Echad Mi Yodea' erklingt. Mit jeder Strophe des Liedes kommt eine Zahl von eins bis dreizehn hinzu. Alle davon haben eine wichtige Bedeutung im Judentum. In der Choreographie gibt es mit jeder Zahl eine neue Tanzbewegung. Von dieser wird dann immer wieder aufs Neue heruntergezählt, bis die Tänzer wieder in der Grundposition sind. So erweitert sich die Abfolge nach dem „Ich packe meinen Koffer“-Prinzip. Diese simple Idee ist heute die wohl bekannteste Arbeit eines der wichtigsten zeitgenössischen Choreographen: Ohad Naharin.

Zu sehen ist die Choreographie in einer seiner zahlreichen Aufzeichnungen:

Bei einer Staatsfeier sorgte sie auch für einen öffentlichen Eklat und Proteste. Orthodoxe Juden hatten vor der Aufführung gefordert, die Tänzer mehr zu bekleiden. Naharin und seine Batsheva Dance Company verstanden das als Zensur und streikten - trotz Drohungen von Seiten der Regierung. Gerade diese Sturheit ist es, die „Mr Gaga“ so erfolgreich gemacht haben. Das zeigt Tomer Heymanns Film immer wieder. Naharin, der Perfektionist, der seinen Tänzern selbst während der Aufführung noch „Du langweilst mich!“ zuruft, wenn der Ausdruck nicht seinen Anforderungen entspricht:

Almost on a daily basis somebody ended up leaving the studio because they were yelling or crying. It was tough, really, really tough. But everybody came back into the situation. Because, twisted or not, they felt that the work was worth it!

 

Ohad Naharin

Fast manisch und kalt zeichnet der Film das Porträt des Künstlers. Vollkommen und mit jedem Funken Leben dem Tanz hingegeben. Dabei schreckt Heymann letztendlich auch nicht zurück, Ohad Naharins Berufsleben seinem Privatleben gegenüberzustellen. Die Arbeit mit seinen Tänzern scheint erbarmungslos, unkonventionell, experimentell… und auch mal humorvoll. Im Laufe seiner eigenen Karriere als Tänzer warf ihn eine Rückenverletzung zurück. Aus dieser Einschränkung entstand sein heutiger Stil, Gaga. Er soll instinktiv sein, tief emotional. In welche Dimensionen der Körperlichkeit er damit seine Tänzer trägt: Das zeigen die dokumentierten Proben. Für die Arbeit an seinem Film gewährte Naharin dem Regisseur einmaligen Zugang zu seinen Archiven. Und fühlte sich erleichtert, als er Heymann die Boxen mit den Aufnahmen übergab. Entstanden ist ein – mit Ausnahme weniger Zeitsprünge – überwiegend chronologisches Bild seines Lebens als Künstler. Und als Mensch. Zwar lässt sich die Darstellung auch als Hommage werten. Aber mit Samthandschuhen wird der Choreograf ganz sicher nicht behandelt. Aus der ehrlichen Darstellung von Licht- und Schattenseiten entsteht eine Tiefe, die beeindruckt. Zum Beispiel, als Naharin von einem Erlebnis mit seinem alternden Vater berichtet:

In one of my visits with him, I talked to him about how he got up from a chair. He got up like the cliché of an old, old man. And I told him: „Let’s try something. I want you to just say piece of cake! That’s it, just piece of cake and get up with me.“ And he did it, he got up like a 15 year old boy, he just got up!

 

Ohad Naharin

Gänsehaut bieten auch immer wieder die Ausschnitte aus seinen Aufführungen. So wird Minute für Minute ein klareres Bild seines Werks geschaffen. Und dessen Umfang. Tanz als Ausdruck des Unaussprechlichen zeigt sich tief in Naharins Natur verankert.

I don’t have any memory of me thinking I will be a dancer or choreographer. Or anybody else telling me. And at the same time I was the dancer. In family, in class, in school. But at the same time it was not the future, it was the present. The idea of physical pleasure from physical activity was totally part of I conceived myself as being alive.

Ohad Naharin

Mr. Gaga ist ein Porträt, das kaum eindrücklicher sein könnte. Heymann verzichtet scheinbar bewusst auf politische Fragen zu Naharins Heimatliebe und stellt seine Jugend im Kibbuz wertneutral und durch die unschuldigen Augen eines Kindes dar. Das kommt der Darstellung der Menschen in seinem Film zu Gute. Der Zuschauer verlässt den Kinosaal mit dem Gefühl, Zeuge einer großen Persönlichkeit geworden zu sein. Und in meinem Fall sogar etwas zittrig.

 

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Maximilian Enderling
26.05.2016 - 14:19
  Kultur

Ohad Naharin wurde in eine künstlerisch geprägte Familie geboren. Er begann mit der tänzerischen Ausbildung aber erst 1974 bei der Batsheva Dance Company in Tel Aviv und wurde zum weiteren Studium von Martha Graham an die School of American Ballet geholt. Seine weiteren Schritte waren die Juilliard School und die Lehrer Maggie Black und David Howard. Er trat bei der israelischen Bat-Dor Dance Company und bei Maurice Béjarts Ballet du XXe siècle auf. Anfang der 1980er Jahre entstanden in den USA seine ersten Choreografien. Mit seiner Frau Mari Kajiwara gründete er die „Ohad Naharin Dance Company“, die bis 1990 bestand. Seit 1990 ist er Leiter und der kreative Kopf der Batsheva Dance Company, für die er eine Vielzahl von Stücken geschrieben hat, die in seinem Tanzabend „Deca Dance“ zitiert werden.