Themensendung: Unsichtbar

Der Glaubenskrieg der Geisterjäger

Ist Ihnen schon mal etwas Unheimliches passiert, dass Sie nicht erklären konnten? Dann könnten Ihnen Geisterjäger helfen. Ja, die gibt es wirklich: Über 100 Teams arbeiten in Deutschland. Ein Interview mit einem Insider.
Geisterjäger bei der Arbeit: Aufnahmen einer sogenannten "Paranormalen Untersuchung", im Jahr 2010

Mit Taschenlampe, Geigerzähler und Magnetometer gehen sie auf die Jagd: Geisterjäger suchen das Unsichtbare. Sie wollen Erklärungen finden für scheinbar übernatürliche Phänomene. Einer von ihnen war René Breuer.

Der 32-jährige Wirtschaftsinformatiker stieg vor Jahren aus der Szene aus, beschäftigt sich aber nach wie vor mit übernatürlichen Phänomenen. 2012 gründete er die Website "Akte Grenzwissenschaft". Im Interview berichtet Breuer über die Methoden der Geisterjäger und die Zerstrittenheit der Szene.

"Manchmal macht man großen Popanz und nichts passiert"

Geisterjäger suchen oft Orte auf, über die im lokalen Umfeld Gruselgeschichten erzählt werden. Mit Infrarotfotografien und Tonaufnahmen versuchen sie dann, Geister oder andere Wesen auf Bild und Ton festzuhalten. Diese Spurensuche wird in der Szene "Paranormale Untersuchung" genannt. Doch bringen diese "PUs", wie sie abgekürzt werden, auch Ergebnisse? Das sei unterschiedlich, sagt Breuer: 

Manchmal macht man großen Popanz und nichts passiert. Teilweise ist es aber auch so, dass man gewisse Dinge einfängt: Seien es irgendwelche Tonaufnahmen, die man erst mal nicht wirklich real zuordnen kann. Teilweise nimmt man auch Schritte, Gestalten oder Schatten auf. 

René Breuer, Leitung und Administration "Akte Grenzwissenschaft"

Ein Phänomen, das manche Menschen für Spuk halten, sind sogenannte Tonbandstimmen: Geisterjäger untersuchen, ob unsichtbare Wesen ihre Stimmen in akustischen Aufnahmen hinterlassen.

René Breuer spielt eine Tonbandstimmen-Aufnahme aus dem Jahr 2010 vor. Sie wurde in einem Haus im Schwarzwald aufgenommen. In den achtziger Jahren soll dort eine Frau gewohnt haben, die okkulte Praktiken ausübte. Die Geisterjäger untersuchten das leer stehende Haus mit Kameras und Tonbandgeräten. Auf einer Aufnahme ist zunächst einer der Geisterjäger zu hören:  

Tonbandstimmen-Aufnahme aus dem Jahr 2010. / Quelle: M. Brandel

M. Brandel

 

Bei der Aufnahme ist nach der Stimme des Geistesjägers plötzlich etwas – oder jemand – anderes zu hören. Es klingt wie eine Person, die "Wieso?" fragt. Doch handelt es sich dabei wirklich um eine Stimme, die von einem Geist stammt? Oder sind es nur Nebengeräusche, die manch einer zu einem gesprochenen Wort umdichten mag? Wurde die Stimme vielleicht sogar nur im Nachhinein hineingeschnitten? Auch wenn man die Aufnahme mehrmals anhört, kann man nach Belieben viel oder wenig hineininterpretieren.

 

Wie aussagekräftig sind solche Aufnahmen? 

Breuer gibt zu, dass solche Aufnahmen nur begrenzt aussagekräftig seien – auch, weil sie nicht mit hochwertigen Tonbandgeräten aufgenommen würden, wie sie etwa wissenschaftliche Einrichtungen nutzen. Doch wollen die meisten Universitäten mit der Szene nichts zu tun haben, weil die Geisterjäger-Szene nach außen keinen seriösen Eindruck macht. Die einzelnen Teams lieferten sich im Internet einen regelrechten Glaubenskrieg mit denen, die nicht an paranormale Phänomene glauben: 

Es kommen Totschlagargumente von beiden Seiten aus. Das heißt, Skeptiker sagen zum Beispiel: 'Beweis mir, dass so etwas existiert – dann können wir drüber reden'. Und die andere Seite sagt: 'Beweis mir, dass so etwas nicht existiert - dann darfst Du kritisch sein'. 

René Breuer, Leitung und Administration "Akte Grenzwissenschaft"

Zudem führten manche Geisterjäger-Teams Kleinkriege gegeneinander, um sich gegenseitig auszustechen, sagt Breuer. Auch sei es keine Seltenheit, dass sich eine Gruppe im Streit auflöse und die ehemaligen Mitglieder sich hinterher mit Unterlassungserklärungen überziehen. 

Um solchen Streits zu entgehen, stieg Breuer 2012 aus dem Geisterjäger-Business aus. Auf der von ihm gegründeten Website "Akte Grenzwissenschaft" ist das Diskussionsforum bewusst geschlossen gehalten. Nur registrierte Nutzer können sich beteiligen, zuvor müssen sie sich und ihre Motivation vorstellen. Bei der Prüfung der Neuankömmlinge werden viele Bewerber abgelehnt.

Dadurch ist die Community der "Akte Grenzwissenschaft" bisher überschaubar: Etwa 25 Personen diskutieren im Forum. Etwa ein Beitrag pro Tag wird laut Breuer gepostet. Es handele sich hauptsächlich um Personen zwischen 30 und 40 Jahren, "von der Hausfrau über den Elektriker, den Studenten, den Chemiker, den Psychologen". 

"Es gibt immer Punkte, wo es über den Verstand hinausgeht" 

Als Vorbild sieht Breuer die parapsychologische Beratungsstelle in Freiburg, die einzige universitäre Einrichtung in Deutschland, die übernatürliche Phänomene erforscht. Nach René Breuers Ansicht sollte es mehr solche Projekte geben, denn diese Grenzwissenschaft habe ihre Berechtigung: 

Man kommt, wenn man sich mit Wissenschaft beschäftigt, immer an Punkte, wo es über den Verstand hinausgeht oder man merkt, man kann es noch nicht so wirklich erklären. 

René Breuer, Leitung und Administration "Akte Grenzwissenschaft"

Dass sie dennoch versuchen, auf den ersten Blick Unerklärliches zu erklären, vereint die Szene, die sich mit dem Paranormalen beschäftigt. Und diese Beharrlichkeit scheint dann doch ein ganz natürliches und menschliches Phänomen. 

Tobias Schmutzler berichtet über die Geisterjäger-Szene in Deutschland.
 
 

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