Leipzig liest 2016

An der falschen Stelle gelacht

Glück gehabt – Sarah Kuttner hat sich trotz ominöser Krankheitssymptome auf die Bühne der Moritzbastei geschleppt. Hoffen wir auf eine leichte Erkältung. Ansonsten wird das Kind in Erinnerung an diesen Abend auf den Namen Moritz getauft. 
Sarah Kuttner in der Moritzbastei
Trotz Übelkeit hat Sarah Kuttner ihre Lesung in der Moritzbastei durchgezogen

Auch wenn der Hund im Hotel verweilen muss, um im Notfall nicht ertragen zu müssen, sein Frauchen leiden zu sehen, hat die Kuttner das Publikum nach einem winzigen Moment der Enttäuschung auf ihrer Seite. Doch an jenes stellt sie ebenso hohe Erwartungen, denn Leipzig ist für sie ja immer was Besonderes. Doch beide überzeugen in alter Manier.

Sarah Kuttner

Sarah Kuttner ist im Rahmen von Leipzig liest in die Moritzbastei gekommen, um ihren neuen Roman „180° Meer“ vorzustellen. Für viele hat der uneingeschränkte Blick auf Wasser bis zum Horizont etwas Besonderes an sich, so auch für Jule, die Protagonistin des neuen Buches.

Paket in Übergröße

In vielen Rezensionen kommt Jule aber gar nicht gut weg, als anstrengend und nervig wird sie oftmals empfunden. Doch das hat auch seine Gründe, wie viele hat sie ihr Päckchen zu tragen – obwohl in diesem Fall vielleicht Paket in Übergröße treffender wäre. Ihre miese Kindheit ist geprägt von dem Gefühl, die Schuld für die Trennung der Eltern zu tragen. Die Mutter missbraucht sie fortan psychisch. Die Rolle des fehlenden Vaters, der die Familie für eine andere Frau verlassen hat, überträgt die labile Mutter kurzerhand auf die große Tochter. Die große Verantwortung, die Jule für die suizidgefährdete Mutter und den jüngeren Bruder auf ihren kleinen Schultern trug, hat sie zu einer schwierigen Person werden lassen. Gedankenversunken und mit sich selbst beschäftigt macht sie es ihren Mitmenschen schwer, an sie ranzukommen, sie zu verstehen. Das ist tatsächlich stellenweise anstrengend, aber so ist das Leben nun mal.

Geschrieben ist die schwermütige Geschichte aber mit dem Quäntchen Humor, welchen man von Sarah Kuttner kennt. Gespickt mit schneidigem Wortwitz und schriftlich gut gebauten Bildern, lässt sich das Buch auch lesen, ohne danach tief betrübt nur noch über Weltschmerz nachzudenken.

Ein gehässiges Publikum

Während der Veranstaltung in der Moritzbastei liest sie etwa 30 Seiten, sorgsam ausgesucht, um einen ausreichenden Eindruck vom Buch zu vermitteln, ohne zu viel zu verraten. Dabei schmunzelt sie immer wieder selbst an Stellen, die sie lustig findet. Sie freut sich ebenso, wenn das Publikum leise kichert, an denen bisher niemand auf der Lesetour gelacht hat. Nur als die Leipziger lachen, weil die Mutter sich mit der damals sechsjährigen Jule vor ein Taxi wirft, ist sie verdutzt. Mist, das war die falsche Stelle, das geht in die Publikumsbewertung ein, sie notiert: gehässig. Trotzdem schafft es das Leipziger Publikum in die Top 3. Und das obwohl in der ersten Reihe gequatscht wurde.    

Katastrophe ausgeblieben

Der Notfall ist nicht eingetreten, Sarah Kuttner hat sich auf ihren Beinen halten können, niemand konnte unter ihr Kleid gucken. Nach der Lesung sagt sie, dass es ihr sogar etwas besser geht. Alles noch mal gut gegangen also. Und vielleicht gibt es in ein paar Monaten einen neuen Moritz auf dieser Welt.

 

 

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Sarah Kuttner, geboren 1979 in Ost-Berlin, ist Fernsehmoderatorin und Autorin, zudem war sie als Kolumnistin für die Süddeutsche Zeitung und den Musik-Express tätig. Daraus resultieren auch ihre ersten zwei Bücher, die eine Sammlung ihrer Kolumnen darstellen. Sarah Kuttners Debüt-Roman "Mängelexemplar" erschien 2009. Zwei Jahre später kam das zweite Buch "Wachstumsschmerz" raus und seit dem 31.12.2015 ist ihr neustes Werk "180° Meer" erhältlich, welches – wie alle ihre Bücher – beim Fischer Verlag erschienen ist und 18,99 Euro kostet.