CD der Woche

Der englische Sommer ruft

Sommeranfang. Das bedeutet zunächst mehr Zeit an der frischen Luft zu verbringen, Festivals, Schwimmengehen und Lagerfeuernächte. Aber es gibt auch die stillen Momente, in denen man im Halbschatten im Gras liegt ...
Den Blick konzentriert. Bei Other Lives geschieht nichts durch Zufall
Den Blick konzentriert. Bei Other Lives geschieht nichts durch Zufall

...oder durch die warme Nacht in Richtung Bett radelt. Eine andächtige Atmosphäre, die nicht bedrückt. So in etwa fühlt sich die Stimmung an, in die eine Reise mit dem neuen Album „Rituals“ von Other Lives versetzt. Wo hat so viel Harmonie ihren Ursprung? 2004 ist in Oklahoma das Instrumentalprojekt Kumek entstanden. Das Ergebnis erschien 2006 in Form von „Flight of the Flynns“. Nach dem Debut ist es um die sechsköpfige Konstellation zunächst stumm geworden. Zum Glück sind uns Jonathon Mooney, Josh Onstott und Jess Tabish erhalten geblieben. Unter dem Namen Other Lives produzierte das Trio weiter und hat Ende 2009 ihr gleichnamiges Debut veröffentlicht.

Wenn die Kollegen Freunde sind

Dass diese Neuzusammensetzung eine ähnlich kurze Dauer wie Kumek haben könnte, ist scheinbar unvorstellbar. Besonders wenn man den Worten Glauben schenken darf, die Leadsänger Jesse den Redakteuren von Musikblog anvertraut hat.

Wir alle drei sind wie Brüder. Ich glaube nicht, dass das jemals verlorengeht. Da ist dieses wechselseitige Gefühl. Wenn es jemanden gibt, mit dem ich ein Bier trinken gehen möchte, dann sind es diese beiden Typen.

Eine schöne Vorstellung, den Trubel des Ruhms als Freunde zu erleben. Ihr Erfolg gründet sich vor allem auf ihren Auftritten als Vorband von namenhaften Interpreten wie Bon Iver und Radiohead. Außerdem waren sie Teil des Soundtracks von Grey's Anatomy, des Line-Ups des Coachella Festivals und des Iceland Airwave Festivals. Unter der inzwischen erhöhten öffentlichen Präsenz entstand 2011 „Tamer Animals“. Danach haben sich die Jungs erstmal Zeit gelassen.

Der ewige Selbstverwirklichungsdrang

Seit dem ersten Mai gibt es in Deutschland nun das neue Album „Rituals“ zu kaufen. Was früher noch stark an eine organischere Version von beispielsweise Radioheads "Kid A" erinnert hat, wurde zu einem eigenen Universum voll entrückendem Frieden ausgetüftelt. Der Grund für die lange Pause liegt in Other Lives Konzeptliebe begründet: Ihre persönliche Reise hat die Drei aus Oklahoma in den Indie-Hotspot Portland geführt. Dort haben Other Lives für sich selbst neue Maßstäbe entwickelt, an denen sie ihren Fortschritt messen. Ihre Arbeit ist geleitet von dem Selbstanspruch, dass jeder Ausdruck, jede Melodie, jeder Rhytmus eine Absicht haben muss. Während der Aufnahmen zu Rituals, die von Other Lives selbst als Suche nach einer neuen Identität betrachtet werden, wurden innerhalb von 18 Monaten 60 Songs produziert, die nach wiederholtem Schleifen und Feilen auf die letztendlichen 14 Stücke hinausgelaufen sind.

Alles nur Konzept!

Auf den ersten Eindruck hin ist es kaum zu glauben, dass die Musiker hinter diesen schwebenden Tönen nahezu konzeptversessen sein sollen. Aber dieser Schein trügt. Denn „Rituals“ ist eine beispielhafte Verkörperung des Präzisionsstrebens von Other Lives. Die Selbstsuche hat sie irgendwo zwischen Ambiente, Dream-Pop, Indie-Rock und Klassik verharren lassen.

In unseren Köpfen versuchen wir, klassische Stücke zu schreiben.

Jesse Tabish

Die Instrumentation ist durchweg üppig. Alles wird übereinander gestapelt und ausgemalt, sodass kein Stück weiß zurück bleibt. Das Aufgebot hat orchestrale Größe: Pizzicato-Streicher und Marimbas gesellen sich zu atmosphärischen Gitarrenriffs, Synthesizern und sanften Chören. Die Schlagzeugrhytmen und Pianoklänge variieren in den verschiedensten Mustern. So pompös und undynamisch die Wirkung auch sein müsste, das Ergebnis scheint unbemüht. Jesse Tabishs sanfte Leadvocals tragen über das Meer aus Klangintensität. Diese konstruierte Leichtigkeit zieht sich auch durch die Titel: „No Trouble“ gesellt sich zu „Easy Way Out“ oder „Fair Weather“.

Other Lives - Reconfiguration (Official Video) from PIASGermany on Vimeo.

Es gibt dank der Konzeptarbeit in all dem Aufeinandergeschichteten einen deutlichen roten Faden, auch wenn er immer wieder in überraschende Seitenstraßen führt, wenn kein Song so endet wie man es anfangs vermutet hätte: immer neue Seiten des Instrumentenapparats werden an die Oberfläche gefischt. Selten ist ein Album entstanden, dem man so viel Denkarbeit angehört hat und das trotzdem klingt wie der erste laue Abend im English Summer, der in einem der eingängigsten Songs des Albums ausgerufen wird. Eines der wenigen Lieder, die Ohrwurmpotential haben, denn das Hörerlebnis gleicht eher einer Meditationsübung denn dass es gruppentauglich wäre. Die Ästhetik besteht in einer Stille, die trotz des Aufwands und der Fülle bestehen bleibt. Das Album versetzt in eine Welt, die gespeist wird aus den durchweg positiven Bildern, die die Vorstellungskraft beim Hören erzeugt. Dieses Erlebnis bestätigt sich, wenn man einen Blick auf das verwaschen strahlende Cover des Albums wirft, das genau wiedergibt, was die Phantasie beim Hören von „2 Pyramids“ malen könnte.

Fazit

Motivationskicks oder ein Zucken im Tanzbein bleiben aus. Es ist ein Album für den Kopf, kein Soundtrack für spontane Unternehmungen oder Ausdrucksplatform für das energetische Gefühl der ersten warmen Tage. Aber zarte Seelen werden "Rituals" in diesem Sommer noch oft hervorkramen.

 

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Leonie Felicia von Lieben
12.05.2015 - 12:54
  Kultur

Other Lives: Rituals

Tracklist:

1. Fair Weather
2. Pattern
3. Reconfiguration
4. Easy Way Out*
5. Beat Primal
6. New Fog
7. 2 Pyramids*
8. Need A Line
9. English Summer*
10. Untitled
11. No Trouble
12. For The Last
13. It's Not Magic
14. Ritua

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 01.05.2015
Play It Again Sam (PIAS) (Rough Trade)