Rotes Sofa: Jakob Hein

Der deutsche Lawrence von Arabien

Wussten Sie, dass die Deutschen im ersten Weltkrieg 14 Muslime nach Istanbul schmuggeln ließen, um dort den Jihad ausrufen zu lassen? Und das noch dazu als Zirkustruppe verkleidet.
IV mit Jakob Hein
Redakteur Markus Mertens im Gespräch mit Autor Jakob Hein.

 

Der große Krieg begann für Stern als griechische Vokabel, serviert auf einem Silbertablett in die beschauliche Stille eines Nachmittags in einem abgelegenen belgischen Badeort hinein.

 

"Die Orient-Mission des Leutnant Stern" von Jakob Hein beginnt im Jahr 1914. Der junge Leutnant Edgar Stern befindet sich mit Freunden im Sommerurlaub, als er vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges erfährt. Noch ahnt er nicht, welche außergewöhnliche Rolle er in diesem Krieg spielen soll. Denn zurück in Deutschland wird dem jungen jüdischen Leutnant im Kriegsministerium folgendes mitgeteilt: 

Ihnen Stern, fällt die schwierige Aufgabe der Organisation zu, Muslime von hier nach Konstantinopel zu bringen. Wir planen eine geheime militärische Unternehmung. Eine kriegswichtige Angelegenheit.

 

Der inszenierte Jihad

Diese Muslime wurden zuvor an der Front von den Deutschen gefangen genommen. Diese stammen ursprünglich aus den französischen Kolonien in Nordafrika. Die deutsche Militärführung ihrerseits hat folgenden waghalsigen Plan. Sie will den Sultan des Osmanischen Reiches dazu bewegen, den Jihad auszurufen, also den bewaffneten Widerstand gegen die Unterdrückenden der Muslime. Mit den Unterdrückenden sind die Kriegsgegner Deutschlands gemeint.

Die Rezension zum Nachhören:

Die Rezension von " Die Orient-Mission des Leutnant Stern" zum Anhören

Edgar Stern

Was sich anhört wie eine bizarre und konstruierte Geschichte, basiert auf wahren Begebenheiten. Jakob Hein verbindet dazu historische Fakten mit eigenen fiktiven Komponenten. Denn Leutnant Stern und sein Abenteuer hat es wirklich gegeben. Edgar Stern, später Stern-Rubarth, wurde 1883 in Frankfurt am Main geboren. Nach dem Abitur und Studium promovierte er 1914 zum Dr. phil. Im Ersten Weltkrieg diente er zuerst an der Westfront, später im Nahen Osten. Nach dem Krieg wurde er Chefredakteur des Ullstein Verlages bis er 1936 nach London emigrierte.

Hein erzählt seine Geschichte aus der Perspektive von sechs Akteuren. Doch vor allem die Geschichten Sterns und die des muslimische gefangenen Tassaout werden dabei ausführlicher beleuchtet. Tassaout ist einer der 14 Muslime, die Stern von Berlin nach Konstantinopel schleusen soll. Und es ist eine gefährliche Reise. Die Truppe muss auf ihrem Weg durch viele Länder reisen, die den Deutschen gegenüber feindselig sind. Heins Erzählstil bleibt dabei jedoch während der gesamten Erzählung schelmisch und ironisch:

In Indien gibt es zehnmal so viele Muslime, wie es Briten gibt. In Russland beten die tapfersten Kämpfer des Zaren zu Allah. Und in den französischen Kolonien gibt es Millionen von Muslimen. Wenn all diese Mohammedaner dem Ruf des Sultans folgen, ist der Krieg in Europa schon so gut wie gewonnen.

 

"Unterhaltsamer Geschichtsunterricht"

Das Buch wirkt durch diese Erzählweise humoristisch und locker. Es liest sich leicht und zügig durch. Diese schelmische Sprache passt aber an einige Stellen nicht zum inhaltlichen Kontext. Gerade bei den vielen Passagen, bei denen sich die Männer vom Militär miteinander unterhalten, wirkt das albern.

Auch die Art und Weise wie die gefangenen Muslime miteinander kommunizieren wirkt sehr naiv, fast kindlich. Dieser Umstand schmälert die Glaubwürdigkeit der zum Teil ernsten Situationen. Er nimmt ihnen oft gleichzeitig die Spannung. Komplizierte und schwere historische Fakten werden durch diese Art der Vermittlung aber leicht pädagogisch verpackt. In weiten Teilen wirkt es wie unterhaltsamer Geschichtsunterricht.
Die Fülle der historischen Tatsachen ist gleichzeitig die Stärke des Buches. So erfährt der Leser sehr viel über das deutsch – muslimische Verhältnis. Zum Beispiel wo die erste Moschee Deutschlands gebaut wurde:

Da stand eine Moschee im Fläming, als wäre sie auf einem Teppich dahingeschwebt. Zwar hatten sie auch in Potsdam solche Bauwerke, aber die Wünsdorfer Moschee war das erste muslimische Gotteshaus in ganz Deutschland.

 

Man wird zudem über den absurden Umstand aufgeklärt, dass das christliche Deutsche Reich, die Muslime darauf aufmerksam gemacht hat, welche Passagen es im Koran gibt, um einen religiösen Krieg auszurufen. Der Plan dazu wurde übrigens von einem deutschen Diplomaten mit jüdischen Wurzeln entwickelt: Max von Oppenheim.

"Die Orient-Reise des Leutnant Stern" endet übrigens in den weiten Steppen Asiens, in Bagdad. Jakob Hein gelingt mit dem Buch das ungewöhnliche Abenteuer dieses "deutschen Lawrence von Arabien" auf eine freundliche und lustige Weise nachzuerzählen. Doch genau durch diese Art und Weise verliert dieses Abenteuer auch an Spannung und Dramaturgie. Zwei Faktoren, die die Geschichte dieses Mannes noch reichlicher verdient hätte.

Redakteur Markus Mertens hat Autor Jakob Hein auf der Buchmesse interviewt. Hein hat verraten, wie viel Recherche dahinter steckt und warum er gerade eine Orient-Reise während des ersten Weltkrieges thematisiert:

Redakteur Markus Mertens im Gespräch mit Autor Jakob Hein.
1503 Jakob Hein
 

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Jakob Hein wurde 1971 in Leipzig geboren.

Er arbeitet als Schriftsteller, Drehbuchautor, Dramaturg und Arzt.

Sein Roman "Die Orient - Mission des Leutnant Stern" ist im Februar 2018 erschienen.