CD der Woche

Der Blick durchs Schlüsselloch

Wild Nothing wollen nicht dazugehören. Stattdessen flüchtet die Band um Frontmann Jack Tatum lieber vor dem Alltag. Auf ihrem neuen Album „Life of Pause“ haben sie sich dafür mit ihrer Musik ein eigenes Jahrzehnt geschaffen.
Wild Nothing wollen nicht dazugehören. Stattdessen schaffen sie sich auf "Life of Pause" ihr eigenes Musikjahrzehnt.

Es gibt Momente, in denen möchte man sich in einer kleinen Nische verziehen und nirgendwo dazugehören. Ob man nun zu schüchtern ist, die anderen zu laut sind oder man selbst in Gedanken so weit weg ist, dass alles andere unerreichbar wird. Für diese Momente gibt es die Band Wild Nothing: Das Wilde im Nichts, das Chaos im leeren Raum. Beherrscht wird das vom Alleinunterhalter und Multitalent Jack Tatum. An einem so träumerischen und mystischen Ort lebt auch die Musik der Band. Auf den ersten beiden Alben „Gemini“ und „Nocturne“ verkroch sich Jack Tatum unter der Decke, mal in Tagträumen schwelgend, mal auf der Flucht in den Zauber der Nacht. Dort feierten Wild Nothing ihr Losertum: Eine Existenz am gutbesuchten Rande der Gesellschaft. Das neue Album „Life In Pause“ gesellt sich dazu. Wieder mal erzählen Wild Nothing von einer Welt abseits der Pop-Norm. Doch statt in Tagträumen durch das hohe Gras zu tanzen, liegt die Transzendenz dieses Mal nicht an einem Ort, sondern in einer Zeit. „Life of Pause“ spielt in einem musikalischen Jahrzehnt, das zu schön ist, um jemals gewesen zu sein. Das sieht man gleich am Artwork des Albums. Durch ein Schlüsselloch blickt man auf Jack Tatum, der wie ein Einrichtungsstück in einem phantastischen Zimmer sitzt, das es so womöglich leider nie hätte geben können.

Eine Welt in vollem Gang

Mit jenem geheimen Blick in die fremde Zeit startet das Album. Der erste Song „Reichpop“ beginnt mit einem mystisch verzehrten Gitarrenspiel. Bis hierhin fühlt sich der geübte Indie-Hörer noch auf sicheren Terrain. Wenn dann aber statt indie-typischen Gesängen oder Gitarrenriffs eine Marimba einsetzt, ist klar, dass hier nichts ist, wie man es kennt. Wild Nothing nehmen sich jedoch keine Zeit, zu erklären, was passiert. Stattdessen ist diese Welt bereits in vollem Gang. Das merkt man auch am Text des ersten Songs. In dem blickt Jack Tatum zurück auf ein Leben vor „Life of Pause“. Und obwohl unklar bleibt, was vorher war, wird deutlich, wie gnadenlos ehrlich Wild Nothing ihre Geschichte erzählen wollen.  Man merkt den ersten Zeilen an, dass dieses Album das bisher reifste der Band sein wird.

Then I learned to wait for my life / The more I get the more that I want for myself - Wild Nothing -Reichpop

Die größten Hits der Zeit

In jedem Song des Albums entdeckt das Publikum ein anderes Detail in der Zeit von „Life of Pause“. „A Woman's Wisedom“ erinnert mit seiner Synthesizer-Pracht und seinem langsamen Rhythmus an die Hochphase des R'n'B der 80er-Jahre. Der nächste Song „Japanese Alice“  führt vom romantischen Divan in den „teenage temple“. Und wieder einen Titel später bricht „Life of Pause“ in bester 70er-Jahre-Popmanier allen das Herzen, die es gerade brauchen. Dass der Song irgendwie nach ABBA und Eurovision Songcontest klingt, ist kein Zufall. Schließlich wurden Teile des Albums in einem Stockholmer Studio aufgenommen, in dem die vielleicht bekannteste Band des Nordens ihre größten Hits aufnahm. Man erkennt, wie wichtig es Jack Tatum war, so ein verstricktes Album zu schaffen. Mal klingt ein Song wie eine Hommage an die Experimente der New Wave-Bands („To Know You“), mal gibt es Beats im Ambiente-Stil („Whenever I“) oder grandiose Pophymnen („Adore“). Den Höhepunkt findet „Life of Pause“ in seinem letzten Song „Love Underneath My Thumb“. Der Titel ist schon jetzt einer der besten Songs des Jahres. Hier treffen sich alle Elemente dieser fiktionalen Zeitsphäre. Oder anders gesagt: Das, was „Stairway To Heaven“ für die 70er-Jahre ist, ist „Love Underneath My Thumb“ für „Life of Pause“. 

Fazit

Am Ende gibt es auf „Life on Pause“ kein einziges schlechtes Lied. Allerdings verliert man in so einem dichten Treiben das ein oder andere Mal den Überblick. Da heißt es, die Welt hinter dem Schlüsselloch nicht aus den Augen zu verlieren. Für Fans wird das allerdings kein Problem sein, sie hören das Album schließlich eh mehrmals. Denn „Life of Pause“ macht sehnsüchtig, ja, gerade zu nostalgisch. Und das nach einer Vergangenheit, die es nie gegeben hat.

 

Kommentieren

Lars-Hendrik Setz
15.02.2016 - 12:04
  Kultur

Wild Nothing: Life of Pause

Tracklist:

1.Reichpop*
2.Lady Blue
3.A Woman's Wisdom
4.Japanese Alice
5.Life of Pause*
6.Alien
7.To Know You
8.Adore
9.TV Queen
10.Whenever I
11.Love Underneath My Thumb*

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 19.02.2016
Bella Union / Captured Tracks

Wild Nothing im Web 2.0

Neben seiner eigenen Band macht Jack Tatum auch Musik als DJ. Seine Sets präsentiert der Allrounder auf seiner Soundcloud-Seite.

 

Wild Nothing machen nicht nur Spaß, wenn man sie alleine unter der Decke hört. Sondern zum Beispiel im feinsten Sommer-Sonnen-Wetter. Wie zum Beispiel 2013 auf dem Lollapalooza Festival in Chicago. Den Auftritt kann man sich hier ansehen.

 

Passend zur neuen Platte gehen Wild Nothing 2016 auf Welttournee. In Deutschland schaut die Band ganz am Ende der Tour gelich zwei mal vorbei. Alle Tourdaten gibt's hier.