Dauerbelastung für die Psyche

Depression während der Corona-Pandemie

Die Corona-Pandemie stellt eine große Herausforderung für uns alle dar, besonders aber für psychisch vorbelastete Menschen. Über die Auswirkungen der Krise auf Depressionspatient:innen und Hilfeangebote.
An Depression Erkrankte haben es während der Pandemie besonders schwer.

Über ein Jahr Corona-Pandemie und damit verbundene Lockdowns, Kontaktbeschränkungen, ein oft komplett veränderter Alltag - besonders für an Depression Erkrankte eine zusätzliche Belastung. Ein Tag ähnelt dem nächsten, kaum physische Kontrakte, fast alles spielt sich in Wohnung oder Haus ab, vielleicht mal ein Spaziergang oder Sport im Freien. 

Auch der Allgemeinbevölkerung geht es schlechter als noch vor einem Jahr

Laut Deutscher Depressionshilfe ist auch für die Allgemeinbevölkerung ohne psychische Erkrankung die aktuelle Situation deutlich belastender als noch im ersten Lockdown. Das zeigt eine veröffentliche Sondererhebung des "Deutschland-Barometer Depression", eine jährliche repräsentative Bevölkerungsbefragung zu Depression. 71% der Deutschen empfinden die Situation im 2. Lockdown bedrückend, im ersten Lockdown waren es 59%. Vor allem die Sorge um berufliche Zukunft und familiäre Belastung spielen dabei eine wesentliche Rolle. 

Wir haben auch unsere Twitter-Follower:innen nach ihrer Einschätzung gefragt:

 

Genereller Anstieg von an Depressionen erkrankten Menschen strittig

Ob durch die Pandemie die Gesamtzahl der Patient:innen mit Depression gestiegen ist, ist schwer zu sagen. Die Erfassung ist schwierig, da es eine große Dunkelziffer an Menschen gibt, die zwar eine Depression haben, aber keine Diagnose. Ulrich Hegel ist Professor für Psychatrie an der Uni Frankfurt und der Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, die in Leipzig sitzt. Er vermutet keinen straken Anstieg durch die Corona-Pandemie:

Wir haben sicherlich keine Depressions-Epidemie. Wir haben [...] eine Bevölkerungsumfrage gemacht und gefragt, wie viele glauben eine Depression zu haben und wie viele tatsächlich eine Depression haben. Das waren etwa 20%, die eine von diesen Antworten gegeben haben. Ein Jahr vorher, also 2019, waren es 21%." 

Prof. Hegel, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Psychosoziale Belastungsfaktoren während der Pandemie 

Dennoch sind es unter anderem, aktuell verstärkt vorkommende, psychosoziale Belastungsfaktoren, die eine Depression auslösen können. Laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes können...

  • Mangel an positiver Bestärkung (Belohnungen) (etwa Partys, Treffen mit Freunden etc.)
  • Verlust der Sozialpartner (Tod, Scheidung, Trennung) 
  • negative Lebenserfahrungen und pessimistische Ansichten von sich selbst oder der Umwelt 
  • Hilflosigkeit, mangelnde Kontrolle über Situationen und das Gefühl, sein Leben nicht steuern zu können
  • Hoffnungslosigkeit, wenn erstrebenswerte Ereignisse nicht bzw. unerwünschte Ereignisse eintreten und es keine Gelegenheit gibt, diesen Zustand zu ändern
  • akute psychoziale Belastungen wie Arbeitsplatzverlust, Rollenüberlastung (z.B. Rolle als Mutter, Hausfrau, Angestellte)

...als Auslöser einer depressiven Erkrankung fungieren. Vor allem die Tatsache, dass viele der Faktoren während der Pandemie wohl einen besseren Nährboden haben, macht sie wahrscheinlicher. Für die Psyche eine Zerreisprobe, die über die Länge der Pandemie schwerer zu überwinden ist. Dennoch gibt es noch weitere Faktoren, die eine Depression (un-)wahrscheinlicher können, zum Beispiel genetische. Menschen sind außerdem unterschiedlich resilient, können also unterschiedlich gut mit belastenden Lebensumständen und Stress umgehen. Manche leiden sehr unter Situation, andere kommen besser damit klar.

Symptome einer Depression

Generell ist eine Depressionserkrankung sehr vielschichtig. Der schlimmste Verlauf der Krankheit endet im Suizid. Wenn länger als zwei Wochen mindestens zwei der folgenden Haupt- und mindestens zwei Zusatzsymptome vorliegen, könnte eine Depression vorliegen: 

Depressionen Symptome

Depressionspatient:innen geht es aktuell deutlich schlechter

... das zeigen Daten der Deutschen Depressionshilfe. Circa 44% der Menschen mit diagnostizierter Depression berichten von einer Verschlechterung des Krankheitsverlauf im letzten halben Jahr bis hin zu Suizidversuchen - also wie zuletzt beschrieben, dem schlimmsten Verlauf der Krankheit.

Grund dafür sind vor allem die schlechtere Versorgung der Patient:innen: ausgefallene Facharzt-Termine oder abgesagte Termine aufgrund von Angst vor Ansteckung. 22% der Menschen in einer akuten depressiven Krankheitsphase bekommen zudem keinen Behandlungstermin (im letzten Lockdown waren es noch 17%). 

Der zweite Lockdown hat generell besonders schwerwiegende Auswirkungen auf die Patient:innen: Noch weniger Kontakte, stärkerer Bewegungsmangel, verlängerte Bettteiten. Dabei sind Bewegung, geregelter Schlafrythmus und fester Tagesablauf für Depressionspatient:innen besonders wichtig. Während der Pandemie berichteten 16% der depressiv Erkrankten von einem Rückfall oder der Verschlechterung der Sypmtome, 8% hatten Suizidgedanken. Besonders die tatsächlichen Suizidversuche bereiten Sorgen.

Das hilft Menschen mit und ohne Depression 

Spaziergang

Einige Punkte können empfehlenswert sein, sowohl für Menschen mit als auch ohne die Erkrankung:

  • Wochenplan erstellen: Aktivitäten, Pflichten und Belohnungen eintragen - das ermöglicht einen strukturierten Tag
  • Schlafenszeiten einhalten, ca. 8-9 Stunden am Tag - das hilft gegen Schlafstörungen und eine Verschlechterung der Depression
  • aktiv bleiben - Sport und Bewegung, etwa Spaziergänge einplanen
  • Kontakte pflegen - trotz Social Distacing mit Freunde und Familie sprechen, per Telefon oder Videochat
  • Nachrichten qualitativ checken - nur 1-2 Mal am Tag und über seriöse Quellen 

Den Weg aus einer Depression zu finden, ist definitiv nicht einfach und kann oftmals nicht alleine bestritten werden. Als Angehörige:r kann man den Erkrankten vor allem dadurch helfen, dass man für sie da ist und ihnen Hoffnung schenkt, sie etwa bei der Alltagsplanung unterstützt und den Blick in Richtung Zukunft lenkt.

Außerdem ist es für Betroffene ratsam, sich professionelle Unterstützung zu suchen, etwa beim Arzt, bei Depressionsorganisationen oder Selbsthilfegruppen. Die wichtigsten Kontakte und Links haben wir nochmal auf der rechten Seite zusammengefasst.

 

Unser Video-Redakteur Raja hat vor einiger Zeit ein Treffen der Leipziger Selbsthilfegruppe “Kreativ gegen Depression" begleitet. Das Video gibt es hier:

 

Außerdem hat unser Redakteur Alexander sich mit der Frage auseinandergesetzt, was Depression mit Straßenbäumen zu tun hat. Die Podcastfolge gibt es hier zum Nachhören:

 

 

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Anne-Sophie Tänzer
28.03.2021 - 20:13

Hier findet ihr Hilfe bei Depressionserkrankung:

  • Info-Telefon Depression: 08003344533 (Mo, Di, Do: 13:00 – 17:00 Uhr, Mi, Fr: 08:30 – 12:30 Uhr)
  • bei Notfällen, zum Beispiel dringenden Suizidgedanken: Kurzwahl 112 
  • Webseite der Selbsthilfegruppe "Kreativ gegen Depression"
  • weitere Hilfeinformationen gibt es hier

 

Mehr Infos zu Depressionen:

 

Unsere Videoredaktion hat sich in verschiedenen Videos eine Woche lang mit dem Thema Depression auseinandergesetzt. Die YouTube-Playlist findet ihr hier