Gespräche auf dem Roten Sofa

Denn sie wissen nicht, was sie schreiben

Die Fantasie eines Schriftstellers kann für dutzende Bücher ausreichen. Bei 100 Schriftstellern müssten die Tastaturen doch nur so rauchen, oder? Der Georgier Lasha Bugadze wagt dieses Experiment in seinem Roman „Der Literaturexpress“.
Lasha Bugadze
Lasha Bugadze auf der Buchmesse 2016 im Gespräch mit Alexandra Hut

Wieviele Schriftsteller passen in einen Zug?

Zaza ist zwar Schriftsteller, aber sein Werk beläuft sich auf ein dünnes Büchlein mit Kurzgeschichten. Zusammen mit 99 anderen internationalen Schriftstellern wird er überraschend für eine Zugreise ausgewählt. Sie sollen europäische Metropolen besuchen und darüber schreiben. Der georgische Zaza findet die Aussicht darauf nicht sehr berauschend. Dann bricht der Kaukasuskrieg aus. Zazas Freundin trennt sich von ihm und plötzlich bleibt da nur noch der “Literaturexpress” übrig. Im Flugzeug nach Lissabon, dem Startpunkt der Reise, lernt Zaza den leicht neurotischen Lyriker Zwiad kennen. Er wurde ebenfalls für die Reise ausgewählt und ist ebenfalls Georgier. Nach alkoholisierten Auseinandersetzungen mit Stewardessen und falsch geschriebenen Namensschildern am Flughafen lernen Zaza und Zwiad ihre Mitreisenden in Lissabon kennen. Unter ihnen ist auch Helena aus Griechenland, die ihren Mann auf der Literaturreise begleitet. Zaza ist sofort von Helena fasziniert und so verflechtet sich die Satire über die mehr oder minder engagierten Literaten mit einer Liebesgeschichte.

Der Geist der Literatur soll einziehen, eigentlich

Autor Lasha Bugadze wirft einen klaren und ironischen Blick auf den Literaturbetrieb, dem auch sein eigener Protagonist und Ich-Erzähler Zaza zum Opfer fällt. Zaza ist unmotiviert, ängstlich, ziellos und egoistisch und macht aus diesen Eigenschaften keinen Hehl. Ein junger Mann, der keine Reise ohne seine eigenen Hausschuhe tut? Nicht besonders sexy. Aber darum soll es im “Literaturexpress” auch nicht gehen, sondern über erhabenere Leistungen. Der Geist der Literatur soll einziehen! Aber schon zu Beginn der Reise gehen Zaza seine Mitreisenden gehörig auf die Nerven, weil sie auf eine so selbstgefällige Weise anfangen, Schriftsteller zu sein. Kaum ist der Zug angefahren, wird gekritzelt, gegrübelt und getippt – und Zaza kommt sich in dieser Menagerie der zur Schau gestellten Kreativität sehr verloren vor. Aber er will ja auch gar nicht von der Muse geküsst werden, will nicht das Gleiche machen wie alle anderen!

Lasha Bugadze nimmt sich hier mit sanftem Humor einem Grundproblem der Schriftstellerei an: Die einen können ständig und überall schreiben, produzieren dabei aber kaum ein Stück wertvolle Literatur. Die anderen schreiben nur, wenn ihnen wirklich etwas Relevantes einfällt – doch das kommt so selten vor, dass sie an ihrem Berufsstand zweifeln und irgendwann das Gefühl haben, gar nichts mehr zu sein.

Der Autor, ein faszinierendes Wesen

Den Literaturexpress nur durch Zazas Augen zu sehen, hemmt den Leser an einigen Stellen. Denn Zaza ist extrem mit sich selbst beschäftigt und grundsätzlich kein Menschenfreund, weshalb das bunte Treiben der 100 Autoren größtenteils nur angerissen wird. Dieses Problem löst Bugadze so einfach wie wirkungsvoll, indem er immer wieder Tagebucheinträge der verschiedenen Autoren in die Handlung einbaut. Dieses zusätzliche Wissen macht den Leser zu einer Art Spion, der die geheimsten Gedanken der Autoren kennt und ihnen am nächsten Tag im Literaturexpress wieder neutral gegenübertritt. Die nächtlichen Gespräche zwischen Zaza, Zwiad und ihrem Betreuer drehen sich größtenteils um Sex und kleine Gemeinheiten gegenüber den Mitreisenden. Wobei aber vielleicht auch genau das der Punkt ist. Vielleicht, nein, höchstwahrscheinlich sind richtige Autoren nicht für Gruppenaktivitäten gemacht und schon gar nicht daran interessiert, voneinander zu lernen. Jeder schreibt für sich allein, doch lesen will niemand.

Es gab nur Schriftsteller hier. Frisches Leserblut war Mangelware. Es gab niemanden, den man hätte beißen können. Wir waren ja alle selbst Beißer. Vielleicht hätten wir den Lokführer überfallen sollen (wenigstens er wäre doch kein Autor!).

Auzug aus "Der Literaturexpress"

So tuckern die ausgehungerten Raubtiere mit dem Stift in der Hand weiter durch Europa, sehen Hotelfoyers, runde Plätze und knutschende Pärchen. Zaza will unbedingt Helena küssen. Dabei wird diese Obsession beim Lesen nur schwer begreiflich. Helena ist zwar hübsch und charmant, doch Zazas Unterhaltungen mit ihr kommen über Smalltalk kaum hinaus und es bleibt beim schnellen Sex auf der Zugtoilette. Am Ende verspricht Helenas Mann eine Kurzgeschichte Zazas zu übersetzen und am heimischen Flughafen in Tiflis wartet Zazas Exfreundin auf ihn.

Eine einmonatige Zugfahrt geht zu Ende, der Kreis schließt sich – und was bleibt übrig? Die leise lachende Erkenntnis, dass auch literarisches Schreiben, wie jedes Handwerk seine eigenen Traditionen und Kuriositäten mit sich herumträgt und dass die Liebe oder das, was wir für Liebe halten, immer stärker ist als jede literarische Ambition.

 

Lasha Bugadze im Gespräch mit Alexandra Hut über seinen Roman "Der Literaturexpress".
 
 

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