CD der Woche

Den Sternen sei Dank

Im August gelang Beach House ein großer Wurf: Ihr Album „Depression Cherry“ war so gut, dass wir es als Anwärter auf das beste Album des Jahres adelten. Jetzt bringt das Duo plötzlich „Thank Your Lucky Stars“ raus – ein ernsthafter Konkurrent.
Beach House meiden die großen Bühnen. Die Band mag es lieber verträumt und intim.

Eigentlich war Ende August bereits alles gesagt. Damals veröffentlichten Beach House ihr erstes Album seit ihrem Überraschungserfolg „Bloom“ aus dem Jahr 2012. Auf ihrem bis dahin neusten Werk „Depression Cherry“ lösten hallende Synthesizer, verträumte Lyrics und Drum-Computer der 80er-Jahre die größeren Klangkulissen des Vorgängers meisterhaft ab. Beach House kehrten in eine Welt zurück, die sie sich selbst geschaffen hatten. Eine Welt, in der Traum und Phantasie wichtiger schienen als kalte Tatsachen oder längst vergangene Geschichten. Drei Jahre lang mussten Fans warten, bis es mal wieder was auf die Ohren gab. Doch noch bevor sich gediegene Beach House-Fans wieder für die nächsten drei Jahre in ihren Traumhöhlen verkriechen konnten, verkündete die Band die frohe Botschaft: Während den Aufnahmesessions zum neuen Album entstanden neun weitere Songs, die die Band der Welt nicht vorenthalten wollte. Eine Art Dankeschön an die Wegbegleiter und Mitreisenden quasi: „Thank Your Lucky Stars“.

Auf einen Streich

Zwei Alben in zwei Monaten – da kommen die ein oder anderen Fans ins Grübeln. Wieso hat die Band zum Beispiel nicht einfach ein Doppelalbum veröffentlicht? Und ist es s gut, so gut, wie das kurz vorher erschienene „Depression Cherry“? Selbstverständlich muss sich „Thank Your Lucky Stars“ diesem Vergleich stellen. Warum die Songs nicht beide auf einem Album erschienen sind, weiß man beim ersten Song von „Thank Your Lucky Stars“.  Wir erinnern uns: Das Vorgängeralbum begann damals bewusst ruhig und verliebt und wollte sich bis zum Ende nicht aus dieser Stimmung lösen. Dagegen ist der Opener „Majorette“ eine Kampfansage. Nein, kein Drumcomputer, ein echtes Schlagzeug eröffnet das Album. Der Beat ist gelassen, aber tanzbar, was bei Beach House zuallererst befremdlich wirkt. Es scheint, dass in der Traumwelt von Beach House  alles möglich sei. So verfliegt die Verwunderung spätestens, als Legrands Keyboard einsetzt. Nicht die Melodie, sondern viel mehr die beruhigende Art und Weise, wie Legrand ihre Tasten bewegt, erinnern die Zuhörenden daran, wo sie gerade sind. Beach House beweisen, wie auch auf dem Vorgänger, wie wohl sie sich in der musikalischen Nische fühlen, die es ohne sie womöglich gar nicht gäbe.

Die große Schwester

In der toben sich Scally und Legrand auf TYLS ganz anders aus, als man das nach DC erwarten würde. Es ist, als seien die beiden Alben zwei Schwestern. Die eine, Depression Cherry, geht auf Pfadfinder-Wanderungen in unschuldige Traumwälder. Die Andere hingegen ist etwas Älter. Statt sich über die Welt zu wundern, wundert sie sich vor allen Dingen über sich selbst. Mal ist sie energetisch, wie in „Majorette“, mal introvertiert, wie im fast schon rockig-kantigen „One Thing“, in dem die Gitarre so präsent ist, wie in kaum einem anderen Beach House-Song zuvor. In „Common Girl“ hadert sie lethargisch mit sich und sucht nach ihrer Identität. In diesem Song trifft sich, was Beach House über die letzten Jahre erlebt haben. Orgelmelodien, wie man sie aus „On The Sea“ kennt, ein tiefes Schlagzeug, wie in „Turtles Island“, und ein Text der entfernt an „Lovlier Girl“ erinnert. Beach House haben es ernst gemeint, als sie meinten, das sie zurück zu alten Klängen wollten. Aus einer womöglich übersteigerten Verbissenheit entstehen auf TYLS die traurigen Momente, die diese Platte nicht nur als so raschen Nachfolger legitimieren: Sie machen es zu einem großartigen Album.

Am Ende offen

Beach House finden auf TYLS immer einen Weg aus den Selbstzweifeln. In „Elegy To The Void“, das wie ein Grabgesang anfängt, löst sich der lethargische erste Teil in befreite Spielerei. Wie auch schon im Opener ist es das Schlagzeug, das durch leichte, treibende Beats den Wechsel ankündigt. Gitarrist Alex Scally steigt verzerrt ein, und erlöst damit von allen Ängsten und Zwängen. Doch ganz so einfach ist es nicht, wie der letzte Song „Somewhere Tonight“ beweist. Legrand singt mit so viel Pathos, klingt dabei so reif, und erinnert an den Kitsch der Musical-Filme der 40er- und 50er-Jahre. Der Titel wird durch eine Melodie bestimmt, die zur Hälfte des Songs ihren Höhepunkt an Legrands Keyboard findet: Ein langer Ton, der scheinbar disharmonisch abgelöst wird und ein seltsames Gefühl von Erleichterung erzeugt. Zum Ende des Liedes setzt dieser Klang ein letztes Mal ein. Doch statt auf die selbe Weise in neue Höhen zu führen, endet das Lied auf eben jenem Ton. Es hat den Anschein, als würden die Zweifel, Ängste, Wünsche und Träume der großen Schwester an diesem Punkt mit denen der Hörenden zusammenlaufen. Doch statt erlöst zu werden, hängt man der Band an den Lippen und sehnt sich danach, dass dieser Moment, dass TYLS niemals enden möchte.

Fazit

Beach House haben etwas Wunderbares geschafft. Nicht nur, dass sie alle überrascht haben, sie haben in nur kurzer Zeit zwei Alben veröffentlicht, die sich nichts schenken. Beide Alben sind auf ihre Art und Weise liebenswert, verträumt und meisterlich. Außerdem zeigt TYLS wie sicher diese Band mit bekannten Mitteln nach sechs Alben noch immer großartige Songs schreiben kann, ohne sich in selbstreferenziellen Spielereien zu verirren. An dieser Stelle kann man sich dann allerdings nur eine größere Schaffenspause wünschen, um es sich in der Zwischenzeit im Schoß der beiden Schwestern gemütlich zu machen. 

 

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Lasse Setz
18.10.2015 - 23:43
  Kultur

Beach House: Thank Your Lucky Stars

Tracklist:

1. Majorette*
2. She's So Lovely
3. All Your Yeahs
4. One Thing*
5. Common Girl
6. The Traveller
7. Elegy to the Void*
8. Rough Song
9. Somewhere Tonight*

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 16.10.2015
Sub Pop, Bella Union

Beach House im Web 2.0.:

Weil das neue Album ja quasi ein Geschenk an die Fans ist, und Beach House ihre Begleiter sowieso so gerne haben, teilen sich „Depression Cherry“ und „Thank Your Lucky Stars“ eine gemeinsame Website. Auf der gibt’s allerlei rund um die beiden Platten.

 

Die neue Platte ist da – und wird natürlich gebührend gefeiert. Zum Beispiel in der amerikansichen Late-Night-Show "The Late Show With Stephen Colbert". Da haben Beach House dieses Wochenende den Song „One Thing“ performt. Das Video dazu gibt’s hier.

 

Das nervt: Man geht zum Konzert der Lieblingsband und der beste Song wird einfach nicht gespielt. Damit Beach House das nicht passiert, hat das Duo einfach einen Setlist Creator ins Leben gerufen. Dort können sich Fans Lieder wünschen, die beim besuchten Konzert gespielt werden sollen. Den Wunschzettel bitte hier einreichen.