Filmrezension: Paradies

Den Himmel zur Hölle machen

Er war in diesem Jahr Anwärter auf den Oscar als bester fremdsprachiger Film. Am Ende erhielt "Paradies" jedoch nicht einmal eine Nominierung. Seit Donnerstag läuft das Drama von Andrei Konchalovskiy in den deutschen Kinos.
"Paradies" von Andrey Konchalovskyi
Olga und Helmut lernten sich einst in der Toskana kennen

Die Moderedakteurin Olga (Yuliya Vysotskaya) arbeitet während des Zweiten Weltkriegs heimlich für die französische Widerstandsbewegung. Doch bei einer Razzia wird sie festgenommen, als man herausfindet, dass sie zwei jüdische Kinder in ihrer Wohnung versteckt. Im Gefängnis trifft Olga auf den Nazi-Kollaborateur Jules (Philippe Duquesne). Der stellt ihr mildere Strafe in Aussicht, wenn sie sich auf eine sexuelle Beziehung mit ihm einlässt. Doch Jules verschwindet plötzlich spurlos und Olga wird in ein Konzentrationslager deportiert. Dort trifft sie wiederum Helmut (Christian Clauß). Er hatte sich vor dem Krieg in Olga verliebt, arbeitet nun jedoch mittlerweile als hochrangiger SS-Offizier und steht vor einem Dilemma...

Ihr, die ihr hier eintretet...

...lasst alle Hoffnung fahren! Mit diesem Satz aus Dantes Göttlicher Komödie, der von einer Gefangenen im Konzentrationslager zitiert wird, eröffnet sich dem Zuschauer in Paradies eine zweite philosophische Ebene, die einen noch lange über das Gezeigte nachdenken lässt. Regisseur Andrei Konchalovskiy inszeniert seine Figuren auf dem Läuterungsberg. Doch nicht alle werden hier Erlösung finden.

Der Großteil verliert sich in der Hölle seiner eigenen Ideologie, landet im Fegefeuer, im Purgatorium. Konchalovskiy dekonstruiert das Streben nach Hitlers sogenannten "Deutschen Paradies". So muss sich Helmut beispielsweise entscheiden, ob er Olga helfen will oder nicht, während sein Umfeld und schließlich auch er an der eigenen Ideologie zu Grunde geht.

"Jetzt sind wir nur noch Geister", heißt es am Ende. Wenn Konchalovskiy das jüngste Gericht inszeniert, bleiben nur noch gebrochene Persönlichkeiten zurück, denen nichts mehr bleibt. Es sind die Körper, über die der Regisseur seine Geschichte erzählt. Körper, die sich aufraffen, sich verstellen und schließlich gebrochen werden. Möchte man Parallelen ziehen, könnte man Konchalovskiy fast als modernen Pasolini bezeichnen, der im halbdokumentarischen Stil seine Figuren leiden lässt. Die Bürokratie der Hölle wollte Konchalovskiy inszenieren. Das Drama wird dabei immer mehr zur Parabel über die menschliche Hybris, die sich auch in die heutige Zeit übertragen lässt. Über die religiöse Überhöhung am Ende lässt sich sicherlich streiten, die Geschichte rundet sie jedoch auf faszinierend unerwartete Weise ab. 

Philosophisch, anstrengend, überwältigend

Konchalovskiy macht es seinem Zuschauer nicht leicht. Allein die Optik des Films ist sehr gewöhnungsbedürftig. Paradies wurde in Schwarz-Weiß und im 4:3 Format gedreht. Musik gibt es kaum und die französischen bzw. russischen Passagen wurden in Originalsprache (mit Untertiteln) belassen. Nichtsdestotrotz sieht Paradies teilweise überwältigend aus. Die Bilder sind stilvoll und perfekt in Szene gesetzt. Besonders überraschend ist, dass Konchalovskiy bei den Szenen im Konzentrationslager oftmals auf bekannte Schockbilder verzichtet. Er setzt sie einfach im Gedächtnis des Zuschauers voraus. Natürlich ist die Geschichte subtil von ihnen durchdrungen, aber Paradies ist auf einer anderen Ebene viel perfider, nämlich auf der Ebene der Figuren. Konchalovskiy zwingt den Zuschauer, Perspektiven einzunehmen, die man nie einnehmen wollte und die plötzlich erschreckend greifbar wirken. Paradies ist ein sehr ruhig inszeniertes Charakterdrama, das man als Zuschauer durchstehen muss, aber das spätestens in der letzten halben Stunde immer unangenehmer und verstörender wirkt. Die starken schauspielerischen Leistungen tragen erheblich dazu bei. 

Fazit

Paradies ist eine bemerkenswerte Regieleistung. Eine äußerst durchdachte Bildästhetik, ein großartiger Cast und eine originell erzählte, bewegende Geschichte, über die man noch lange nachdenken und diskutieren kann.

Moderatorin Lisa Tuttlies im Gespräch mit Janick Nolting über "Paradies"
Moderatorin Lisa Tuttlies im Gespräch mit Janick Nolting über "Paradies"

 

 

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"Paradies"

Kinostart: 27.7.2017 

FSK 12

Laufzeit: 131 Minuten 

Regie: Andrey Konchalovskiy 

Cast: Yuliya Vysotskaya,  Christian Clauß,  Philippe Duquesne, Viktor Sukhorukov, Peter Kurth und andere