CD der Woche

In den Farbtopf gefallen

Schwarze Kleidung, düster schwebende Musik und zähes Schweigen: Dieser Ruf haftet Jamie XX aus seiner Bandkarriere mit The XX an. 6 Jahre, viele Remixe und ein Debütalbum später: Jetzt hat er als Solokünstler "In Colour" veröffentlicht.
Die Kutte ist zwar immer noch schwarz. Sonst ist bei Jamie xx derzeit alles aber ganz schön bunt.

Lange Zeit war Jamie Smith alias Jamie xx vor allem bekannt als Mitglied der Indie-Pop Band The XX. Der trat er vor zehn Jahren bei und wurde ihr Schlagzeuger und Produzent. Ihr Debüt-Album "XX" erschien 2009 und sorgte für Internationale Anerkennung. Es kam sogar sogar so gut an, dass die 20-Jährigen dafür den Mercury Music Price erhielten. Als hätten sie ein wenig zu plötzlich ein paar Sprossen auf der Leiter zum Erfolg übersprungen, galten sie damals als schüchtern, interviewscheu, hüllten sich immer nur in schwarze Kleidung.

Nebenbei hat Jamie xx auch immer die Musik von international bekannten Künstlern gemixt. Mit diesen Mixen verschaffte er sich einen Namen als Solo-Künstler. In den Jahren nach der ersten veröffentlichten Platte entfernte er sich zunehmend von der Indie-Pop Musik und näherte sich elektronischeren Sounds an. Immer mehr etablierte er sich als DJ und wurde mit Genres wie Electronica, Post-Dubstep und Trip Hop assoziiert. Mit seiner Neuinterpretation von Gil Scott-Herons letztem Album sicherte er sich endgültig seinen Platz in der Musik der elektronischen Welt und gilt heute nicht ohne Grund als einer der innovativesten und gefragtesten Beatproduzenten seiner Zeit. Dies stellt er mit seinem Debütalbum "In Colour" als Solo-Künstler unter Beweis. 

Bunt, bunter, am buntesten - "In Colour"

Parallelen zu den alten Songs vom The XX lassen sich zweifelsohne noch erkennen: Immerhin tauchen die Stimmen von seinen Band Kollegen auf dem Album drei mal auf, und auch die typischen Steel Drums verstärken das XX-Gefühl. Doch "In Colour" wirkt weniger eindimensional, dafür etwas farbiger und frischer. So ist der Song "SeeSaw" wie eine Art erweiterter The xx Song. Das Klangbett ist ähnlich verträumt gestaltet, doch die Stimmen wirken verschwommener und die Beats  vorantreibender und komplexer. Wenn Jamie xx nicht gerade den gemeinsamen Sound seiner Bandmitgliedern verfolgt, klingt er am besten, wenn er sich ein wenig von Freund und Kollegen Four Tet inspirieren lässt: Verwobene, energetische Songs, gerne ein wenig arhythmsich. Dies zeigt sich in dem Track "The Rest is Noise", der gleichermaßen innovativ und angenehm in den Ohren liegt. Für diesen neuen künsterlischen Anstrich steht auch das bunte Plattencover: Jamie XX kann nicht nur düster klingen, sondern zeigt nun viele Facetten.

Das Album musikalisch einzuordnen fällt nicht leicht, dazu ist die Musik einfach zu unterschiedlich und vielschichtig: Mal klingt sie wie intelligent zusammengeschusterte Dance Music, dann erinnert sie an RnB, dann wieder an einen The XX - Song, bloß mit einem neuen Dreh versehen. Zu der Vielfältigkeit trägt auch das Wirken von Künstlern wie Young Thug, Pop Caan und den The XX -Band Kollegen Romy Madley Croft und Oliver Sim bei. Dahinter steckt Jamie XX' Intention, Musik zu schaffen, die nicht an Zeit oder Moden gebunden sind; Musik, die man zu jeder Zeit hören kann. 

Von trüb bis euphorisch 

"In Colour" ist in 6 Jahren entstanden und spiegelt daher sehr unterschiedliche Erlebnisse des Künstlers wieder, die er in seiner Musik verarbeitet. Boden seines Schaffensprozesses ist immer wieder eine anfänglich trübe Grundstimmung, die sich dann in Hochstimmung verwandelt: Wenn ihm etwas gelingt, was ihm gefällt, beginnt er sogar im Studio zu tanzen.

Dance music is important to me because it just makes me happy. There's not that many things that make me happy.

Diese Momente kann man bei manchen Titeln förmlich greifen: Sie werden am deutlichsten, wenn eine hymnenartige Euphorie entsteht. Diese Stimmung fördern soulige Chorgesänge wie zum Beispiel im Track "Loud Places". An dieser Stelle wirkt die Euphorie beinahe etwas zu dick aufgetragen, und manch einer vermisst die sanfteren zurückhaltenden Klänge von The XX.

 

Loud Places von Jamie xx auf tape.tv.

 

Noch auffälliger ist der Song "I Know There's Gonna Be (Good Times)" mit dem Rapper Young Thug und dem Dancehall Künstler Popcaan. Wer dem Album am Stück lauscht, denkt zunächst, er hätte sich verhört und das Lied gehöre nicht zu den anderen: Der R'n'B Song wirkt mit seiner aufdringlichen Gute-Laune Stimmung deplaziert und für Jamie XX ganz einfach untypisch. An dieser Stelle scheiden sich die Geister. Was der eine als Vielschichtigkeit loben würde, könnte dem anderen negativ als fehlende klare Linie auffallen. Dann wirkt das Album schlichtweg zu bunt und man könnte sich fragen, was das Album "In Colour" eigentlich zusammenhält.

Fazit: Neue Ufer

Mit seinem Debütalbum "In Colour" hat Jamie XX einen bedeutenden Schritt zum Solo-Künstler gemacht. Dabei hat er sich von der ihm anhaftenden The XX-Düsterkeit gelöst, um seinen eigenen  Sound weiter zu entwickeln: Der zeichnet sich durch seine Lebendigkeit, den komplexen Aufbau der Lieder und überwältigende Momente der Euphorie aus. Dieses Album kennt weder Genre noch Zeit, und eignet sich damit als guter Begleiter für Menschen, die sich gerne einer ganzen Farbpalette bedienen. 

 

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Carlotta Jacobi
08.06.2015 - 16:49
  Kultur

Jamie XX: In Colour

Tracklist:
  1. Gosh 
  2. Sleep Sound*
  3. SeeSaw (feat. Romy Madley Croft)
  4. Obvs
  5. Just Saying
  6. Stranger in a Room (feat. Oliver Sim)*
  7. Hold Tight
  8. Loud Places (feat. Romy Madley Croft)
  9. I Know There's Gonna Be (Good Times) (feat. Young Thug& Popcaan)
  10. The Rest Is Noise*
  11. Girl          

*Anspieltips

Erscheinungsdatum: 29.05.2015
Young Turks / Beggars / Indigo