Interview

Dem Zeitgeist auf die Nerven gehen

2015 gehört den deutsch-sprachigen Bands. Eine von ihnen sind Die Nerven. Mit harten Klängen und lyrischen Texten wollen die Jungs lieber Kante zeigen, statt nur über Saufen, Soft-Drinks und Liebe zu sprechen. Wir haben sie am Dienstag getroffen.
mephisto 97.6 Redakteur Friedrich Opitz (links) hat Die Nerven vor ihrem Konzert im Conne Island getroffen.

Die Nerven im Interview bei mephisto 97.6

mephisto 97.6 Redakteure Friedrich Optiz und Lars-Hendrik Setz haben Die Nerven vor ihrem Konzert im Conne Island gesprochen.

Friedrich Opitz, Lars-Hendrik Setz
 

0212 nerven

„Ein Remis ohne Zweifel hab‘ ich nicht kommen sehen!“, singt Sänger Max auf dem neuen Die Nerven-Album „Out“. Nichts kann die drei Stuttgarter Jungs wohl mehr überraschen und erzürnen, als allzu wohlfeile Kompromissbereitschaft gepaart mit konservativer Unschuldsbehauptung.

Friedrich Wolfgang  Opitz und Lars-Henrik Setz sprachen mit Die Nerven. Über ein Leben als Band ohne Proberaum und Songs, die auch ohne Saufen und Mädchenherzen brechen funktionieren.

Vier Jahrzehnte Bandgeschichte

m976: Als Gründungsdatum der Band steht auf Facebook das Jahr 1969. Ihr habt dementsprechend die Hochzeit vieler Bands wie den Beatles oder den Rolling Stones miterlebt. Wie groß sind deren Einflüsse auf eure Musik?

Die Nerven: Extrem groß. Wir haben halt ziemlich viele Jahrzehnte damit verplempert, im Proberaum an Material zu feilen. Und als dann die Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts begonne haben, waren wir der Meinung, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen sei, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

m976: Wie alt seid ihr jetzt selbst? Woher kommt ihr? In welcher Zeit seid ihr aufgewachsen?

Die Nerven: Wir sind zwischen 22 und 26 Jahre alt. Wir kommen alle aus dem Großraum Stuttgart –aus dem Speckgürtel der Autostadt.

Vom Bauernhof ins Sägewerk

m976: Eure letztes Album „Fun“ habt ihr noch in Stuttgart selbst aufgenommen. Am ersten Tag die Instrumente, an den beiden darauffolgenden Tagen die Vocals in einer alten Werkstatthalle. Wie war es diesmal? Wo habt ihr diesmal aufgenommen?

Die Nerven: Diesmal sind wir in ein ehemaliges Sägewerk gefahren im Schwäbischen Umland. Und da gibt es einen großen Raum, der wegen seiner Akkustik sehr interessant ist. Keine der Wände ist zur gegenüberliegenden parallel. Zwei der Wände sind komplett aus Glas. Deswegen ist der Sound in dem Raum einfach unglaublich. Und deswegen haben wir die Platte eben dort aufgenommen – zum Glück!

m976: Seit der Veröffentlichung von euerm neuen Album „Out“ sind jetzt ein paar Wochen vergangen. Wann habt ihr angefangen, dafür die Songs zu schreiben, sie einzuüben? Wieviel an den Songs ist dann noch spontan bei den Aufnahmen passiert?

Die Nerven: Ursprüglich haben wir in Max‘ alter WG in der Steinstraße angefangen – im Mai oder Juni 2014. Und dann sind wir ins Schwäbische Outback auf einen Bauernhof gefahren und haben uns da fünf Tage niedergelassen. Als wir dann neun oder zehn Nummern in irgendeiner Art- und Weise hatten, haben wir dann angefangen, sie live zu spielen. Das war die einzige Übung, den wir haben keinen Proberaum.

m976: Ihr habt keinen Proberaum?

Die Nerven: Das ist in Stuttgart einfach ein Riesenproblem überhaupt in irgendeiner Form einen Raum zu bekommen. Ich weiß, dass in Leipzig selbst die abgefuckteste Scheißband drei Proberäume hat. In Stuttgart ist genau das Gegenteil der Fall. Es können sich eigentlich nur Bands wie die Massiven Töne leisten, die bereit sind, auch mal 2 – oder 3.000 Euro für einen Proberaum liegen zu lassen.

Harmonie ist keine Strategie

m976: Auf „Out“ finden sich jetzt sogar Bläsersätze. Dennoch gibt es nicht eine Melodie, die so richtig zum Wohlfühlen oder Festhalten einlädt. Ist die Verweigerung von jeglichem Harmoniebedürfnis ganz bewusst?

Die Nerven: Da ist doch jede Menge Harmonie drin – Was hast du denn für eine Platte gehört? Nächste Frage! Für uns sind da sehr viele Harmonien drin. Aber wir haben wahrscheinlich ein sehr eigenes Verständnis von Musik. Ich glaub‘ was die Platte ausmacht ist, dass sich die Platte sehr schnell wandelt und sich einfach manche Teile nie wiederholen.

m976: Für mich klingt das Album auch wie eine Art Ventil. Ist das Album tatsächlich Ventil für bestimmte Gefühle oder Lebensrealitäten von Euch?

Die Nerven: Ich verstehe nicht, warum man sonst in irgendeiner Form Musik machen sollte. Sonst bleibt halt eben nur noch die Möglichkeit, dass man irgendwie die Mädchen beeindrucken will. Das ist aber tatsächlich keine Intension von uns. Schon alleine mit der Musik können wir ja keine Mädchen beeindrucken – keine Chance. Außerdem wollen wir keine Platten und Songs nach Schema F machen. Das ist für keinen von uns Musik, die uns berührt.

Gartenzwerge als Weltbürger

m976: Hier in Leipzig gab es bis vor wenigen Jahren die Band Adolar. Deren Alben hießen unter anderem „Zu den Takten des Programms“ oder „ Die Kälte der Neuen Biederkeit“. Diese beiden Alben haben für mich persönlich immer viel an der Eigenen Unzufriedenheit mit freunden oder Bekannten in meinem Alter zum Ausdruck gebracht – der Traum vom Einfamilienhaus mit Gartenzwergen davor, einmal im Jahr 14 Tage Malle – das Zurückziehen in den kritikfreien Alltag. Was vom „Alptraum als Traum“ steckt noch in euern Songs?

Die Nerven: Uns geht es sicher nicht um irgendeine Gartenzwergigkeit. Weißt du, die neuen Konservativen sagen auch nein zu Gartenzwergen. Die denken halt, sie sind voll am Zahn der Zeit, und voll Weltbürger-mäßig unterwegs. Und trotzdem sind sie so extrem konservativ. Dagegen vorzugehen finde ich viel interessanter. Denn jeder ist irgendwie gegen Gartenzwerge.

Kleinkariert, Konservativ, Winzig und Mickrig

m976: Weg von den Gartenzwergen – hin zur deutschrpachigen Musikszene im Jahr 2015. Da haben wir Bands wie Bilderbuch, die über Softdrinks singen, Wanda singt übers Saufen, AnneMaynKantereit singt dauernd übers Umziehen und Herzenbrechen. Worüber singen Die Nerven?

Die Nerven: Die Nerven sind die Band, die für alle diejenigen da sind, die Bilderbuch, AnneMaynKantereit und Wanda nicht mögen. Die stehen genau für dieses Zeitgeist-Ding. Da können sich alle drauf einigen. Sollen sie halt halt machen. Ich find’s langweilig, wenn die Wanda-Jungs nur Saufen und Herzbrechen im Kopf haben, dann tun sie mir leid. Es gibt soviel mehr, was man entdecken kann, wenn man mal Augen und Ohren aufmacht. Ich find’s kleinkariert, konservativ, winzig und mickrig.

m976: Wenn man über euch spricht, fällt oft der Name Tocotronic. In einem eurer älteren Videos zum Song „Angst“ spielen die alten Herren an Stelle Eurer an Euren Instrumenten. Wie kam es dazu?

Die Nerven: Wir haben den gleichen Booker, den Tocotronic lange hatten. Irgendwann wurden uns Grüße von Dirk von Lowtzow zu getragen, der fände uns super, und der mag sonst nichts. Daraus hat sich dann im Tourbus die wirre Idee entwickelt: Warum sind nicht Tocotronic die neuen Nerven? Viele Leute sagen ja immer, Die Nerven seien die jungen Tocotronic aus den 1990’gern, wegen der ganzen Wut. Das war dann einfach nur so ein dummer Witz, das wir gesagt haben: Lasst uns den jungen Tocotronic doch einfach eine Email schreiben und sie fragen, ob sie Bock haben in unserem Video mitzuspielen. Die waren dann auch so nett, dass sie darauf Lust hatten.

m976: Wenn jetzt jemand sagt, ihr klingt wie die alten Tocotronic. Wie ist das für euch, wenn man euch sowas fast schon vorwirft?

Die Nerven: Es ist natürlich ein nettes Lob. Aber gerade musikalisch stimmt das gar nicht unbedingt so. Vielleicht kann man von der Einstellung und Attitude einen Vergleich ziehen. Da seh‘ ich mich auch wieder. Wir haben in den ersten Jahren auch auf vieles wie Soundqualität und Klamotten geschissen. Tocotronic haben sich ja irgendwann einfach Cordhosen und Trainingsjacken angezogen, um – wie haben sie es gesagt – möglichst bescheuert auszusehen. Den Fehler machen wir jetzt natürlich nicht nochmal, weil dann möglicherweise Leute anfangen, die Sachen anzuziehen, die wir anziehen.

PEGIDA? Zum Kotzen!

m976: Ihr spielt auf eurer Tour in Leipzig und in Dresden. Beides Städte, besonders letztere, in denen seit einem Jahr fremdenfeindliche Bündnisse wöchentlich unterwegs sind. Inwiefern haben euch diese Ereignisse beschäftigt? Habt ihr Gedanken zum Zustand der deutschen Gesellschaft im Herbst 2015?

Die Nerven: Zum Kotzen! Ich versteh‘ einfach nicht, wie Leute so scheiße sein können. In Chemnitz sind um den Club herum auch CEGIDA gelaufen. Da haben wir uns schon überlegt, ob wir uns nicht irgendnen Spaß erlauben könnten. Ich versteh‘ es nur in sofern nicht, vielleicht bin ich da aber auch zu behütet aufgewachsen, aber in der Schule haben wir so oft das Dritte Reich und den Holocaust durchgenommen, bis es allen rausgehangen ist, und wir dachten, niemand würde je wieder auch nur ansatzweise damit kokettieren wollen. Die Situation bei uns ist ja: Wir kommen aus Baden-Würtemberg. Diese ganze Gewalt gegen Flüchtlinge, wie damals in Rostock-Lichtenhagen, das war immer so weit weg. Und jetzt ist wieder alles so präsent: Rechte Aufmärsche, Fremdenfeindlichkeit, Flüchtlingsunterkünfte brennen – natürlich ist bei uns in Baden-Würtemberg nicht nur alles heile Welt. Was ich darüber hinnaus so bizarr finde:  Als ich das allererste Mal nach Leipzig gekommen bin, da wurde ich als „Wessi“ beschimpft. Ich wusste erstmal überhaupt gar nicht, was das sein soll, ein Wessi. Ich bin zuvor noch nie mit diesem Ost-West Konflikt konfrontiert worden. Und je öfter ich nach Leipzig gekommen bin, desto mehr habe ich feststellen müssen, dass das scheinbar bei manchen hier noch ein Riesenkonflikt ist. Dort wo wir herkommen, war das einfach nie ein Thema. Selbst solche Sachen wie Deutschland nicht. Ich hab mich immer schon als Bub‘ drüber lustig gemacht: Deutschland, was soll das denn sein? Diese Grenzen im Kopf, die so immer aufgezeigt werden. Aber auch hier im Inneren. Soll ich mich jetzt hinstellen und denken, ich wäre ein Wessi, um mich in diese Schublade einzuordnen? Es gibt halt einfach zu viele Schubladen.

 

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Friedrich Opitz, Lars-Hendrik Setz
03.12.2015 - 19:18
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