CD der Woche

Deep House Strikes Back

Eigentlich war das Thema langsame Elektronikbeats mit Pop-Gesang für uns gegessen. Aber dann tauchten Bob Moses auf der Bildfläche auf. Mit ihrem Debütalbum "Days Gone By" geben sie dem Deep House die Würde zurück.
Haben sich eine Pause verdient: Bob Moses sind Jimmy Vallance und Tom Howie.
Haben sich eine Pause verdient: Bob Moses sind Jimmy Vallance und Tom Howie.

 

Seit Felix Jaehn in den Charts mit seinen uninspirierten Chartabklatsch den Gaul Deephouse die letzte Runde drehen lässt, hatten wir das Genre endgültig abgeschrieben. Dabei waren wir es doch gewesen, die noch vor ein paar Jahren selbst mit Glitzer im Gesicht und badend in einem Meer aus Seifenblasen die neue Techno-Glückseligkeit gefeiert hatten. Ambitionierte Schrauber wie Nicolas Jaar oder Soul Clap hatten uns geholfen, das hochgepitchte Erbe der Neunziger endgültig ad acta zu legen und statt Love Parade und Pillenhektik lieber cool im Garten angesagter Berliner Clubs am Sonntagnachmittag mit den Füßen zu wippen.

Dann kam Wankelmut und mit ihm die Mainstreaminsierung des Open Air Hedonismus. Ende aus. Das Böse hat gesiegt.

Zwei kanadische Rebellen

Aber noch ist nicht alles verloren:  da kommen tatsächlich zwei Kanadier um die Ecke, ausgezogen um dem kalten Deephouse-Imperium seine Unschuld wieder zu geben. Die beiden Rebellen von Bob Moses heißen weder Bob oder Moses, sondern Tom Howie und Jimmy Vallance.

Die beiden haben zusammen die Highschool in Vancouver besucht, und sich dann zufällig einige Zeit später in New York wiedergetroffen. Musikalisch auf einem Level, avanchierten Bob Moses zu den Helden der illegalen Partyszene in New York. Jetzt machen sie sich dran mit ihrem Debüt auch die heimischen Wohnzimmer in Tanzflächen zu verwandeln.

 

Dabei sind die zehn Titel auf „Days Gone By“ nicht unbedingt waschechte Partynummern. Die Single „Too Much Is Never Enough“ bildet da die Ausnahme mit einem klassischen House-Arrangement. Auch der Opener „Like It Or Not“ blubbert angenehm tief ins Ohr, als wäre er mit Absicht für hochwertige Soundsysteme mit extra Bass-Wumms produziert.

Songs im Elektrokleid

Auch wenn es heute kein Problem ist, mit den richtigen Ableton-Presets einen Hit zu schreiben, stechen Bob Moses angenehm aus der Masse heraus. Das mag am Songwriting liegen. Die Tracks entstehen immer erst mal nur mit Stimme und Gitarre oder Klavier. „Der Rest ist nur Produktion. Es könnte eine Blues Nummer, eine Dance Nummer oder eine Rock Nummer sein.“, erklärt Jimmy dem Onlinemagazin Death and Taxes.

Die prominente Gitarre sorgt viel für organische Elemente in der Produktion, dabei erinneren Bob Moses an Darkside, das Projekt von Nicolas Jaar mit dem Gitarristen Dave Harrington. Die erste Nummer, die Bob Moses mehr Aufmerksamkeit einbrachte war eine Coverversion eines Blues-Klassikers (Aint gonna be The First To Cry).

 

Aber zurück zum Album „Days Gone By“. Das besticht durch echte Songs, viel Gefühl und keine Angst vor Pop. Das ist dann textlich auch mal ein bisschen vieldeutiger.

Don’t you want to take me higher / I try to find the trouble that keeps waiting on my mind,

Bob Moses - "Keep Me Alive"

so heißt es im Song „Keepin me Alive“. Auch wenn nicht ganz klar ist, ob hier die Liebe zu einer Person oder zu chemischen Substanzen besungen wird.  

Die Platte endet mit dem flotten „Touch And Go“. Das startet verhalten und reduziert, um sich zur finalen Hymne zu entwickeln. „We Waited For So Long“ singen Bob Moses. Wir haben auch lange auf Bob Moses gewartet. Aber das Warten hat jetzt ein Ende.

Fazit

Bob Moses machen einfach alles richtig. Sie funktionieren auf der Tanzfläche, im coolen Loungebereich und im Zweifelsfall auch in den Charts. Das wäre aber mal eine willkommene Abwechslung. "Days Gone By" ist die Platte für alle, die elektronische Musik noch nicht abgeschrieben haben, aber auch für Leute die Seifenblasen und Glitzer immer noch cool finden und der Open Air Saison jetzt im Club hinterher trauern. 

 

 

 

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Simon Köppl
22.09.2015 - 00:32
  Kultur

Bob Moses: Days Gone By

Tracklist:

1 Like It Or Not
2 Talk
3 Before I Fall
4 Too Much Is Never Enough*
5 Tearing Me Up
6 Keeping Me Alive*
7 Nothing At All
8 Days Gone By
9 Writing On The Wall
10 Touch And Go*

*Anspieltipps 

Erscheinungsdatum: 18.09.2015
Domino Records

LINKTIPPS

Im nicht ganz ernsten Interview erklären Bob Moses, was Faschingskostüme von Moses und Bob dem Baumeister mit ihrem Namen zu tun haben. 

Der New Yorker Städteplaner Robert Moses hat die Stadtentwicklung seit den 30er Jahren stark geprägt. Er steht Pate für den Namen der Band. 

Red Bull berichtet von den Produktionsarbeiten zum ersten Album.