Rotes Sofa: Isabel Fargo Cole

DDR-Geschichte aus Märchenstoffen gewebt

Die US-Amerikanerin Isabel Fargo Cole schreibt ihren Debütroman über das Leben an der deutsch-deutschen Grenze und wird damit direkt für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Eine überraschende Entscheidung der Jury, die neugierig macht.
Redakteurin Stefanie Hauser im Gespräch mit Autorin Isabel Fargo Cole.
Redakteurin Stefanie Hauser im Gespräch mit Autorin Isabel Fargo Cole.

Die Bildhauerin Editha will ein neues Denkmal erschaffen. Es soll einen Helden darstellen, aber ohne Schwert, ohne heroische Aura. Es soll zeigen, wie es "wirklich" passiert ist: Ein sowjetischer Soldat zieht ein Kind aus Trümmerhaufen. Menschlich, nicht wie ein Offizier.

Dazu benutzt sie ihren Mann Thomas und das gemeinsame Kind Eli als Modell. Denn Thomas ist das Kind gewesen, dem diese Geschichte tatsächlich widerfahren ist.

Sein Abbild in Gips stand mitten im Atelier, denn das Denkmal sollte bald gegossen werden. Er sah es eines Tages durch die Tür und erschrak: In der rohen Form erkannte er sich selbst.

aus "Die grüne Grenze"

Alltag im Sperrgebiet

Wir befinden uns in der DDR in den 1970ern. Ein Künstlerpaar zieht von Ost-Berlin in den Harz. Er, Thomas, ist Schriftsteller, sie, Editha, Bildhauerin. Er mag ihren starken Rücken und sie; sie mag sein Geheimnis. Der Harz ist ihre Heimat. Diese liegt mitten im Sperrgebiet der DDR. Dort erleben sie nun den deutsch-deutschen Grenzalltag. Mitten im Wald, wo die Orte „Elend“ und „Sorge“ heißen, dort trennt sich Deutschland. Die Jahreszeiten sind hier stärker zu spüren, die Geschichte wird hier aber nicht geschrieben. Obwohl sie direkt vor den Augen passiert. Während Editha sich in den Arbeiteralltag eingliedert, und das Mädchen Eli zu einem merkwürdigen, fast schon mythischen Wesen heranwächst, schreibt Thomas seinen zweiten Roman. Ein historischer Mönchsroman soll es werden, der sich mit den Mythen der Region auseinandersetzt. Mit der Verlagerung der Handlung in die Vergangenheit versucht Thomas die Gegenwart zu verstehen, in die Umstände in denen er lebt:

Siehst du, ich will zum Beispiel wissen, woher das kommt was wir Arbeit nennen, labora, weil ich nicht weiß, wie das ist etwas zu schaffen. Denn was bin ich: überfeinert, geistreich, spitzfindig und hinterhältig.

Der Wald als Spiegel deutscher Geschichte

Isabel Fargo Cole schreibt eine Welt, die sich aus mythischen Stoffen zusammenwebt. Der Harz durchzieht dabei den Text als durchgängiges Symbol: Er verkörpert den Ort der Sagen, er trägt die Geschichte Deutschlands in sich, aber dient auch ganz realpolitisch als Grenze. Cole schreibt ein Deutschland, das sich in viele Räume und Zeiten auflöst, bis es nicht mehr da ist. Bis ich es als Leserin nicht mehr fassen kann. Deutschland: Was soll das sein? Hat Deutschland überhaupt jemals in einer Einheit existiert? Überladen, so lässt sich „Die grüne Grenze“ beschreiben: Die Handlung und die Figurenzahl sind zwar übersichtlich, doch die Themen und die Ebenen, auf denen sie erzählt werden, komplex. Manchmal verliert sich die Handlung sogar komplett in metaphorische Abhandlungen über Raum und Zeit:

Kein Raum ist unendlicher als irgendein anderer. Keine Zeit ist grau, während eine andere Zeit bunt ist. Keine Stadt ist ewig. Wo liegt dieses Land, wenn nicht hier?

Atmosphärisch dichte Sprache

Ich kann kaum greifen, worum es eigentlich geht. So viele Assoziations- und Reflexionsräume öffnen sich. Beim Lesen denke ich: So muss das auch sein. Denn Geschichte trägt das immer mit sich: viele Schichten, die seziert werden müssen. Und das tut Cole: mit einer bemerkenswerten Sprache, die fremdartig erscheint. Sie ist hoch symbolisch aufgeladen, gleichzeitig rau und collagenartig zusammengesetzt. Die Sätze nicht immer vollständig, der Rhythmus ungewohnt. Es erscheint mir, als schaue jemand von außen auf diese Sprache und versteht sie besser als eine Muttersprachlerin. Cole weiß sie vor allem gekonnt in ihrer Eigenartigkeit einzusetzen. Das Buch lässt mich staunend zurück.

Stefanie Hauser hat auf der Leipziger Buchmesse mit Isabel Fargo Cole gesprochen. Im Interview geht es unter anderem um Coles Verhältnis zur deutschen Sprache. Außerdem sind Grenzen im Kopf und der "Zauber" des Harz Thema:

Redakteurin Stefanie Hauser im Gespräch mit Autorin Isabel Fargo Cole.
1603 Isabel Fargo Cole
 

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"Die grüne Grenze" von Isabel Fargo Cole:

Die grüne Grenze, der erste Roman von Isabel Fargo Cole ist in der Edition Nautilus erschienen, mit knapp 500 Seiten zum Preis von 26 Euro.

Zur Autorin:

Isabel Fargo Cole ist in Illinois, USA geboren. Seit 1995 lebt sie in Berlin. Dort studierte sie an der Humboldt-Universität Neuere Deutsche und Russische Literatur und arbeitet seitdem als Übersetzerin. Vor allem von Wolfram Hilbig, aber auch Franz Fühmann, Friedrich Dürrenmatt oder Hermann Unger. Mittlerweile schreibt sie auch selbst auf Deutsch. Ihr fast 500 Seiten starker Debütroman „Die grüne Grenze“ ist eine märchenhafte Geschichte über das Künstlerleben in der DDR, eingebettet in die sagenreiche Kulisse des Harz.