67. Internationale Filmfestspiele Berlin

Das wahre Traumschiff

Jeden Sommer sticht ein ganz besonderes Kreuzfahrtschiff in See: das Dream Boat! An Bord sind etwa 3000 Passagiere, fast ausschließlich Schwule aus aller Welt. Tristan Ferland Milewski hat darüber einen Dokumentarfilm gedreht.
Auf dem "Dream Boat" werden Ängste vor Homophobie einfach über Bord geworfen.
Auf dem "Dream Boat" werden Ängste vor Diskriminierung einfach über Bord geworfen.

Ein Stückchen Berghain auf dem Mittelmeer

Es ist das Paradies für viele Männer, eine schwimmende Insel der Freiheit. Eine ganze Woche lang können sie dort ihre Vorlieben offen ausleben. Ob beim Blowjob auf dem Oberdeck, auf allen Vieren an einer Hundeleine in den Korridoren zwischen den Kabinen, beim Wettrennen in High Heels, oder einfach ganz entspannt mit dem Lebenspartner Händchen haltend am Pool: auf dem Dream Boat erntet man dafür keine abfälligen Blicke aus homophoben Augen.

Über diese Kreuzfahrt einen Dokumentarfilm zu drehen, war mutig. Regisseur Tristan Ferland Milewski zeigt viele Menschen, die sich auf verschiedenste Weisen austoben können, welche ihnen in dieser Selbstverständlichkeit das ganze restliche Jahr hindurch verwehrt bleiben. Manche stammen sogar aus Ländern, in welchen Homosexualität ein Verbrechen ist oder man um sein Leben fürchten muss, wenn man schwul ist. Damit geht für die Filmcrew eine große Verantwortung einher: Was darf man zeigen, was nicht? Möchte jemand, der in dieser oder jener Szene auftaucht, für den Moment lieber kein Outing?

Euphorie und Melancholie

Die Schwere dieser Selektion ist dem Ergebnis nicht anzumerken. Die Bilder in "Dream Boat" wirken ebenso frei und zügellos wie die Passagiere des Schiffes. Milewski dringt mit seinem Film in einen Mikrokosmos ein, wie er es selbst formuliert, ein pulsierender Organismus, der für einen kurzen Zeitraum aufblüht, um am Ziel der Reise und bis zur nächsten Ausfahrt wieder zu verblühen.

Der Organismus kommt in seiner Gänze immer wieder durch Luftaufnahmen zur Geltung, zumindest da kann man sich also ausnahmsweise über die Verwendung von Drohnen freuen. Von oben auf hunderte partyfreudige Freizeitmatrosen blicken und ihnen beim Tanzen an Deck zuzusehen, dabei kann sich wohl niemand im Kinosaal ein Lächeln verkneifen.

Mit großem Einfühlungsvermögen gelingt es Milewski, das Publikum mit aufs Meer zu nehmen. Er hat sich dafür entschieden, eine Handvoll Protagonisten zu begleiten. Eine gute Entscheidung, denn an ihnen zeigt sich auch immer wieder die Ambivalenz der Reise. Wenn die Protagonisten merken, dass es schwierig ist, an Bord die große Liebe zu finden, oder ohne durchtrainierten Körper zumindest jemanden aufzureißen, dann schleichen sich nachts auch negative Gefühle wie Einsamkeit in die Kabinen.

Fazit: Schönes Ding!

Vieles am Dream Boat erscheint dem Außenstehenden sehr oberflächlich und übermäßig sexualisiert. Doch am Ende des Films steht einerseits die Freude, dass es so etwas wie diese Kreuzfahrt gibt und andererseits die Hoffnung, dass ihre Existenz bald weltweit durch mehr Toleranz und Offenheit für die Gay Community an Bedeutung verliert.

Milewski ist eine wundervolle Momentaufnahme gelungen, die in dieser Form noch vor wenigen Jahrzehnten weder fiktiv noch dokumentarisch möglich gewesen wäre. Er schafft in seinem Film zwar eindeutig Sympathien, lässt allerdings auch Zweifel an einigen Aspekten des von ihm dokumentierten Phänomens zu. Das Ergebnis ist eindrücklich, handwerklich gut umgesetzt und, nicht zuletzt, sehr unterhaltsam.

Auf ein Wort

Bei der diesjährigen Berlinale hatte ich die Gelegenheit, mich mit Tristan Ferland Milewski und zweien seiner Protagonisten, Dipankar aus Indien und Ramzi aus Palästina, zu unterhalten. Was sie mir über den Film erzählen konnten, das gibt es hier nachzuhören und auch nachzulesen:

Filmreporter Maximilian Enderling im Gespräch mit dem Regisseur von Dream Boat und seinen Protagonisten.
Filmreporter Maximilian Enderling im Gespräch mit dem Regisseur von Dream Boat und seinen Protagonisten.

mephisto 97.6: Tristan, wie kam es dazu, dass ihr diesen Film gedreht habt?

Milewski: Am Anfang stand natürlich der Dialog mit dem Organisator der Kreuzfahrt im Mittelpunkt. Wir haben uns bei einer Recherche-Fahrt erste Eindrücke verschafft. Da haben wir auch unsere Protagonisten getroffen. Dann kam eine große Aufgabe auf uns zu. Jeder Passagier musste erfahren, dass wir auf dem Schiff einen Film drehen und dass keiner darin zu sehen ist, der nicht gesehen werden möchte. Die Filmcrew musste immer gut sichtbar sein, darin lag natürlich eine große Verantwortung.

mephisto 97.6: Nach der Premiere habe ich ein Gespräch von ehemaligen Teilnehmern der Kreuzfahrt mitbekommen. Einer der beiden meinte, dass man sich an Bord oft einsam fühlt, obwohl man von annähernd 3000 Passagieren umgeben ist. Dipankar und Ramzi, wie ging es euch?

Dipankar: Dort gibt es einfach alles und es ist perfekt. Das überfordert einen einfach. Man steht unter großem Leistungsdruck, weil man gegen die Besten antritt. Du machst Urlaub in einer komplett schwulen Gemeinschaft? Dann brauchst du ein Sixpack! Dass du ständig performen musst, macht etwas mit dir.

Ramzi: Es kommt ganz darauf an, was man vom Dream Boat erwartet. Mir haben Leute gesagt: "Ah, du fährst mit? Dann wirst du viel Party machen, viel Sex haben!" Aber als ich da war, war es ganz anders. Du kannst auch ein gewöhnlicher Tourist sein, ins Kino gehen, Shows ansehen, Freunde finden, wenn auch vielleicht nicht die große Liebe. Für mich ging es nicht um schöne Körper. Das paradiesische war, eine Woche von 3000 Menschen umgeben zu sein, bei denen man keine Angst haben musste, jemandem zu sagen, dass er sexy ist und plötzlich eine Faust im Gesicht zu haben, bloß weil der Typ hetero ist.

mephisto 97.6: Also einerseits eine schwule Utopie, andererseits aber auch eine Dystopie, aufgrund des großen Leistungsdrucks. Das ist ein großer Kontrast, wie passt das zusammen?

Milewski: Wie bei allen Dingen im Leben liegt das nah beieinander. Das Schiff ist ein Mikrokosmos, der seine eigenen Regeln hat, aber er reflektiert auch die Regeln der Gesellschaft im Ganzen. Wir haben alle unseren Hintergrund, oft patriarchalische und heteronormative Kulturkreise. Wir tragen unsere Ideen von Männlichkeit und Schönheit mit uns und unsere Selbstvermarktung in der Wirtschaft. Das gibt es ja nicht nur in der Welt der Schwulen, sondern in der ganzen westlichen Gesellschaft.

Ramzi: Das Schöne ist aber, dass es unter den Passagieren 70 oder 80 Nationalitäten gibt. Alle haben unterschiedliche Hintergründe. Vereint werden sie dadurch, dass sie einfach nur Spaß haben wollen. All diese Probleme wie zwischen Russland und der Ukraine, oder Israel und Palästina bleiben draußen. Auf dem Dream Boat wollen sie leben, die Grenzen vergessen… Ich hatte da tolle Momente mit israelischen Männern. Die Leute sagen, er wäre mein Feind. Dabei ist es doch egal, woher wir kommen.

mephisto 97.6: Ist das vielleicht eine Art von Eskapismus?

Dipankar: Eskapismus wäre übertrieben. Es geht eher um ein angenehmes Gefühl. Vielleicht ist Eskapismus ein Teil davon, aber nicht alles.

mephisto 97.6: Würde das Modell ebenso für eine rein lesbische Kreuzfahrt funktionieren?

Milewski: Das haben mich Freunde auch schon gefragt. Ich denke, es hätte eine ganz andere Energie. Wie es genau wäre, da brauchen wir wohl eine Fortsetzung von Dream Boat.

*Nachnamen nicht öffentlich genannt

 

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