Ein Jahr Legida: Gegendemos

"Das verändert das Leben"

In Leipzig sind sie immer lauter gewesen, als Legida selbst: Die Gegendemonstranten, die sich für Weltoffenheit und gegen Rechts einsetzen. Wie es ihnen nach einem Jahr geht und warum sie immer noch da sind: Ein Porträt.
Seit einem Jahr protestieren Demonstranten von "Leipzig nimmt Platz" oder "Legida läuft nicht" für eine weltoffene Stadt.
"Leipzig nimmt Platz" protestiert regelmäßig für eine weltoffene Stadt.

Nicht nur Legida vollendet am Montag das erste Jahr. Auch die Gegendemonstranten sind schon so lange aktiv. Wie es ihnen nach einem Jahr geht: Ein Porträt von Paula Drope und Michael Buchweitz.

"Das verändert das Leben" - ein Porträt von Paula Drope und Michael Buchweitz
 

Freitagabend im Leipziger Osten. Vor dem Pögehaus fährt langsam ein Polizeiwagen vorbei. Drinnen sitzt eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von "Leipzig nimmt Platz". Die Polizei mag da sein, weil der Verfassungsschutz diese Gruppe in ihrem Bericht über die Demos am 11. Januar als "stark linksgerichtet" erwähnt. Die Menschen drinnen sind da, weil Jürgen Kasek Infos zur Versammlung gibt. Er ist im vergangenen Jahr zum Gesicht einer Bewegung geworden, die wöchentlich für ein weltoffenes Leipzig und gegen Legida demonstriert. Täglich beschäftigt er sich auf irgendeine Art mit dem Protest gegen das fremdenfeindliche Bündnis.

Dabei beeilt er sich zu sagen, dass das nicht alles in seinem Leben sei. Aber ein signifikanter Teil, das kann er nicht verneinen. Das Gesicht der Bewegung will er eigentlich nicht sein. Im Gespräch tut er sich sichtlich schwer damit. Die Rolle werde ihm auch eher von Legida-Seite zugeteilt. Die bräuchten das, analysiert er.

Ich hab es die Woche – da war ich ganz erstaunt – geschafft, auf vier rassistischen Facebook-Seiten gleichzeitig aufzutauchen. Wo ich sagen muss: Das habe ich auch lange nicht geschafft.

Jürgen Kasek, Leipzig nimmt Platz

Jürgen Kasek ist ein Gesicht der NoLegida-Bewegung – auch wenn er das gar nicht will.

Wenn Jürgen Kasek von solchen Drohungen und Anschuldigungen erzählt, bewegt er sich zwischen Gegneranalyse und Zynismus. Mittlerweile schaue er nicht mehr so viel, was seine Gegner in den Kommentarspalten oder unter dem eigens erfundenen Hashtag "Lügenkasek" posten. Doch bei allem Witz:

Natürlich, das verändert das Leben. Als ich am 21.12. in bei der Versammlung in Dresden war und mal schauen wollte, was bei denen geht, da bin ich erkannt worden. Und dann werde ich auch direkt beleidigt und zum Teil bleibt es nicht dabei. Ich habe auch eine Familie, wo es dann relativ schnell vorbei ist, mit lustig.

Jürgen Kasek, Leipzig nimmt Platz

Die Drohungen gegen ihn hätten im vergangenen Jahr massiv zugenommen, berichtet er. Eben wegen solcher Drohungen wollen andere Organisatoren der Gegenproteste ihren richtigen Namen nicht in Berichten lesen. Kim Meier (Name von der Redaktion geändert) organisiert den studentischen Protest „Legida läuft nicht“, der für seine Arbeit auch einen Preis für Demokratieförderung bekommen hat. Das Jahr mit Legida habe ihn verändert, berichtet er. Politik sei jetzt näher dran, nicht mehr nur theoretisch, sondern ein wöchentlicher, realer Termin. Da käme man auch nicht drum herum. 

Am Anfang haben mich meine Freunde noch gefragt, ob wir abends was machen wollen. In eine Bar gehen oder ins Kino. Aber jetzt nach der Zeit  nach der langen Zeit  hat sich das so eingestellt, dass ich montagabends immer unterwegs bin. Und manchmal so um 10 oder halb 11 Uhr meldet sich noch jemand, ob wir noch irgendwo ein Bier trinken wollen. Aber zur Demozeit passiert das gar nicht mehr.

Kim Meier, Legida läuft nicht

Sein Freundeskreis habe sich verändert, einige Bekannte fielen da schon mal hinten runter. Die würde er wieder mehr treffen, wenn er die Montage wieder für sich hätte. 

Manchmal denkt man schon: "Ach so einen Montagabend, den hätte ich auch gerne mal frei, da würde ich gerne was anderes machen." Naja, das funktioniert dann eben nicht, das kann man dann nicht machen. Diese Erkenntnis, dass es doch besser ist, hinzugehen, die kommt auch immer schnell. Ich war nur ganz selten nicht da, wenn ich mal krank war oder wenn es wirklich nicht anders ging.

Kim Meier, Legida läuft nicht

Denn jeder, der sich gegen Legida und gegen Fremdenfeindlichkeit stellt, zähle. Um die Tausend brachte der Gegenprotest vergangenes Mal im Dezember noch auf die Straße. Das sind mehr als die Legida-Teilnehmer. Aber zu Beginn, erinnert sich Kim Meier, waren es noch 35.000, die sich gegen Rechts positionierten. Da fühle man sich manchmal von der Stadtgesellschaft allein gelassen.

Es ist natürlich schade, dass es so Wenige sind und dass wir nicht jede Woche ein paar Tausend hinbekommen oder mehr. Wenn wir das jede Woche schaffen würden, dann hätte es Legida nicht ein Jahr geschafft. Aber dadurch, dass auch die Gegenproteste so stark zurückgegangen sind, gibt es diese Bewegung noch.

Kim Meier, Legida läuft nicht

Kim Meier sitzt auf einer Bank auf dem leeren Augustusplatz. Am 11. Januar, wenn Legida ein Jahr besteht, dann hofft er auf wieder weitaus mehr Menschen, die sich zu "Legida läuft nicht" auf den Augustusplatz stellen. Dorthin, wo vor einem Jahr Legida begann. Jürgen Kasek vertraut bereits darauf, dass sich zu diesem Datum wieder mehr Menschen gegen das fremdenfeindliche Bündnis aufraffen werden.

Wenn man sich das Ganze anschaut, bin ich auch gerade deshalb dankbar, in einer Stadt zu leben, wo es so viele Menschen gibt, die bereit sind, sich zu engagieren und nicht zulassen, dass Rassisten hier die Überhand gewinnen.

Jürgen Kasek, Leipzig nimmt Platz

 

 

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Paula Drope, Michael Buchweitz
11.01.2016 - 06:41