Comicrezension

Das Unbeschreibliche abbilden: "Wannsee"

Im Winter 1942 Jahren trafen sich am Berliner Wannsee hochrangige Nazibeamte, um die Ermordung der Jüdinnen und Juden Europas zu planen. Der Franzose Fabrice Le Hénanff hat dieser ungeheuerlichen Konferenz ein Graphic Novel gewidmet.
Cover des Graphic Novels "Wannsee".
Das blutrote Cover von "Wannsee".

Eine schwarze Limousine nach der anderen hält vor einer verschneiten Villa. Ein schwarzes Banner mit weißem Blitz wird noch schnell entfernt. Aber auch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, wer sich hier heute trifft: Fünfzehn hochrangige Beamte, die meisten Juristen, also eigentlich Männer des Rechts. Die meisten tragen Uniform, viele mit einem Totenkopf auf der Schirmmütze.

Kommen Sie rein, meine Herren, Sie werden sich noch den Tod holen.

"Wannsee", S. 42.

Reinhard Heydrich, der Vorsitzende dieses Treffens, ist auch als Henker von Prag bekannt. Er macht den Anwesenden klar, worum es an diesem Tag gehen soll: Die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“.

„Wie ich schon sagte, ist die Auswanderungspolitik beendet. Wir ersetzen Sie durch eine Politik der Evakuierung.“, „Auswanderung, Evakuierung, was ist der Unterschied? Evakuierung wohin? Nach Polen? Nach Russland?“, „Weiter weg … in die Hölle. Wo manche schon sind…“

"Wannsee", S. 28f.

Der Völkermord wird zum Verwaltungsakt

 „Evakuierung“, „Endlösung“, „natürliche Verminderung beim Straßenbau“, „Juden behandeln“. Euphemismen wie diese fallen noch häufig an diesem Tag. Und sie alle meinen dasselbe: Die planmäßige, bürokratisierte und industrielle Ermordung der Jüdinnen und Juden Europas. Auf diese Weise macht der Autor Le Hénanff deutlich, wie die Sprache der Nazi-Bürokratie funktioniert und den Völkermord zu einem Verwaltungsakt verschleiert. Besonders bizarr eine Passage, in der die sogenannte „Mischlings“-Frage behandelt wird. Wie also verfahren mit Personen, die sowohl „arische“ als auch „jüdische“ Abstammung haben?

Der von der Evakuierung auszunehmende Mischling ersten Grades wird – um jede Nachkommenschaft zu verhindern, und das Mischlingsproblem endgültig zu bereinigen – sterilisiert.

"Wannsee", S. 49.

Wie die Sprache ist auch die bildliche Darstellung dieser ungeheuerlichen Konferenz interessant. Die Panels sind in sepia gehalten, die übliche Farbe von Fotos dieser Zeit. Die Personen sind im Halbdunkel der Villa häufig nur schemenhaft zu erkennen. Sind doch konkrete Gesichter zu sehen, wirken sie seltsam charakterlos. Maskenartig scheinen diese sich kaum zu verändern.

Was etwas einfallslos daherkommt, erklärt sich im Vorwort: Le Hénanff orientierte sich an den idealisierten Privatfotografien der Nazi-Beamten. Er zeigt kaum etwas, was nicht auf den Fotos zu sehen ist. Kein Grinsen oder heruntergezogene Mundwinkel. Wie auf ihren Fotos lächeln den Lesenden also stets perfekte Porträts entgegen, was etwas leblos wirkt. „Wannsee“ aber will nichts dazu erfinden, wofür es keine Belege gibt. Die Schreibtischtäter der Nazi-Bürokratie bleiben deshalb mehr Figuren als Charaktere. Das ist verständlich, irritiert aber auch.

„Trinken wir noch ein Gläschen, Herr Müller?“, „Gern, Obergruppenführer. Ich glaube, wir haben es uns verdient.“

"Wannsee", S. 66.

Historische Korrektheit statt Emotionalisierung

Weniger banal sind die mörderischen Hintergründe dieser Konferenz. Diese macht das Graphic Novel vor allem an einer Stelle explizit: Eine ganze Seite zeigt das unbeschreibliche Massaker in der Schlucht von Babi Jar. Die Deutschen haben dort 1941 innerhalb von zwei Tagen 30000 jüdische Menschen hingeschlachtet. Hier kommt auch dieses Graphic Novel nicht ohne Bilder von Toten aus, die einen erschütternden Kontrast zu den restlichen Szenen in der Villa bilden. Und auch die einzige Szene, die emotional berührt.

Statt um Emotionalisierung geht es Le Hénanff vor allem um historische Korrektheit. Er erwähnt zum Beispiel die Beteiligung der Wehrmacht an den Verbrechen, aber auch historische Vorbilder des Antisemitismus. Um die Inhalte zu belegen, ist dem Buch sogar ein kleines Quellen- und Literaturverzeichnis angehängt.

Danke für Ihr Vertrauen, meine Herren. Seien wir vor allem pragmatisch. Wenn Sie noch Bedenken haben, sagen Sie sich, dass sie eine Maschinerie in Gang setzen. Eine anonyme Maschinerie, in der Sie nur ein Rädchen sind.

"Wannsee", S. 64.

Beitrag zur Erinnerungskultur

Weshalb aber die Darstellung dieses rein administrativen Geheimtreffens als Comic? Ein Treffen zu dem es keinerlei Bilder, sondern nur ein einziges Protokoll gibt.

Comics sind normalerweise harmlose, unschuldige Bildergeschichten. Die Wannsee-Konferenz aber ist alles andere als unschuldig. Geradezu obszön ist der Kontrast zwischen der spröden Bürokratenatmosphäre und dem ungeheuerlichen Gegenstand der Konferenz. Ohne Bilder aber fällt es schwer, dieses Verbrechen zu fassen. Das Comic kann hier dazu beitragen, dass die Erinnerung daran nicht verblasst.

„Wannsee“ leistet also zweifellos verdienstvolle Aufklärungsarbeit, indem es die Grausamkeit des deutschen Vernichtungswahns pointiert darstellt. Diejenigen aber, die an Graphic Novels vor allem abwechslungsreiche Bilder und Unterhaltung schätzen, werden bei „Wannsee“ nicht auf ihre Kosten kommen. Dafür ist das Thema jedoch auch kaum geeignet.

 

Die Rezension von Max Berkenheide

Moritz Fehle, Tristan Kühn

Comicrezension Wannsee

 

 

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Maximilian Berkenheide
17.04.2020 - 20:15
  Kultur

Der Autor Fabrice Le Hénanff wurde 1972 in der Bretagne geboren und hat in Rennes bildende Kunst studiert. Die meisten seiner Comics orientieren sich an historischen Themen. Neben Comics über historische Personen wie Claude Monet oder Elvis Presley spielen zwei seiner Werke ebenfalls während des Zweiten Weltkriegs.