Gespräche auf dem Roten Sofa

Das Leben ist ein Ponyhof

Man könnte meinen, dass das Leben so einfach sein kann, wenn der Beruf Sohn ist. Und wenn man auf einem Ponyhof aufwächst. Dass dem nicht so ist, beweist der neue Roman von Marjana Gaponenko „Das letzte Rennen“.
Marjana Gaponenko
Marjana Gaponenko im Gespräch mit Wiebke Schindler auf dem Roten Sofa

Der Sohn in "Das letzte Rennen" ist Kaspar Niéc und der steht nicht nur im Schatten seines überaus reichen Vates, ihm fehlt auch jede Ambition sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen. Dabei fragt sich der Leser die ganze Zeit: Ja, worauf wartet er denn eigentlich? Der mangelnde Lebensentwurf sowie die finanzielle Abhängigkeit Kaspars führen schließlich dazu, dass er kurzerhand zum persönlichen Stallburschen des Vaters erklärt wird. Ohne dass er je eine Wahl dazu gehabt hätte.

Langweilig und lethargisch

Und während der betagte Vater jugendliche Ambitionen entwickelt, wenn es um seine ungewöhnlichen Ponyrassen und Reitturniere geht, fühlt sich Kaspar langweiliger, greiser und lethargischer denn je. Als Leser findet man ihn trotzdem sympathisch. Das liegt vor allem an seiner hellsichtigen, witzigen und bitterbösen Innensicht. Gedanklich lässt er kein gutes Haar an seinen Mitmenschen. Ebenso schonungslos geht er aber auch mit sich selbst ins Gericht. Das kann bisweilen äußerst komisch sein, hat aber auch selbstzerstörerische Momente. Unterhaltend ist es allemal.

Mehr Tragik als Komik

Aber ehe sich Kaspar versieht, trifft ihn die geballte Wucht des Schicksals. Bei einem Kutschunfall verliert er beide Arme. Kurz darauf wird bei seinem Vater Demenz diagnostiziert. Schockierend scheint dieser Schicksalsschlag aber eher für den Leser. Kaspar hingegen bleibt seiner Linie treu und lässt den Dingen ihren Lauf. Aber Lebenslektionen bietet das Leben meist selbst – dem kann sich auch Kaspar nicht entziehen. Zuletzt muss er sich seinem Unvermögen das eigene Leben in die Hand zu nehmen stellen. Und spätestens am Ende hinterlässt der Roman mehr Tragik als Komik.

Auf dem Roten Sofa

Auf dem Roten Sofa wurde Marjana Gaponenko in ein Spiel verwickelt, das auch in ihrem Buch gespielt wird. Schnelle Entscheidung: Im Zweifelsfall lieber blind oder taub werden? Lieber ein Wurm oder eine Kleidermotte sein? Worauf können Sie besser verzichten: Romane oder Gedichte? Gaponenkos Antworten auf diese und weitere Fragen hören Sie im Gespräch.

Marjana Gaponenko im Gespräch mit Wiebke Schindler auf dem Roten Sofa
Marjana Gaponenko im Gespräch mit Wiebke Schindler auf dem Roten Sofa
 

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Wiebke Schindler
18.03.2016 - 13:52
  Kultur

Marjana Gaponenko wurde 1981 in Odessa (Ukraine) geboren. Seit ihrem 16. Lebensjahr schreibt sie in deutscher Sprache. Schon während ihres Germanistik­-Studiums an der Universität Odessa begann sie Gedichte zu schreiben und zu veröffentlichen. Für ihren letzten Roman „Wer ist Martha?“ wurde sie mit dem Adelbert­-von­-Chamisso­-Preis und dem österreichischen Alpha­-Preis geehrt. „Das letzte Rennen“ ist ihr dritter Roman.

"Das letzte Rennen" ist bei C.H. Beck erschienen, hat 226 Seiten und kostet 19,95 Euro.