Kommentar

Das klingt doch alles gleich

„Deep House“ bestimmt seit einigen Monaten die Charts. Kreativ oder innovativ sind die Songs nicht. Es versteckt sich zwar die ein oder andere interessante Geschichte hinter den Hits. Doch gerade die kann bei dem aktuellen Covertrend verloren gehen.
Erfolgsrezept - für viele Charthits werden nur zwei Schubladen gezogen.

Der Produktionsprozess zu einem Deep House-Charthit läuft zurzeit folgendermaßen: Am Anfang ist das Bootleg. Man nehme einen existierenden Song, mache ein Remix draus und stelle es auf irgendeiner Plattform hoch. Kostenlos natürlich, damit man nicht verklagt wird wegen Urheberrechtsverletzung. Dann wartet man bis der Song sich viral verbreitet und ein Label auf einen zukommt. Die klären dann alles Rechtliche, veröffentlichen den Song und schon bist Du ein Star. So geschehen bei DJ Wankelmut. Er schnappt sich 2011 den relativ unbekannten Song des israelischen Sängers Asaf Avidan und macht solch ein Bootleg. Heraus kommt One Day. Asaf Avidan bekommt erst über Facebook von dem Remix mit und ist skeptisch. Dann überlässt er aber dem deutschen DJ seine Verwertungsrechte, der Song wird veröffentlicht und ist erfolgreicher als das Original. Beide haben was davon – soweit, so gut.

Wer macht eigentlich was?

Der Prozess mit den Bootlegs hat aber auch seine Probleme. Klar, jeder Song bekommt dieses Deep-House-Soundkleid verpasst. Der gleiche einfache Beat, ein bisschen Bass dazu und alles bei ungefähr 119 bis 125 Schlägen pro Minute. Dann gibt es aber noch ein weiteres Problem. So richtig blickt niemand mehr durch, wenn er wissen will, wer was an den Songs gemacht hat. Zum Beispiel bei dem Sommerhit  „Unter meiner Haut“. Seit einiger Zeit schwirrt er in den Top 10 der Single-Charts. Als Interpret wird an erster Stelle das Thüringer DJ-Duo „Gestört aber GeiL“ angeben. Ein „&“-Zeichen verweist dann noch auf einen gewissen Koby Funk aus Leipzig. Das Feature ist mit Wincent Weiss, ehemaliger DSDS-Kandidat. Klingt nach einem bunten, aber üblichen Künstlerzusammenschluss. Die Geschichte des Songs ist dafür viel interessanter. Das Original ist eigentlich von der Berliner Sängerin Elif Demirezer und erschien 2013. Der DJ Koby Funk aus Leipzig entdeckt die ruhige Nummer und macht ein Bootleg. Allerdings nicht mit dem Originalsong, sondern mit einem Cover von Sänger Wincent Weiss, das dieser auf Youtube hochgeladen hat. Zusammen produzieren sie ein sogenanntes Rework von Elifs Song, das Koby Funk auf seiner Soundcloudseite und Youtube zum kostenlosen Download freigibt.

Reminiszenz adé!

Und dann kommen die bekannteren DJ‘s Nico und Spike von „Gestört aber GeiL“. Die Jungs spielen in ihren Live-Sets für gewöhnlich etliche Bootlegs von anderen DJ’s. So auch das von Koby Funk. Und prompt fragen alle: Wie hieß der coole Song nochmal von „Gestört aber GeiL“? Letztlich kommt es zur Veröffentlichung, bei der „Gestört aber GeiL“ als Interpret am Anfang steht. Deren Leistung? Wahrscheinlich zwei- bis dreimal am Bassregler gedreht oder andere Effekte hinzugefügt; ihr Support wegen ihres bekannteren Namens vermutlich der größte Verdienst. Koby Funks Leistung ist dagegen nicht wirklich bekannt. Selbst seine Fans auf Facebook wissen nicht wirklich, ob die Nummer nun von ihm oder von „Gestört aber GeiL“ ist. Moralisch ist das alles fragwürdig, rechtlich durchaus vertrackt. Das Schlimmste aber: Von Elif Derizer weiß fast niemand was, obwohl sie mit Harmonie, Melodie und Text die meiste Arbeit erledigt hat. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Ihr Song wird neu eingesungen und nicht gesampelt. Damit ist jegliche Reminiszenz an das Original verloren. Und das scheint gerade Trend zu sein.

Die Cover im Deep-House-Soundkleid

Chaka Khan schafft in den 80er Jahren mit Ain’t nobody einen Hit, den jeder kennt. Bis heute vielleicht – der DJ Felix Jaehn nimmt ein Cover der britischen Sängerin Jasmine Thompson und zieht ihm das Deep-House-Kleid an. Fertig ist ein Nummer eins Hit, von dem vermutlich vor allem die junge Generation kaum noch weiß, von wem er wirklich ist. Oder auch „Supergirl“: Der wahrscheinlich größte Hit von Reamonn, bugsiert in das Jahr 2015 und die Deep House-Schublade. Diesmal vom DJ „Alle Farben“, wieder in einer undurchsichtigen Zusammenarbeit mit anderen Künstlern und einer Sängerin und zack: fertig ist ein weiterer Retorten-Deep-House-Cover-Hit. Das Supergirl von Reamonn interessiert jetzt niemand mehr.

Damit nicht alles gleich klingt

Weder am Covern noch am Deep-House soll hier was ausgesetzt werden. Nur beides zusammen nervt. Man kann nun mal nicht von kreativen Covern sprechen, wenn alle die gleiche Soundverpackung bekommen. Es ist auch kein Cover, bei dem sich der neue Interpret mit dem Text- oder Subtext des Liedes, den eigenen Gefühlen oder der Erfahrung mit dem Song auseinandersetzt und in ein neues Werk transferiert. Selbst für diejenigen, die es gut meinen mit den Deep-House-Covern, klingt das zu abgehoben. Und was wirklich nicht passieren sollte, ist, dass am Ende niemand mehr die Originalsongs kennt, die hier neu verpackt ihren zweiten Chartfrühling erleben.

Also, liebe DJ’s und Produzenten da draußen: Wenn ihr euch schon an existierender Musik bedient, sampelt doch bitte den Originalsong. Legt dafür einfach mehr Wert auf ein ausgereiftes Soundarrangement, damit nicht alles gleich klingt. Ist das nicht eure kreative Ecke? Gleichzeitig bleibt in dem Gesang wenigstens ein Hauch von dem Glanz des Originalsongs erhalten. Und die Möglichkeit, dass man das Original auch erkennt, wenn man es hört.

 

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Stephan Ziegert
14.07.2015 - 17:16
  Kultur