Rotes Sofa: Kristina Gehrmann

Das Ende des American Dream in Bildern

Mit "Der Dschungel" deckte der sozialkritische Autor Upton Sinclair 1905 die grausigen Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen von Chicago auf. Kristina Gehrmann hat den Roman als Graphic Novel umgesetzt.
Redakteur Maximilian Enderling im Gespräch mit Illustratorin Kristina Gehrmann.
Redakteur Maximilian Enderling im Gespräch mit Illustratorin Kristina Gehrmann.

Ein Dampfschiff läuft in den Hafen von New York City ein. Ziel: Ellis Island, Einreisebehörde. An Bord ist eine litauische Familie. Wie Abermillionen andere Europäer sind sie in Amerika auf der Suche nach einem besseren Leben. Im Mittelpunkt stehen der 21-jährige Jurgis Rudkus und seine 20-jährige Verlobte, Ona Lukoszaite. Mit ihren Familien suchen die beiden bald nach Ankunft in Chicago Arbeit auf den dortigen Schlachthöfen, einem riesigen Industriekomplex, welcher die Fleischversorgung der ganzen USA abdeckt.

Träume verblassen

Die Gruppe litauischer Einwanderer steht im Fokus der Graphic Novel, wie auch schon im Enthüllungsroman von Upton Sinclair, welcher ihr zugrunde liegt. Zu Beginn sieht man sie noch voller Hoffnung und Tatendrang, Amerika für sich zu erobern, dann beginnt ihr Weltbild Stück für Stück zu bröckeln und hinterlässt einen desillusionierten, nur noch lose miteinander verketteten Haufen. Man sieht den körperlichen Verfall von Jurgis Vater und auch, wie der Rest der Familie Stück für Stück den Stolz in ihren Gesichtern verliert. Die Bilder tragen effektiv dazu bei – man wird förmlich aufgesaugt in die düstere Zeit um die Jahrhundertwende. Da passt es natürlich wunderbar, dass die Graphic Novel auch komplett in schwarz-weiß gehalten ist. Allen voran die alten Werbeanzeigen, welche jedes neue Kapitel auf einer Doppelseite einrahmen und den Zeitgeist einfangen. Mit dabei sind – ganz kapitalismusgerecht – natürlich immer große Versprechungen. Wie weit weg diese Welt des Überflusses vom einfachen Arbeiter ist, zeigen am deutlichsten die Arbeiter der Düngefabrik, welche die Reste der Fleischproduktion verarbeiten. Sie haben das schwerste Los gezogen:

Die Arbeiter der Düngerfabrik haben das schwerste Los.
Die Arbeiter der Düngerfabrik haben das schwerste Los.

Eine Zeitreise

Kristina Gehrmann zeichnet eine kalte, farb- und lieblose Fabrikwelt, an der jeder zerbrechen muss.
Kristina Gehrmann zeichnet eine kalte, farb- und lieblose Fabrikwelt, an der jeder zerbrechen muss.

Man merkt beim Lesen, wie viel Recherchearbeit von Kristina Gehrmann in den Seiten steckt. Nicht nur bei den Anzeigen, sondern auch bei gezeichneten Gebäuden, Kleidung oder dem Verhalten verschiedener Figuren. Trotz historisch und kulturell bedingter Unterschiede in der Denkweise fällt es einem beim Lesen jedoch leicht, sich in die Protagonisten hineinzuversetzen. Man lernt zu verstehen, warum Jurgis glaubt, er könne mit immer härterer Arbeit seine Familie sichern. Man versteht den Wunsch der Familie, sich nach ihrer Begeisterung für fließend Wasser in einer Küche direkt ein Haus in der neuen Heimat zu kaufen. Man kann nachvollziehen, dass die Frauen der Familie sich letztendlich sogar in der Prostitution wiederfinden. Obwohl Jurgis Rudkus wie auch in der Romanvorlage zuweilen sehr als Stereotyp eines naiven Proletariers gezeigt wird, helfen in der Graphic Novel Mimik und Gestik sehr dabei, ihn zu einem Menschen aus Fleisch und Blut werden zu lassen. Die gezeichneten Emotionen sind stilistisch eher von Manga inspiriert als von klassischen amerikanischen Comics und trotzdem funktionieren sie für diese Geschichte perfekt.

Fazit

Kristina Gehrmann ist mit "Der Dschungel" etwas Wunderbares geglückt: Sie hat einen politisch hochrelevanten Klassiker unterhaltsam für die heutige Zeit aufbereitet, ohne etwas von dessen Schrecken oder besagter Relevanz einzubüßen. Im Gegenteil – sie verdichtet ihn sogar optimal und findet ihren eigenen Dreh für den Stoff. Natürlich nicht ohne Augenzwinkern. Zum Abschluss der Graphic Novel hat Upton Sinclair sogar selbst einen Cameo-Auftritt, als Jurgis dem Autor seine Geschichte als Quelle für einen Roman erzählen soll. Auf diese kleine, aber feine Metaebene wollte Gehrmann wohl nicht verzichten. Sie vollendet damit den Eindruck, dass ihre Adaption der Geschichte ein inhaltlich sehr eigenständiges Kunstwerk ist, welches sein Potenzial nicht verschwendet hat. Chapeau, Frau Gehrmann, gerne mehr davon!

Maximilian Enderling hat auf der Leipziger Buchmesse mit Kristina Gehrmann gesprochen. Im Interview geht es unter anderem um Zeichentechniken mit der Hand und am PC. Außerdem sind sehr alte Werbeanzeigen und Gehrmanns Manga-Einflüsse Thema:

Redakteur Maximilian Enderling im Gespräch mit Illustratorin Kristina Gehrmann.
1603 Kristina Gehrmann
 

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