Cinemascope

Das Dilemma des Lektors

Autoren schreiben Bücher und ihre Lektoren überarbeiten diese Bücher – gemeinsam mit dem Autor, versteht sich. Wie viel dürfen sie dabei verändern? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Film „Genius – die tausend Seiten einer Freundschaft“.
Lektor Perkins (Colin Firth) und Autor Wolfe (Jude Law).
Lektor Perkins (Colin Firth) und Autor Wolfe (Jude Law).

Eine wahre Geschichte

In den 1920igern ist Maxwell Perkins (Colin Firth) Lektor bei einem renommierten Verlag in New York. Er nimmt sich unbekannten, aber talentierten Autoren an – er hat zum Beispiel F. Scott Fitzgerald (Guy Pierce) und Ernest Hemingway (Dominic West) entdeckt. Als Perkins das Manuskript des aufstrebenden Autors Thomas Wolfe (Jude Law) liest, ist er begeistert und glaubt, ein neues Genie gefunden zu haben.

Gemeinsam arbeiten Perkins und Wolfe an Wolfes Erstlingswerk „Schau Heimwärts, Engel“ und seinem zweiten Roman „Von Zeit und Strom“. Wolfes Manuskripte sind lang und wirr. Lektor und Autor kürzen sie um mehrere hundert Seiten. Dabei kämpfen sie um jeden Absatz. Sie brauchen mehrere Jahre, um „Von Zeit und Strom“ fertig zu stellen – unter anderem, weil Wolfe dem Manuskript immer wieder neue Passagen hinzufügen will. Die Arbeit schweißt die beiden Männer zusammen, bald schon sind sie enge Freunde. 

 

So eng, dass die Partnerinnen der beiden eifersüchtig werden. Die Frauen im Film kommen nicht gut weg – den Bechdel-Test würde „Genius“ vermutlich nicht bestehen. Denn es geht in „Genius“ um die Männer, die Frauen verkommen zu Dekoration. Laura Linney spielt Perkins Ehefrau. Sie selbst schreibt Theaterstücke – in der männerdominierten Welt jedoch führt sie diese nur zuhause mit ihren Freundinnen auf. Nicole Kidman als Wolfes Geliebte Aline Bernstein ist emanzipierter. Sie hat ihren Ehemann verlassen und ist erfolgreiche Kostümbildnerin. Trotzdem wird sie als hysterisch eifersüchtige Geliebte dargestellt – sehr klischeehaft. Die meiste Zeit drückt sie dramatisch ihre Angst aus, Wolfe an Perkins zu verlieren.

Die Männer Perkins und Wolfe haben mehr Tiefe. Sie sind extrem unterschiedlich: Perkins lebt mit seiner Frau und den fünf Töchtern in einem New Yorker Vorort. Er ist ruhig, besonnen und hält sich im Hintergrund. Colin Firth verkörpert den Lektor großartig und erzählt viel über Mimik. Wolfe dagegen ist extrovertiert, unbeherrscht, trinkt und feiert viel. Schauspieler Jude Law gibt ihn fast schon übertrieben aufgedreht und ist dabei ständig in Bewegung. Ihre unterschiedlichen Wesensarten und Lebensstile belastet allerdings ihre Freundschaft, es kommt zunehmend zu Streitereien.

Das ewige Problem des Lektors

Einer der Gründe, warum die beiden aneinander geraten, ist das ewige Problem der Lektoren:

Machen wir die Bücher wirklich besser oder machen wir sie nur anders?

Lektor Maxwell Perkins (Colin Firth)

Wolfes Bücher werden zu Bestsellern. Doch er beginnt zu zweifeln: Ist es wirklich noch sein Buch, das so erfolgreich ist? Oder ist der Erfolg der Arbeit seines Lektors Perkins zuzuschreiben? Unter diesem Aspekt ist auch der Titel zweideutig – wer ist der „Genius“, also das Genie? Der Autor Thomas Wolfe, der großartige Romane schreibt? Oder der Lektor Maxwell Perkins, der sie entdeckt, feingeschliffen und groß herausgebracht hat?

„Genius – die tausend Seiten einer Freundschaft“ ist ein unterhaltsamer, aber auch anspruchsvoller Film. Besonders Literaturfans werden Gefallen daran finden, den Autoren Wolfe, Fitzgerald und Hemingway auf der Leinwand zu begegnen und hinter die Kulissen des Literaturbetriebs der 20iger Jahre zu blicken.

 

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Lara Lorenz
11.08.2016 - 14:32
  Kultur

"Genius - Die tausend Seiten einer Freundschaft"

Regie: Michael Grandage

Darsteller: Colin Firth, Jude Law, Nicole Kidman, Laura Linney

Dauer: 104 Minuten