Literaturrezension

Das Buch der Spiegel

Kennen Sie auch das Gefühl, wenn Geschichten, die Ihnen Ihre Familie oder Freunde aus früheren Zeiten erzählen, nicht mit Ihren eigenen Erinnerungen übereinstimmen? Manchmal bergen Geschichten aus der Vergangenheit einen geheimnisvollen Schleier.

 

Es ist Winter in New York. Der junge Literaturagent Peter Katz erholt sich noch von dem Festtagskater, als er in die Email eines Fremden erhält. Erst einen Monat später findet er die Zeit das unvollständige Skript zu lesen. Katz wird klar, dass Es um ein Verbrechen geht, das über dreißig Jahre zurückliegt.

 

"Vor zwei Monaten habe ich etwas Wichtiges entdeckt, das mir eine Reihe tragischen Ereignisse ins Gedächtnis rief, die sich im Herbst und Winter 1987 zugetragen hatten. Man glaubt etwas für immer vergessen zu haben. Plötzlich erkennt man jedoch, dass die Erinnerung die ganze Zeit über in einem verborgenen Winkel des Gehirns geschlummert hat." - Richard Flynn -

 

Es geht um den Mord am Princetoner Psychologieprofessor Joseph Wieder. Der Fall konnte damals nicht aufgeklärt werden. Der Absender der Mail, Flynn, behauptet nun, nach über 30 Jahren, die Wahrheit über den Mord herausgefunden zu haben.

So gewagt, so mitreißend beginnt das neue Buch von Eugen Ovidiu Chirovicis. „Das Buch der Spiegel“ ist der erste erfolgreiche Thriller des rumänischen Autors.

 

Im Mittelpunkt des Manuskripts steht eine Dreiecksbeziehung zwischen dem ermordeten Professor, der jungen Studentin Laura und Richard Flynn selbst. Zwischen den dreien entspannt sich eine intrigante Liebesgeschichte. Diese Liebesgeschichte flimmert immer an der Grenze der Realität. Nie ist ganz klar, was wirklich zwischen wem abläuft. Es kommt zu Eifersucht, Konkurrenzdenken und Obsession.

Kurz bevor Flynn den Mordfall auflösen will, endet das Skript.

Als Peter Katz den Verfasser des Textes ausfindig machen will, ist dieser bereits gestorben. Sein Eifer ist geweckt: Der Literaturagent begibt sich auf die Spurensuche um den Fall aufzulösen.
Und noch dazu mit mäßigem Erfolg: denn immer mehr Protagonisten des Falls verstricken sich in die Angelegenheit.

Ein Strudel der Erinnerungen bricht los und sorgt für Verwirrung. Manche dieser Erinnerungen sind verzerrt und konfus.

So zweifelt die mutmaßliche Geliebte des Professors, Laura, an der menschlichen Wahrnehmung:

 

„Unser Gedächtnis ist keine Videokamera, die alles Aufzeichnet…, sondern viel eher eine Art Drehbuchautor und Regisseur in einer Person, der sich aus Realitätsschnipseln seinen eigenen Film zusammenbastelt.“ - Laura Baines -

 

Damit kristallisiert sich das eigentliche Thema des Buches heraus: Erinnerungen und daraus konstruierte Wirklichkeiten. Welcher dieser verschiedenen Standpunkte entspricht nun den Tatsachen?

Als Lesender weiß man schon bald nicht mehr, wem man in dieser Geschichte glauben kann.

 

„Bei dem was Laura mir erzählte lief es mir eiskalt den Rücken herunter. Ich fand es grotesk, dass Dinge die ich für unbezweifelbare Realität hielt, womöglich nur das Ergebnis meiner Subjektiven Wahrnehmung sein sollten. Nach ihrer Darstellung wären unsere Erinnerungen bloß eine Art Filmspule, die ein geschickter Bildbearbeiter nach Belieben zerschneiden und wieder zusammenkleben kann.“ - Richard Flynn -

 

Dieses Buch beschäftigt sich mit der menschlichen Psyche. Es geht um die Erinnerungsfähigkeit des Menschen und dessen selbst konstruierten Wirklichkeiten.

Schnell stellt man sich fragen wie: Entspricht alles das, an dass wir uns erinnern auch der Wirklichkeit?

 

„…wusstest du, dass wir, und damit meine ich unser Gehirn, zwischen Fiktion und Realität kaum unterscheiden können?“ - Laura Baines -

Chirovicis Thriller ist einfach und verständlich geschrieben. Die knapp 370 Seiten sind flott gelesen. Das Buch der Spiegel plätschert dabei aber so vor sich hin. Es wird als Thriller deklariert, ist aber keiner. Das Buch ist eher ein Roman mit vereinzelten Spannungsmomenten.

Dem Buch fehlt es an Farbe und Vielfalt der Sprache. So spricht Flynn kurz von den glücklichsten Jahren seines Lebens. Die Gefühle werden jedoch nie lang ausgeführt.

Die einzelnen Charaktere agieren, wie das gesamte Buch, eher ruhig und rational.  Als Konstrukteur ausgefeilter und aufeinander abgestimmter Intrigen, konnte sich Chirovici jedoch in jedem Fall beweisen.

Es wirkt so, als hätte der Autor vor lauter Konstruktion seiner Story die Spannung vergessen. Und die sollte beim Thriller nicht fehlen.

 

 

{C}{C}
Eine Literaturrezension von Redakteur Bobo Mertens
Das Buch der Spiegel
 

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Bobo Mertens
28.07.2017 - 13:07
  Kultur