Dunkelrestaurant "Mondschein"

Das Auge bleibt hungrig

Wir wagen den Selbstversuch und essen im Dunkeln – im Dunkelrestaurant "Mondschein" in Leipzig. Ein Abend voller Rätsel und Entdeckungen.
Dunkelheit
Mmh, lecker!

In einer kleinen Karawane, jede die Hand auf der Schulter der Vorderfrau, laufen wir durch die "Lichtschleuse". Unsere sehbehinderte Kellnerin Peggy führt uns an: "Keine Angst, hier gibt es keine Stufen und keine Schwellen. Jetzt einmal scharf nach links, dann wieder nach rechts ... Wie ihr seht, seht ihr nichts mehr." Und wir tappen im Dunkeln. Der erste Moment ist ein bisschen beängstigend, oder doch mindestens befremdlich. Da steht man alleine im Dunkeln und wartet, bis man hingesetzt wird. Ein bisschen hilflos fühlt man sich. Automatisch suchen die Augen nach Anhaltspunkten, aber vergeblich. Die Sicht, unser wichtigster und verlässlichster Sinn, ist außer Kraft gesetzt.

Dunkelrestaurant
Durch die "Lichtschleuse" geht es in die Dunkelheit.

Mit Peggys Hilfe finden wir Tisch und Stühle, und auch das Einschenken geht gut – mit Zeigefinger im Glas, um den Wasserstand zu überprüfen. Überhaupt stellen wir schnell fest, dass man am besten überall erstmal den Finger reinsteckt. Aha, das ist Soße, stelle ich fest, und das ist Brot mit ... Matsch? Zum Glück haben wir auch Servietten bekommen. Wir fragen Peggy, wie es hier nach Feierabend aussieht. "Als hätte 'ne Bombe eingeschlagen", sagt Peggy und wir hören sie grinsen.

Dass man nicht sieht, was der andere gerade macht, führt zu einem ständigen Strom an Gesprächsstoff: "Ich glaube, das ist Gulasch." – "Ich finde meinen Löffel nicht..." – "Mmh, das schmeckt!" – "Maaaann, wo hab ich den Löffel hingelegt?" Wir halten also fest, dass sich das Essen im Dunkeln besonders gut für Dates eignet. Die Restaurantleiterin Jessica Wittmann erzählt uns, dass es deswegen auch ein regelmäßiges "Blind-Date"-Event gibt. "Die ganzen oberflächlichen Sachen fallen einfach weg im Dunkeln, und mann muss immer kommunizieren, sonst sitzt man alleine da."

Dann beginnt das Rätselraten. Ich halte den Matsch für Frischkäse und die Soße für Dessert, weil sie süßlich schmeckt. Irgendwann kippen wir Kartoffeln, Fleisch und Möhren in die Soße, die sich später als Vorspeisensuppe entpuppt. Das Essen findet nicht mehr nebenbei statt, es ist die Hauptattraktion, ein Abenteuer, das es zu erkunden gilt. Möhren? Oder doch Kohlrabi? Ist in der Schale überhaupt noch was drin? Es wird gestochert, geschabt und getastet. Und gerochen, denn den Geruchssinn lernt man richtig zu schätzen, wenn man nichts sieht.

Nach einiger Zeit, wir haben schon längst jedes Gefühl dafür verloren, wie lange wir schon im Dunkeln sitzen, glaube ich plötzlich, wieder sehen zu können. Schemenhaft erkenne ich die Dimensionen des Raumes. Meine plötzliche Infrarotsicht entpuppt sich aber als Trick: "Ich habe dir ja am Anfang gesagt, dass du in einer Nische sitzt", erklärt Peggy, "und jetzt versucht das Gehirn, den Raum für dich sichtbar zu machen, indem es ihn rekonstruiert." Als Peggy mir von den Wänden und Säulen erzählt, die ich "übersehen" hatte, muss ich feststellen, dass ich wohl leider doch nicht zum Superheld tauge.

Egal, geschmeckt hat es trotz dieser bitteren Enttäuschung. Sogar die Maronensuppe war lecker, obwohl ich immer dachte, ich mag keine Maronen. Ich habe sie aber auch nicht erkannt. Mit gutem Grund erfährt man also auch erst im Nachhinein, was man da eigentlich gegessen hat, vor dem Essen wählt man aus einem Menü entweder "Vegetarisch", "Fleisch", "Meer" oder "Überraschung" mit blumigen Beschreibungen. Denn vielleicht isst das Auge ja nicht nur mit – manchmal verdirbt es einem auch das Essen.

Hört unser Abenteuer nach, kommentiert von Restaurantleiterin Jessica Wittmann:

Der Selbstversuch im Dunkelrestaurant Mondschein – eine Reportage von Maria Prawitz und Amy Wittenberg
Dunkelrestaurant Mondschein
 

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