Rotes Sofa: Jens Harder

Das älteste Buch der Welt

Ein übermächtiger König. Ein von Göttern geschaffener Gefährte. Eine Mission. So beginnt die Comicadaption "Gilgamesch" von Jens Harder. Doch warum sollte eine alte Geschichte heute noch relevant sein?
Lena Hähnchen und Jens Harder
Redakteurin Lena Hähnchen im Gespräch mit Comiczeichner Jens Harder.

In der Comicadaption "Gilgamesch" wird der Mythos um den zu zwei Dritteln göttlichen König neu erzählt. Dieser knechtet seine Untertanen, ist blutrünstig und ohne Moral. Ebenso, wie ein König aus Mesopotamien in der Vorstellung erscheint. Er erlebt zusammen mit seinem Gefährten Enkidu Abenteuer. Enkidu wurde von den Göttern geschaffen, um Gilgamesch einen Gegenpart zur Seite zu stellen. Zusammen ziehen sie gegen den Hüter des Zedernwaldes in den Kampf.

Die Geschichte, die auf der ältesten bekannten Dichtung basiert, spielt um 3000 vor Christus im Zweistromland, dem heutigen Irak.

Schon 1997 im Studium interessierte sich Jens Harder für Gilgamesch. Er stieß auf ihn durch seine Recherche für die Hausarbeit "Herakles und andere Supermänner". Anfang 2014 begann er dann die Arbeit an den Übersetzungen des Epos. Textpassagen sortierte er in einzelne zu zeichnende Teile. Danach skizzierte Harder das komplette Storyboard im Rahmen eines einwöchigen Ostseeurlaubs. Innerhalb von 16 Monaten arbeitete er die rund hundert Comicseiten und das Cover ab. Im Dezember 2017 veröffentlichte dann der Verlag Carlsen Jens Harders Comicadaption Gilgamesch.

Ein Teil der Faszination

Jens Harder beschreibt die gewählte Sprache selbst als gestelzt und ungelenk. Zusammen mit Raoul Schrott, der eine moderne Neudichtung des Epos veröffentlichte, diskutierte er lange über die Sprachwahl. Schrott meinte, dass diese „angestaubten Professorenformulierungen eine ganz schreckliche Sprache“ sei. Doch Harder war es wichtig den zeitlichen Aspekt in der Sprache zu transportieren. Außerdem machen für Harder die ungelenken Formulierungen einen Teil der Faszination aus:

Enkidu, dir, der du das Leben nicht kennst, will ich Gilgamesch zeigen, den so ungleich Gestimmten, der dich bereits in seinen Träumen kommen sah. Betrachte sein Angesicht, in Männlichkeit schön. Voll der Würde und stolz in der Haltung. Überreich am ganzen Leibe schläft er niemals.

Schamkat in "Gilgamesch" zu Enkidu

Wie die Sprache, so sind auch die Zeichnungen ungewöhnlich. Der Mythos, der durch Tontafeln überliefert wurde, findet bei Harder eine neue Form der Darstellung. Dabei sieht der Comic selbst wie Reliefs auf Tontafeln aus. Personen wurden ausschließlich in Frontal- und Seitendarstellung gezeichnet. Klare Linien, wenig Schraffur und keine Sprechblasen, sondern Textblöcke am Fuß jeden Bildes, werden als Stilform genutzt. Besonders auffällig ist, dass das komplette Buch von einem ocker-sandigen Ton durchzogen ist. Dies imitiert gut die viertausend Jahre alten Reliefs. Allerdings wird es so dem Leser erschwert, die Geschichte zu verfolgen. Mit einer differenzierteren Kolorierung hätten Höhepunkte und Stimmungen des Epos besser hervorgehoben werden können.

Parallelen zur heutigen Zeit

Harders Werk hat, wie alle seine Arbeiten, auch klare politische Dimensionen. Er zieht Vergleiche zwischen Gilgamesch und Trump. Der despotische Regierungsstil, der Bau einer gewaltigen Verteidigungsmauer oder zumindest das Vorhaben und die Meinung über Frauen eine, laut Harder, die beiden.

Beiden eigen sind ein starkes prahlerisches Element, ein hohes Maß an Selbstüberschätzung und Jähzorn, gepaart mit dem Hang zum Beleidigtsein, zum Selbstmitleid.

Jens Harder im Anhang von "Gilgamesch"

Harder meint, dass sich viele politische Probleme aus der heutigen Zeit auch im Mythos um Gilgamesch wieder finden. Mit dem Abholzen des Zedernwaldes, der vermutlich im heutigen Libanon lag, mildern Gilgamesch und Enkidu den wohl ersten dokumentierten Rohstoffmangel in der Stadt Uruk, die heute die irakische Stadt Warak ist. Der Protest der Bevölkerung in Uruk gegen ihren willkürlichen König erinnert Harder an die 99-Prozent-Bewegung von 2011.

Harder schildert den merkwürdigen Verlauf von dem Arbeiten an seiner Comicadaption verbunden mit den wöchentlichen Berichten über das Vorrücken des IS im Irak.

Zeichnete ich gerade einen Lamassu, einen dieser imposanten steinernen Torwächter, (...) musste ich kurz darauf in den Nachrichten den Anblick komplett fanatisierter IS-Anhänger ertragen, die gerade (...) eine bedeutende Stätte erobert hatten und (...) mit debilem Grinsen live vor der Kamera einen ebensolchen Lamassu mit Presslufthämmern zerstörten.

Jens Harder im Anhang von "Gilgamesch"

Er empfindet den Kontrast zwischen den Versuchen, eine Kultur zu vernichten, und seiner eignen mühevollen Arbeit, eben diese zu entdecken und sich anzueignen, als fatal.

Unter dem Strich

Harders Comicadaption "Gilgamesch" ist der Versuch einer Neuinterpretation eines alten Mythos. Harder wählte eine ungewöhnliche Form und Sprache, um die Jahrtausend alte Tafeln, die diesen Epos überlieferten, zu immitieren. Er hat somit die Geschichte um den König Gilgamesch einem neuen Publikum eröffnet und vermittelt im Anhang des Comics interessante Hintergrundinformationen.

Im Interview auf dem roten Sofa spricht Jens Harder über den historischen Hintergrund von "Gilgamesch", der besonderen Gestaltung seines Comics und seiner Faszination von Religion. Das Interview mit Jens Harder auf der Buchmesse finden Sie hier zum Nachhören:

Redakteurin Lena Hähnchen im Gespräch mit Comiczeichner Jens Harder.
1603 Interview Jens Harder
 

Kommentieren

Zum Autor:

Jens Harder, geboren 1970 in Weißwasser, ist Comiczeichner und Illustrator in Berlin. Er wurde mehrfach mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet. An der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studierte er Kommunikationsdesign. Seine Bilder wurden in verschiedenen deutschen Städten sowie in Jerusalem, Paris, Lissabon und vielen anderen Städten ausgestellt.

Besonderes Aufsehen erregte sein 350 Seiten dickes Album "Alpha" über die Evolutionsgeschichte und das folgende Buch "Beta", in dem die menschliche Zivilisationsgeschichte bis zu Jesus Geburt verbildlicht wird. Weitere sollen folgen.