Die Kolumne

Da steht ein Pferd auf dem Flur

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Christine Reißing über Trams mit Minderwertigkeitskomplexen, gestörte Gäule und Bierdeckel mit Bildungsauftrag.
Die Kolumne. Immer freitags bei mephisto 97.6, immer im Netz und immer mit den guten Fragen der Woche.
Was ist in dieser Woche passiert? Unsere Kolumnisten haben wie immer eine Antwort auf die wichtigsten Fragen.

Die Leipziger Verkehrsbetriebe bekommen in den nächsten zwei Jahren jeweils zwei Millionen Euro mehr als geplant. Hast Du schon Investitionsvorschläge?

Einigen Politikern sind die zwei Millionen ja immer noch zu wenig – wird das Geld doch nur zweckgebunden vergeben, für Gleise und Fahrzeuge. Dass die Tram Nummer Neun zum Cossi wiederkommen wird, das können wir vermutlich vergessen… Macht aber nichts – ist eh viel schöner, mit dem Rad zum See zu fahren. Ansonsten fristen die blau-gelben Bahnen irgendwie ein trostloses Dasein, oder? Alle, die mitfahren, sind genervt: Weil sie zu spät dran sind, weil sie keinen Platz finden, weil sie von unberechenbaren, nassen Regenschirmen umgeben sind, weil undezent-duftende Döner ausgerollt werden, weil sie endlich ankommen wollen. Arme Trams! Ich hoffe, sie müssen keine Therapie machen. Denn dafür reicht das Geld nicht.

Am Wochenende ist wieder Familienrennen auf der Galopprennbahn Scheibenholz. Die Tierschützer von PETA finden das nicht so lustig, denn die Peitschenhiebe bedeuten aus ihrer Sicht Angst und Schmerzen für die Pferde. Nach offizieller Rennordung sind fünf Peitschenhiebe erlaubt. Was sagst du: Wie viel Hauen ist vertretbar?

Christine Reißing vor Leuchtturm
Christine Reißing kommt eigentlich von der Nordseeküste. Im Bild: der Bierwerbungs-Klischee-Leuchtturm Westerheversand.

Rennordnung! Gibt es darin auch eine Leckerli-Obergrenze? Eine Maximalbreite für Damenhüte im Zuschauerraum? Aber ja, natürlich: Tiere verhauen ist nicht nett. Ich bezweifle allerdings sowieso, dass den Zossen das Rennen besonderen Spaß macht. Sie galoppieren mitten in der Stadt wie von der Tarantel gestochen im Kreis, während Geld auf sie gesetzt wird und eine Milliarde Patschehändchen sie nach dem Rennen streichen wollen. Wenn ich ein Pferd wäre: Ich würde ausrasten. Ganz im Geiste des Oglala-Anführers Tashunka Witko, auf Lakota: „Sein Pferd ist verrückt“.

Übrigens: Bei Wikipedia existiert eine schöne Liste berühmter Rennpferde – inklusive Lebenslauf. Das Pferd mit dem bescheidenen Namen Overdose hat demnach so einige Preise gewonnen – zum Beispiel die Goldene Peitsche. Da haben wir’s wieder. Aber das ist nicht alles, was Overdose zu bieten hat: Das englische Vollblut wurde in Ungarn als erstes Pferd aller Zeiten zum Sportler des Jahres gewählt. Allerdings ist Overdose 2015 gestorben. Bilder von der Trauerfeier finden Sie auf der ungarischen Website.

Mit Bierdeckeln gegen Stammtischparolen kämpfen: Das versucht die Integrationsministerin Köpping mit 130.000 Bierdeckeln, auf deren Vorderseite ein Vorurteil über Flüchtlinge steht, und auf der Rückseite Fakten und Gegenargumente. Jetzt kommen diese Deckel-Texte auch ins Fahrgastfernsehen der LVB. Was meinst du, funktioniert dieser Kampf?

Bierdeckel in der Tram braucht ja eigentlich keiner. Aber die Kampagne soll ja ohne Bierdeckel laufen, oder? Also Vorurteile samt Aufhebung als Checkliste auf dem Fahrgast-Bildschirm. Die Idee ist ja ganz gut gemeint. Aber Vorurteile mit Vorurteilen bekämpfen? Ich weiß nicht, ob es das bringt – und ob man das Prinzip der Kampagne auf Anhieb versteht. Außerdem scheint mir das Toleranzlevel in der Tram nicht besonders hoch zu sein. Da sind alle mit Durch-die-Gegend-purzeln, schwitzen und Aufs-Smartphone-starren beschäftigt. Und in Sachen Nahverkehrs-Style kommt ehrlich gesagt sowieso keiner an die Berliner Verkehrsbetriebe ran. Das zeigt allein schon das preisverdächtige Video „Is mir egal“. Andererseits: Versuch macht kluch. Und bei der Hoaxmap klappt das Gerüchte-Aufarbeiten ja auch. Die Karte sammelt regionale Gerüchte über Geflüchtete und widerlegt sie.

Und nächste Woche?

Feiere ich den internationalen Tag gegen Nuklearversuche. Vielleicht in der Party-Tram – aber ganz sicher ohne Rennpferd.

Die Kolumne zum Nachhören:

Da steht ein Pferd auf dem Flur. Christine Reißing über Trams mit Minderwertigkeitskomplexen, gestörte Gäule und Bierdeckel mit Bildungsauftrag.

Die Fragen stellte Tobias Schmutzler.

Pferde-Kolumne
 

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Christine Reißing
26.08.2016 - 10:44

Die Kolumne. Immer mit den guten Fragen der Woche. Und immer freitags im Faustschlag.