DOK Filmfestival

Crossdressing in Afghanistan?

Im restriktiven Afghanistan gibt es Mädchen, die als Jungen aufgezogen werden und das ist kulturell etabliert. Die Regisseurinnen Ginan Seidl und Yalda Afsah sprechen darüber in ihrem Film „Boy“.
Die Regisseurinnen Ginan Seidl (links) und Yalda Afsah (rechts).
Die Regisseurinnen Ginan Seidl (links) und Yalda Afsah (rechts).

Eine afghanische Weisheit sagt: Wer viele Töchter hat, kann seine Jüngste als Junge aufziehen und das nächste Kind wird ein Junge werden. „Bacha posh“ heißen diese Mädchen und Farah Noz ist so eine. Doch anstatt nach der Geburt ihres Bruders wieder zum „Mädchen“ zu werden, entschied die 14jährige ein Junge zu bleiben. Anders Elaha, sie hat sich selbst dazu entschlossen, auf der Straße Männerkleidung zu tragen und ihre weibliche Rolle selbstständig zu finden. Als erste Sängerin bei der Casting Show „Afghan Star“ wurde sie bedroht, auch um ihr Leben. Sie musste ihr Land verlassen und lebt heute in London.

In ihrem Dokumentarfilm „Boy“ begleiten Ginan Seidl und Yalda Afsah die Lebenswelten dieser beiden Mädchen. Im Interview mit Mephisto 97.6 reden die beiden Regisseurinnen über Crossdressing, afghanische Rollenbilder und wie der Film sie verändert hat.  

m97.6: 2013 wart ihr bereits in Afghanistan, habt recherchiert und mit sehr vielen Frauen gesprochen. Seid ihr dort vor Ort das erste mal auf „bacha posh“ gestoßen? Und wie habt ihr eure Protagonistin Farah Noz gefunden? 

Ginan Seidl und Yalda Afsah zu ihrem Film "Boy".
 

m97.6: Was ist das für eine Familie? Sie scheinen nicht sehr konservativ zu sein, lassen ihrer Tochter sehr viele Freiheiten. Liegt es daran, dass sie nicht auf dem Land, sondern in der viertgrößten Stadt Afghanistans leben oder sind sie besonders? 

Ginan Seidl und Yalda Afsah zu ihrem Film "Boy".

m97.6: Die Protagonistin Farah Noz ist 14 Jahre alt. Wie war der Dreh mit ihr?

Uns ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass es auch total hätte schief gehen können. So ein 14jähriges Mädchen der Kamera auszusetzen.

Yalda Afsah

Ginan Seidl und Yalda Afsah zu ihrem Film "Boy".
 

m97.6: Farah Noz' Geschichte allein hätte für einen Film gereicht, warum wolltet ihr eine zweite Frau porträtieren? 

Ginan Seidl und Yalda Afsah zu ihrem Film "Boy".

Es gab mehrere Angriffe auf sie und da hatte sie Glück, dass sie das überlebt hat.

Yalda Afsah

Elaha heißt das zweite Mädchen im Film "Boy". Heute lebt sie in London, wo Ginan Seidl und Yalda Afsah sie filmen. In Afghanistan hat sie als erste Frau nach dem Taliban Regime öffentlich gesungen und zwar bei der Casting Show "Afghan Star".

m97.6: Viele extrem-konservative Menschen konnten das nicht akzeptieren und haben sie bedroht, auch Morddrohungen wurden ihr geschickt. Was hat Elaha über ihre Erfahrungen in Afghanistan erzählt? 

Ginan Seidl und Yalda Afsah zu ihrem Film "Boy".

Es gibt eine Zwiegespaltenheit in der Gesellschaft, dass es halt Menschen gibt, die wollen ein ganz anderes System, ein ganz anderes Leben – gibt's glaube ich viele in Afghanistan. Und dann gibt es Leute, die so extrem sind, aber einfach so viel Macht haben.

Ginan Seidl

m97.6: Crossdressing in Afghanistan scheint also gar nicht solch eine Seltenheit zu sein. Es scheint, als würden die Frauen Männerkleidung vor allem als Schutz im öffentlichen Raum tragen. 

Ginan Seidl und Yalda Afsah zu ihrem Film "Boy".

“Boy” auf der DOK Leipzig

m97.6: Bei der Premiere von “Boy” sah die Familie von Farah Noz zum ersten Mal den fertigen Film. Was wollt ihr mit eurem Film erreichen?

Ich merke einfach, dass das Filmemachen dahingehend auch eine ganz andere Dimension annimmt. Für mich hat der Film auch was in meinem Leben verändert.

Yalda Afsah

Ginan Seidl und Yalda Afsah zu ihrem Film "Boy".
 
 

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Yalda Afsah

Lebt in Berlin, studierte Medienkunst in Halle, Berlin und Los Angeles
Filmografie:
Ferferak (2013)
Fillmore (2013)

Eigenraum (2012)

 

Ginan Seidl

Geboren 1984, Ginan Seidl lebt in Halle, studierte Plastische Kunst in Halle, Berlin und Mexico City. Sie nahm an der Media Master Class des Werkleitz e.V..

Filmografie:

Remote City (2015)

Ferferak (2013)