Cinemascope

Computerliebe

Sie können sich ein Leben ohne Smartphone nicht vorstellen? Aber würden Sie es auch heiraten? Der neue Film von Spike Jonze heißt "Her" und wirft einen Blick auf die Zukunft von unserem Verhältnis zu Technologie.
Eine innige Bindung zu seinem Smartphone ist kein Einzelfall. Im Film "Her" von Spike Jonze wird daraus eine Liebesbeziehung

Im Los Angeles der nahen Zukunft stimmt einfach alles. Das Wetter ist toll, Autos sind weit und breit nicht zu sehen und Computer werden vor allem durch Sprache gesteuert. Hier lebt Theodore Twombly, gespielt von Joaquin Phoenix. Ein ganz normaler Großstädter: Mitte Dreißig, frisch getrennt. Sein Geld verdient er, indem er für andere Leute Liebesbriefe schreibt. Als er ein neues intelligentes Betriebssystem ausprobiert, tritt Samantha in sein Leben. Die bezaubernde Stimme von Scarlett Johannsen bzw. ihrer deutschen Synchronsprecherin Luise Helm nimmt bald einen wichtigen Platz in Theodors Leben ein.

Theodore: Also die Frau mit der ich mich treffe, also Samantha, sie ist ein OS. – Amy: Du hast Dates mit einem OS? Wie ist das denn? – Das ist ganz großartig. Ich fühl mich ihr sehr nah. Und wenn ich mit ihr rede, hab ich das Gefühl, sie wär bei mir. – Sag mal, verliebst du dich in sie?

Regisseur Spike Jonze wirft in „Her“ elementare philosophische Fragen auf zur Beziehung zwischen Mensch und Technologie. Seit Fritz Lang in Metropolis eine Roboterfrau zum Leben erweckte, haben zahlreiche Maschinen, Cyborgs oder künstliche Intelligenzen Menschen auf der Leinwand herausgefordert, bekämpft oder sich in sie verliebt. Und was passiert, wenn ein Computer eifersüchtig wird? Auch das Betriebssystem Samantha stößt da an seine Grenzen.

Samantha: Und dann hatte ich die schreckliche Frage, sind diese Dinge wirklich real, oder sind sie nur programmiert. Und diese Vorstellung tut sehr weh. Und dann war ich sehr wütend auf mich, weil ich überhaupt so was wie Schmerz empfinde. – Theodore: Für mich fühlst du dich real an, Samantha. – Danke Theodore, das bedeutet mir sehr viel.

Flache schicke Computer mit Sprachsteuerung, allgegenwärtige Smartphones mit Knopf im Ohr: die Technologie aus der Zukunft ist derjenigen sehr ähnlich, die wir aus dem heutigen Alltag kennen. „Her“ wirkt daher überhaupt nicht wie ein Science-Fiction-Film. Statt kühlem, weißem Cyber-Design bestimmen warme Töne die Ausstattung des Filmes. Kleidung im 50er-Jahre-Schnitt, Holz, Leder und Flanell: Theodore wäre optisch im Leipziger Stadtteil Plagwitz genauso zu Hause wie in Los Angeles. Es fehlt nur ein Logo, um den ganzen Film zu einem aktuellen Werbespot für ein neues Technologie-Produkt zu machen. Und das ist vielleicht das einzige, was man „Her“ vorwerfen kann. Er ist ein bisschen zu schön, zu urban, zu sehr weiße kreative Mittelschicht. Und doch ist „Her“ auch ein sehr nachdenklicher Film.

Samantha: Ich hab mir früher viel zu viele Gedanken macht, dass ich keinen Körper habe. Aber jetzt gefällt es mir richtig. Ich bin nicht an Raum und Zeit gebunden. Ich stecke nicht in einem Körper fest, der zwangsläufig irgendwann stirbt. – Autsch. – Nein, nein so hab ich das nicht gemeint. – Samantha, wir wissen genau was du meinst. Wir sind nur dumme Menschen. – Nein, Nein. Tschuldigung.

Neben Theodor und Samantha gibt es in „Her“ wenig Schauspieler. Ein befreundetes Paar aus demselben Hochhaus spiegelt Theodors Beziehungsgeschichte. Auch hier entpuppt sich ein Betriebssystem bald als besserer Beziehungspartner. Die Einsamkeit in der Großstadt, die Theodore zu Samantha bringt, ist längst keine Zukunftsmusik mehr. Großstädte wie zum Beispiel Berlin bestehen zu mehr als der Hälfte aus Single-Haushalten. Statt direkt zu anderen Menschen haben viele Städter hauptsächlich Kontakt mit elektronischen Geräten. „HER“ stößt die Fragen an, die sich dadurch aufdrängen: Wie funktioniert Liebe? Was macht ein Bewusstsein aus? Ist Glück programmierbar? Und wird der Mensch vielleicht irgendwann zum Auslaufmodell?

Und trotz allem philosophischen Tiefgang ist „Her“ ein sehr emotionaler Film über die Zweisamkeit – auch für Menschen ohne Smartphone. 

 
 

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Simon Köppl
04.04.2014 - 14:16
  Kultur