Die Gefahr der Ausnutzung

Community- Kapitalismus

Silke van Dyk forscht als Soziologin an der Friedrich- Schiller- Universität Jena, wo sie sich mit der Soziologie des Wohlfahrtsstaates und dem Diskurs der Demografie befasst. Ein neueres, kritisches Phänomen sei der Community- Kapitalismus.
Erwachsene betreuen ehrenamtlich Kinder
Ehrenamtliches Arbeiten mit Kindern

Die Soziologin warnt davor, dass ehrenamtliches Engagement zu sehr ausgenutzt würde. Teilweise gelten ähnliche Bedingungen für freiwillige, unbezahlte Arbeit, wie für bezahlte Erwerbsarbeit. Diese Instrumentalisierung von Solidarität passiere zum Beispiel deswegen, weil öffentliche und freie Träger nur sehr geringe finanzielle Mittel zur Verfügung hätten. Ehrenamtliche dürften jedoch nicht als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden. Dieses Phänomen der Ausnutzung, welches van Dyk als Community- Kapitalismus beschreibt, erläutert sie näher in einem Interview mit mephisto97.6- Redakteur Tim Vogel.

 

Interview: Community- Kapitalismus

Community-Kapitalismus– meint das, dass Kapitalismus nur in Kombination mit Ehrenamt funktioniert?

Das ist die Idee, zu zeigen, dass damit der Kapitalismus funktioniert. Dass eben immer ein großes Maß an unbezahlter Arbeit, die lange nicht als Arbeit gesehen wurde– gerade im Bereich der sozialen Fragen, Pflege der Kinderbetreuung und so weiter– notwendig ist. Historisch gesehen haben vor allem Frauen diese Aufgaben wahrgenommen. Seitdem Frauen zunehmend auch vermehrt bezahlt erwerbstätig sind, stellt sich die Frage, wer übernimmt diese Aufgaben? Und da beobachten wir deswegen die Community, also die Gemeinschaft. Denn zunehmend werden gemeinschaftsförmige Hilfen in der Nachbarschaft, im Ehrenamt oder im Engagement in den Dienst genommen, um diese Lücken zu schließen.

 

Nun sind Sie ja Wissenschaftlerin und haben ein Forschungsprojekt durchgeführt. In der Medizin nimmt man, plump gesagt, ein paar Laborratten, gibt diesen ein Medikament und dann passiert etwas. Was genau haben Sie gemacht?

Wir sind noch mittendrin im Experiment. Was wir machen, ist, dass wir uns unterschiedliche Felder des Engagements angucken– die Pflege, die Flüchtlingshilfe und die kommunale Infrastruktur. Wir schauen uns diese Bereiche an, indem wir mit Engagierten Interviews führen, indem wir Menschen interviewen, die die Hilfe in Anspruch nehmen, indem wir mit Menschen an Vermittlungsstellen in Kommunen, die für die Betreuung Ehrenamtlicher zuständig sind, sprechen. Wir führen in bestimmten Bereichen auch teilnehmende Beobachtungen durch, um zum Beispiel Interaktionen in Engagementfeldern in den Blick zu bekommen. Und was wir natürlich auch machen– wir gucken uns Parteiprogramme, Regierungsverlautbarungen, Gesetze wie das Ehrenamtsstärkungsgesetz an, um uns auch hier anzuschauen, was sich verändert, wie wird Ehrenamt– wie wird Engagement in neuer Weise adressiert?

 

Was ist Ihr Lösungsvorschlag für die Problematik, dass ehrenamtliches Arbeiten immer mehr wie bezahlte Erwerbsarbeit behandelt wird?

Lösungsvorschläge können natürlich auf ganz unterschiedlichen Ebenen ansetzen. Zum Tag des Ehrenamtes in Berlin haben sich verschiedene Gruppen aus dem Feld der Flüchtlingshilfe zusammengetan und wollen quasi im symbolischen Sinne– weil es offiziell nicht geht– eine Gewerkschaft der Engagierten und Freiwilligen gründen. Die andere Ebene ist natürlich, wer übernimmt diese Aufgaben, wer ist für diese Aufgaben zuständig? Da denke ich, ist der Sozialstaat gefragt. Und demnach müssen wir definitiv, wenn es immer mal wieder heißt, wir sind auf die Ehrenamtlichen angewiesen, denn wir müssen so viel sparen, genau dieses vermeintliche Spardiktat, diese Sparnotwendigkeit politisieren und infrage stellen.

 

Sie als Wissenschaftlerin stellen offensichtlich ja auch politische Forderungen. Inwiefern sind Sie denn neutrale Wissenschaftlerin und inwiefern politische Akteurin?

Tatsächlich haben die Sozialwissenschaften richtigerweise nicht den Anspruch, dass sie neutral forschen. Das können sie nicht. Was wir machen, und das ist der Unterschied zum politischen Aktivismus, wir weisen sorgfältig aus, wie wir uns dem Gegenstand nähern. Wir machen es intersubjektiv nachvollziehbar, wie wir zu unseren Ergebnissen kommen. Denn nur wenn ich in dieser Weise transparent über den Forschungsprozess und meine Schlüsse, die ich daraus ziehe, bin– dann haben andere die Möglichkeit einzuharken und zu sagen, das sehe ich anders; hier sind unsere Ergebnisse anders; hier sind wir anders ins Feld gegangen.

 

Das Interview können Sie hier auch nachhören:

mephisto97.6- Redakteur Tim Vogel im Interview mit der Soziologin Silke van Dyk
 

 

 

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