Konzertbericht

The cockroach is not dead!

Nach gemeinsamer US-Tour haben Papa Roach und Five Finger Death Punch nun ihren Weg nach Deutschland gefunden. Am Montag spielten die amerikanischen Rockgrößen in der Arena Leipzig. Mit im Gepäck: Jede Menge Verstärker, Weltschmerz und gute Laune ...
Papa Roach in der Arena Leipzig
Der Mann, der niemals still steht: Papa Roach Frontmann Jacoby Shaddix mit Gitarrist Jerry Horton

Erwartungen

Ok, ich oute mich schon mal vorab – seit zehn Jahren begleiten mich Papa Roach mit ihrer Musik auf Schritt und Tritt. Bisher habe ich die kalifornischen Alternative Rocker zweimal live erleben dürfen – das letzte Mal im Haus Auensee in Leipzig. Man könnte mich also durchaus als Roachaholic bezeichnen. Beide Male war ich von der Energie und der Spielfreude der Band begeistert. Frontmann Jacoby Shaddix ist dafür bekannt, dass er den direkten Kontakt zu seinen Fans sucht. Dementsprechend groß war meine Vorfreude auf das Konzert in der Arena Leipzig - und dann auch noch zusammen mit Five Finger Death Punch! Als die-hard Papa Roach Fan konnte ich mir dieses Spektakel natürlich nicht entgehen lassen, zumal ich in den vergangenen Monaten auch einen kleinen Narren an Five Finger Death Punch gefressen hatte. Die Metaller aus Las Vegas hatte ich bisher noch nicht live gesehen – die Co-Headliner-Tour mit Papa Roach mutete für mich also wie ein Geschenk des Himmels an. Zum Deutschland-Auftakt luden die US-Größen am Sonntag in Hannover. Nachdem ich monatelang gewartet hatte, stand am Montag nun endlich auch Leipzig auf dem Tourplan, die einzige Station in ganz Mitteldeutschland.

Erster Eindruck

Eine Stunde vor Einlass machte ich mich auf den Weg zur Arena. Ganz Fan-Girlie-like wollte ich unbedingt einen der vorderen Plätze am Brecher ergattern. Vor Ort die bittere Erkenntnis – ich hätte mir wohl noch ein bisschen Zeit lassen können, vor mir ist nur eine kleine Schlange von circa dreißig Leuten. Die Zeiten, in denen tagelang vor Konzerthallen gecampt wurde, sind wohl endgültig vorbei. Die Stimmung vor der Halle ist gelassen, regelrecht tiefenentspannt. Ich bin wohl nicht die Einzige, die Papa Roach schon mehrere Male beim Live-Musizieren zugucken durfte. Für den Mann vom Ausschank, der uns über mehrere Runden mit seinem Bierwägelchen umkreist, ist es ein Trauerspiel. Entgegen aller Erwartungen rennt keiner der wartenden Metalheads ihm die Bier-Bude ein – obwohl der Typ vor mir allen Ernstes einen Bierbecher-Halfter um die Hüften hat. Als ich dann noch meine Flasche Wasser zücke, sind für den Bierausschenker wohl vorerst Hopfen und Malz verloren. Mein Blick schweift neugierig zu den anderen Gästen – für wen schlägt ihr Herz, frage ich mich. Papa Roach oder doch Five Finger Death Punch? Eines haben sie alle gemeinsam: Schwarz ist chic, Fan-Shirts oder -Hoodies gehören zur Grundausstattung und auch die ein oder andere Metal-Kutte gerät in mein Blickfeld. (Five Finger Death Punch lässt grüßen!) Das farbenfrohste Kleidungsstück, das ich an diesem Abend sehe, ist blau. Das scheint auf einem Rock-/Metal-Konzert aber auch schon das Höchste der Gefühle zu sein. Der Einlasser erkundigt sich schon mal grinsend, ob wir auch alle unsere Ohropacks dabei haben – ein Scherzkeks. Schmunzelnd wird seine wohl kaum ernst gemeinte Frage von den Wartenden mit einem „Waaaaas? Wir können dich nicht hören?!“ quittiert. Kaum öffnen sich für uns die Tore der Arena, da schlendern auch schon die ersten zum Merchandise-Stand – und ich werde unangenehm daran erinnert, dass ich mal wieder verpeilt habe, genug Geld mitzunehmen, um mir endlich einen Papa Roach Hoodie kaufen zu können – ein Vorhaben, das ich jetzt schon seit geschlagenen zwei Konzerten mit mir rumschleppe. Aus dem Internet bestellen kommt für mich nicht in Frage – da steckt ja schließlich keine Erinnerung drin.

Als ich die Arena betrete, fällt mir sofort auf, dass für das Konzert nur etwa die Hälfte der Halle genutzt wird. Ich bin etwas irritiert. Ich hätte mit einem volleren Haus gerechnet, wo doch die Shows in Hannover, Frankfurt und München ausverkauft sind. Die Bühne liegt mittig und ist auch nicht so riesig, wie ich es in der Arena eigentlich erwartet hätte. Zusammen mit ein paar dutzend anderen Besuchern schlendere ich gemächlich Richtung Bühne und sichere mir mühelos einen Platz an vorderster Front. Ein bekanntes Gesicht – der Typ mit dem Bierbecher-Halfter steht neben mir. Seine Ausbeute hält sich allerdings noch in Grenzen. Als die erste Vorband Devil You Know eine Stunde nach Einlass zu spielen beginnt, ist die Halle noch nicht mal ansatzweise voll. Ich habe gemischte Gefühle. Einerseits freue ich mich über so viel ungewohnten Platz zum Abgehen, andererseits fühle ich mich auch etwas einsam. Das bin ich von Rockkonzerten eigentlich nicht gewohnt, wo man sich im Normalfall wie eine von vielen Sardinen aus der Dose fühlt.

Musik & Show

Eigentlich schade, dass nur so wenige da sind, denn die aus Los Angeles stammende Metalcore-Band Devil You Know liefert eine durchaus solide Leistung ab. Für die Mitglieder der Band ist das 2012 gegründete Projekt nicht das erste. So ist Sänger Howard Jones vor allem als langjähriger Frontmann von Killswitch-Engage bekannt. Nicht nur seine Screams und Growls sondern auch seine Gesangsstimme überzeugen mich auf ganzer Linie. Da steckt jahrelanges Training und perfektionierte Technik dahinter, denke ich mir. Schön zu sehen, dass er sich seine Stimme noch nicht zerschossen hat. Für meinen Geschmack hätte es allerdings gerne ein bisschen mehr Gesang sein können, da der im Metalcore aber eher knapp bemessen wird, schreit sich Jones eine halbe Stunde lang die Seele aus dem Leib. Wer zarte Gehörgänge hat, sollte sich an diesem Abend wohl besser nicht in die Arena verirren. Zwischen den Titeln spricht Jones immer wieder mit dem Publikum, reißt Groupie-Witze und versucht die Zuhörer anzuheizen.

Look at all these lovely ladies here in the front row. You - backstage - in 25 minutes. Howard Jones von Devil You Know

Die Band ist durchaus sympathisch, doch leider wird unser kleines Zuschauergrüppchen nicht so richtig warm. Der Applaus ist ehrlich gemeint aber zurückhaltend. Dennoch: Durch stetes Kopfnicken werden die Nackenmuskeln langsam aber sicher auf das Headbanging vorbereitet. Na also, nach oben ist doch noch alles offen. Nach nur vier Liedern beenden Devil You Know ihre Show und sind so plötzlich verschwunden wie sie die Bühne betreten haben.

Die ist nun frei für die zweite und letzte Vorband des Abends: Eskimo Callboy. Das Bühnenbild wirkt extravagant, Glaskästen mit Spiegelscherben und Disko-Kugeln zieren nun den Bühnenrand. Die 2010 gegründete Trancecore-Band aus Castrop-Rauxel wartet gleich mal mit einem eigenen Band-Maskottchen auf, das zu Beginn des Sets von Nebelschwaden umhüllt auf die Bühne schleicht – ein halbnackter Typ mit überdimensionaler Hasenkopfmaske und Baseballschläger. Während er sich mit nackter Brust der langsam aber sicher eintrudelnden Menge präsentiert, zeigt er mit seinem Baseballschläger auf die Zuschauer. Wenn ich an die Schläfrigkeit des Publikums bei Devil You Know denke, glaubt der paranoide Teil in mir für einen kurzen Moment, eine versteckte Drohgebärde zu erkennen. Dann stürmt die junge Band auf die Bühne und überrascht mit gleich zwei Sängern, Sebastian Biesler und Kevin Ratajczak, die zu einer wilden Mischung aus Metalcore und Elektrobeats um die Wette screamen.

Eskimo Callboy im Vorprogramm von Papa Roach & Five Finger Death Punch
Sebastian Biesler und Kevin Ratajczak von Eskimo Callboy

Die Band macht aus ihrem Auftritt eine einzige Party. Beide Sänger pulsieren vor Energie, vor allem Biesler springt wie wahnsinnig durch die Gegend und verleiht den aggressiven Klängen der Eskimo Callboys eine physische Präsenz. Insgeheim frage ich mich, ob sich Biesler vor der Show Styling- und Performance-Tips von Papa Roach Frontmann Jacoby Shaddix geholt hat. Zumindest den Kajal hat er etwas großzügiger aufgetragen und wirkt mit seinen schwarz geschminkten Augen, den verschieden farbigen Kontaktlinsen und dem zerzausten Hairstyle ein wenig wie ein untoter Werwolf. Eskimo Callboy wissen, wie man eine unterhaltsame Freakshow auf die Bühne zaubert.

Eskimo Callboy im Vorprogramm von Papa Roach & Five Finger Death Punch
Sie haben es ins Vorprogramm ihrer Idole geschafft: Die deutsche Band Eskimo Callboy

Gesanglich können mich die beiden Sänger jedoch leider nicht überzeugen. Ihre Stimmen scheinen angeschlagen von den unkontrolliert wirkenden Screams. Dennoch: Die Menge wirkt nun wacher, vielleicht auch deshalb, weil Eskimo Callboy den Auftritt von Papa Roach ankündigen und damit auch den letzten Müden warm werden lassen. Auch sie beenden ihre Show nach einer halben Stunde und lassen eine gut gefüllte, aber dennoch nicht aus den Angeln brechende Halle zurück. Die Ränge bleiben auch weiterhin spärlich besetzt.

Das extravagante Bühnenbild der Eskimo Callboys muss einem schlichteren weichen. Lediglich das Bild einer auf dem Rücken liegende Kakerlake verheißt den nächsten, unmittelbar bevorstehenden Auftritt. Papa Roach Fans wissen, was jetzt gleich kommt. Die Aufregung steigt. Gegen 20.30 Uhr ist es dann endlich so weit – die Arena wird dunkel, Nebelschwaden hüllen die Bühne ein, das Intro zur aktuellen Platte F.E.A.R. läuft … die Menge drängt immer dichter zusammen, zum ersten Mal an diesem Abend ahne ich, dass mich wohl gleich wieder dieses altbekannte Sardinen-Gefühl erfassen wird. Als Gitarrist Jerry Horton, Bassist Tobin Esperance und Drummer Tony Palermo auf die Bühne kommen, brandet Jubel auf. Die Musiker grüßen lächelnd in die Menge. Die Zuschauer drängen weiter nach vorne. Just erklingen die ersten dynamischen Takte von Face Everything And Rise und dann stürmt auch schon Sänger Jacoby Shaddix wie ein Wirbelwind auf die Bühne und gibt von der ersten Sekunde an Vollgas.

Papa Roach in der Arena Leipzig
Die Shaddix-Maschinerie läuft auf Hochtouren

Die Menge rastet aus. Ich bin fast ein wenig überfordert von der plötzlichen Enge. Der Kontrast zur Stimmung bei den Vorbands ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Als mich mehrere Körper auf einmal gegen meinen Vordermann pressen, bleibt mir kurz die Luft weg. Ich fahre meine Ellbogen aus um meinem Brustkorb wenigstens ansatzweise eine Sicherheitszone zu geben. Gott sei Dank leide ich nicht unter Platzangst. Nachdem ich mir zum x-ten Mal in zehn Minuten meinen Schopf eingeklemmt habe, fluche ich zum ersten Mal über meine langen Haare. Wenn ich sie wenigstens zum Headbanging gebrauchen könnte, aber nein – dafür sind mir mein Vorder-, Hinter-, Neben- und Obermann zu dicht auf den Fersen. Ja, Obermänner – diese seltene Spezies tritt an diesem Abend tatsächlich zu Tage. Ich bin damit beschäftigt, mehreren crowd surfenden Körpern und ihren unkontrollierbaren Gliedmaßen auszuweichen. Gleichzeitig versuche ich dabei nicht mit meinen Nachbarn zu kollidieren. Ich entschuldige mich an dieser Stelle schon mal bei allen, denen ich unabsichtlich auf die Füße getreten bin, die ich gekratzt oder denen ich aus Versehen das Handy aus der Hand geschlagen habe.

We love coming to Germany - 'cause you guys know how to rock 'n' roll. Jacoby Shaddix von Papa Roach

Es dauert nicht lang, da habe auch ich die erste Schockwelle überstanden und mich eingegrooved. Papa Roach warten mit einer ganzen Bandbreite alter und neuer Songs auf. Von jedem Album und für jeden Geschmack ist etwas dabei. So spielen sie unter anderem Titel wie Forever, Warriors, Scars und Kick In The Teeth. Auch ihre aktuelle Single Gravity performen Papa Roach – in Deutschland leider ohne In This Moment's Maria Brink, die ich nur zu gerne auch einmal live erlebt hätte. Bei Between Angels And Insects fordert Coby die Menge auf, die erste richtige Moshpit des Abends zu bilden. Die Zuschauer lassen sich nicht lange bitten. Die Menschen rennen im Kreis, von einer Seite zur nächsten, Körper prallt auf Körper, wenn einer fällt, dann fällt er richtig. Einige Mutige lassen sich beim Crowd Surfing durch die Menge tragen und ein Glücklicher fällt Jacoby im Graben direkt vor die Füße, der ihn daraufhin in die Arme nimmt.

Papa Roach, Arena Leipzig
Papa Roach-Frontmann Jacoby Shaddix nimmt ein Bad in der Menge

Ich habe Papa Roach noch nie schlecht gelaunt erlebt, aber heute ist die Band besonders gut drauf. Jacoby spricht viel mit dem Publikum, geht an die fünf Mal in den Graben um Hände zu schütteln und Fans zu umarmen. Jacoby ist ein menschliches perpetuum mobile. Wo dieser kleine Mann seine schier unerschöpfliche Energie hernimmt – das frage ich mich jedes Mal. Er springt über die Bühne, wirbelt herum, rennt von einer Ecke zur nächsten und schlägt sich dabei mit diesem irren Hollywood-Whore-Blick das Mikro gegen den Kopf. Und weil er immer noch überschüssige Energien hat, macht er gleich mal Liegestütze auf seinen Fäusten, nur um im nächsten Moment wieder mit melodisch-brachialer Stimmgewalt zurück zu sein. Er kommt ins Schwitzen, aber niemals aus der Puste.

Papa Roach in der Arena Leipzig
Keine Spur von Berührungsängsten: Jacoby Shaddix

Wenn Jacoby singt und rappt, dann hat man immer ein wenig das Gefühl, als ginge es um sein Leben. Genau darum geht es bei Papa Roach – sich mit den eigenen inneren Dämonen auseinander zu setzen und ihnen den Kampf anzusagen. Die Texte bestechen vor allem durch ihre Ehrlichkeit und Authentizität.

Papa Roach in der Arena Leipzig
Frontmann Jacoby Shaddix gibt alles

Als Papa Roach ihren All-Time-Klassiker Last Resort zum Besten geben, gibt es für die Menge kein Halten mehr. Ich bereite mich mental schon mal auf die zweite Schockwelle vor. Jacoby stellt sich auf den Brecher, unsere Hände strecken sich ihm entgegen und dann hält er mir das Mikro vor die Nase. Ich singe lauthals und vollends begeistert mit. Ich hätte nicht gedacht, dass Papa Roach sich in puncto Live-Performance noch einmal selbst übertreffen würde. An diesem Abend wurde ich eines Besseren belehrt. Sogar der Security-Mann hatte sichtlich Spaß an seinem Job - ausnahmsweise. Als sich Papa Roach nach einer Stunde und fünfzehn Minuten mit To Be Loved von der Bühne verabschieden, fühle ich mich ausgelaugt und energiegeladen zu gleich. Irgendwie hat Jacoby es geschafft, seine Power auf mich und tausende andere Zuschauer zu übertragen.

Ich werde just aus meiner Glückseligkeit herausgerissen, als ich nach Papa Roach gefühlt die Hälfte aller Zuschauer die Arena verlassen sehe. Das kann doch jetzt nicht euer Ernst sein, oder?! Beim Auftritt von Five Finger Death Punch eine halbe Stunde später habe ich wieder jede Menge Platz für Stretching-Übungen. Doch für großartige sportliche Aktivitäten ist leider keine Kraft mehr da. Meine Energie habe ich bei Papa Roach verbraucht und neben mir sehe ich viele, denen es ähnlich zu gehen scheint. Es tut mir in der Seele weh, denn Five Finger Death Punch sind live wirklich gut. Sänger Ivan Moody, Gitarrist Jason Hook und Co. eröffnen ihre Show mit Lift Me Up und machen dabei ordentlich Lärm.

Five Finger Death Punch in der Arena Leipzig
Die "One Band Army" bläst zum Angriff auf die Ohren - Five Finger Death Punch in der Arena Leipzig

Ich habe mich innerlich schon auf noch mehr Blessuren, Kratzer und Haarverlust eingestellt und bin fast etwas enttäuscht als die erwartete Moshpit-Eskalation verhältnismäßig zahm ausfällt. Kurze Zeit später brüllt Moody auch schon lauthals in die Runde: „Are you alive?“ Diesen Satz habe ich ihn schon mal auf einer Live-CD brüllen hören, also gehe ich von einer Floskel aus, obwohl die Frage angesichts der erschöpften Gesichter in der Menge durchaus ihre Existenzberechtigung gehabt hätte. Papa Roach hatten an diesem Abend in der Tat die Pole Position. Dennoch: Five Finger Death Punch sind eine musikalische Brachialgewalt. Wenn ich die Band, deren Name von einer fiktiven aber potentiell todbringenden Kung-Fu-Technik inspiriert ist, mit einem Wort beschreiben müsste, dann würde ich sie wohl ehrfürchtig als „One-Band-Army“ bezeichnen. Die aggressiv-eindringliche Metalpower ihrer Songs und die harsche Gesellschaftskritik ihrer Texte würden wohl jedem Bulldozer bei einem Häuserabriss Konkurrenz machen.

Five Finger Death Punch in der Arena Leipzig
Ivan Moody in seinem Element
Klassiker wie Bad Company, Hard To See und Battle Born, aber auch neue Songs wie Jekyll And Hyde und Got Your Six vom gleichnamigen Album sollen uns so richtig in den Allerwertesten treten. Das würden sie vielleicht auch – wenn die Band nicht alle zwei Songs für ein kleines Päuschen nutzen würde und die Halle mitten im Set in eine verstörende Dunkelheit mit Musik vom Band hüllen würde. Das kühlt ungemein herunter. Ein Drum-Solo von Schlagzeuger Jeremy Spencer aka das Skelett mit dem seltsamen leuchtenden Zahnschutz, der den Disko-Kugeln von Eskimo Callboy ein wenig Konkurrenz macht, hellt meine Stimmung wieder auf. Mein absolutes 5FDP-Highlight ist eine wunderschöne Akustik-Version meines Lieblingsliedes Wrong Side Of Heaven. Moody's Stimme ist einzigartig. Sie besticht durch ihren dunklen Reibeisenklang, der sowohl aggressiv und eindringlich als auch melodisch und gefühlvoll sein kann. Seine Stimme ist eine Waffe. Entsprechend gestaltet ist auch sein Mikrofonständer, ein menschliche Wirbelsäule aus Silber, die ein Totenkopf, eine Pistole und Granaten zieren.
Five Finger Death Punch in der Arena Leipzig
Wütend auf eine scheinheilige Gesellschaft: Ivan Moody, Frontsänger von Five Finger Death Punch

Auch Five Finger Death Punch sind an diesem Abend gut drauf. Sie albern herum und spielen Rock- und Metalklassiker an, um uns in puncto Textsicherheit zu testen. Hook hat die Spendierhosen an und wirft wie wild mit Plektren um sich während Moody mehrfach in den Graben geht, um Hände zu schütteln oder die Zuschauer mit einer Ladung Wasser ihrer Five Finger Death Punch Taufe zu unterziehen. Ich muss mehrmals mein Handy vor ihm in Sicherheit bringen. Ungefähr in der Mitte des Sets holt Moody eine Hand voll Fans auf die Bühne, die vor dem Schlagzeug geparkt werden und dort für mehrere Songs den Ausblick auf die Menge genießen dürfen. Auch wenn es wohl als nette Geste gedacht war, hätte ich mir doch eine intensivere Einbindung der Fans in das Geschehen auf der Bühne gewünscht. Irgendwie wirkte alles ein wenig wie bestellt und nicht abgeholt. Eine spontane Gesangseinlage oder Interaktion mit den Musikern hätte wohl mehr Sinn ergeben. Am Ende gibt es zumindest eine herzliche Umarmung für alle.

Five Finger Death Punch in der Arena Leipzig
Harte Schale, weicher Kern: Five Finger Death Punch holen ihre Fans auf die Bühne

Nach anderthalb Stunden beenden Five Finger Death Punch ihre Show, geben aber im Gegensatz zu Papa Roach noch eine Zugabe, bei der die Fans noch einmal alles geben, um ihre Idole würdig von der Bühne in der Arena Leipzig zu verabschieden.

An der Straßenbahnhaltestelle angekommen, erfahre ich dann auch, wer am verspäteten Eintreffen vieler Konzertbesucher Schuld ist. Wie könnte es anders sein? Legida.

Was in Erinnerung bleibt

Trotz der anfänglichen Startschwierigkeiten - verdammt, der Abend war richtig gut. Papa Roach haben mal wieder ihre Größe unter Beweis gestellt. Die Energie, der Drive, der Wahnsinn, den die Band in ihre Auftritte legt ist legendär. Jacoby und seine Jungs sind eine echte Live-Gewalt, sie reißen mit und wirken dabei noch so sympathisch, so am Boden geblieben trotz (oder gerade wegen?) ihres mittlerweile schon zwanzig Jahre andauernden Erfolges. Klar, Papa Roach haben sich schon längst nicht mehr nur dem reinen Nu-Metal á la Last Resort verschrieben. Sie sind melodischer geworden, machen heute mehr Alternative Rock als brachialen Crossover, die Rapeinlagen in den Songs sind überschaubar – ein Punkt, den viele Fans der ersten Stunde kritisieren. Die Band sei zu weich geworden, zu kommerziell – so ist die letzte Platte des Quartetts, F.E.A.R., die im Januar diesen Jahres veröffentlicht wurde und sich bereits in der ersten Woche auf Platz 15 der amerikanischen Billboard 200 Charts katapultierte, verstärkt mit Elektro-Elementen durchsetzt. Die Klänge mögen für den ein oder anderen ungewohnt sein, wer aber der Chronologie der Alben von Papa Roach folgt, wird schnell merken, dass die Band keine musikalische ad hoc Wandlung wie etwa Linkin Park vollzogen hat. Papa Roach haben sich Schritt für Schritt weiterentwickelt, experimentieren mit neuen Sounds und haben dabei aber – und das ist der entscheidende Punkt – nichts von ihrer berstenden Schlagkraft verloren. Auch die neuen Songs gehen gut ab. Schwäche und Weichspüler-Rock? Die Moshpit erzählt eine andere Geschichte. Jacoby ist in allererster Linie ein Sänger, kein Rapper. Seine Stimme gibt eben mehr her – so get over it! Die Liebe zu ihren Fans macht Papa Roach einzigartig. Sie scheuen sich nicht vor Fankontakt, im Gegenteil, sie scheinen ihn regelrecht zu suchen. Jacoby ist ein Rockstar zum Anfassen. Selten habe ich einer Band so guten Gewissens ihren Erfolg gegönnt. Es ist schön zu sehen, dass Papa Roach auch noch nach so langer Zeit im Geschäft so viel Freude an der Musik haben und dabei ihre Wurzeln nicht vergessen. Was du als Roachaholic an Herzblut investierst, bekommst du bei ihren Live-Performances tausendfach zurück – und das ist eine krasse Seltenheit. Sie sind dankbar und dafür liebe ich sie. Solange Papa Roach auftreten, werde ich ihnen auch weiterhin wie eine Verrückte die Bude einrennen.

Auch von Five Finger Death Punch und Devil You Know war ich in puncto Sympathie angenehm überrascht. Musikalisch sind 5FDP echte Granaten. Schade fand ich die kurzzeitigen Unterbrechungen im Set, die sehr viel Energie aus der Menge genommen und den ein oder anderen mitten im Jump haben erstarren lassen. Das Konzept einer Co-Headliner-Tour klingt zwar im ersten Moment geil, nur ist man sehr schnell ernüchtert, wenn man merkt, dass man sich beim ersten Headliner dermaßen ausgepowert hat, dass einem die Kraft für die zweite große Band des Abends fehlt. Auch die Arena war als Location (in Leipzig!) vielleicht ein wenig zu hoch gegriffen. Ich hatte schon am Anfang geahnt, dass es nicht so voll werden würde, wenn nur die Hälfte der Halle in Betrieb ist, aber dass auf den Rängen bzw. auf der Fläche so viele Löcher klaffen, hat mich ein wenig traurig werden lassen. Für die Bands, die sich trotzdem für uns den Arsch aufgerissen haben, muss das – zumindest zeitweilig - ein ziemlich deprimierender Anblick gewesen sein, den sie einfach nicht verdient haben. In Erinnerung bleibt mir lustigerweise der Typ mit dem Bierbecher-Halfter neben mir – am Ende des Abends hatte der einiges an Pfand zusammengesammelt. Vielleicht sollte ich mir diese äußerst kluge Taktik für das nächste Papa Roach Konzert merken – dann wird’s vielleicht doch noch mal was mit dem Hoodie.

 

Kommentieren

Papa Roach in 140 Zeichen:

Five Finger Deathpunch in 140 Zeichen: